Sarah Kirsch: Alles Spatzen und Gänseblümchen, 2007, Der HörverlagKrähengeschwätz von Sarah Kirsch, 2004, DVASarah Kirsch zum 75. Geburtstag
Remmidemmi in Tielenhemmi

Von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 15.4.2010:

Hinter Sonnenaufgang und Mondlicht, Phlox und Rosen lauert ihre pfeilsichere Lästerzunge: Sarah Kirsch lebt am Weltenrand von Tielenhemme. Dort ist jetzt Remmidemmi, denn die Lyrikerin feiert ihren 75.

Nichts Neues bei Sarah Kirsch, die Motive fliegen mit den Vögeln zu. Auch Deichschaf und Esel, Hund und Katz zeigen sich verständig. Wind und Weite, Sonnenaufgang oder Mondlicht, Phlox und Rosen geben die Kulisse für ungewisse, deutungsreiche Wechselspiele des Lebens.

Zehn Prosabändchen geht das schon, dieses Treiben im Gartenreich von Tielenhemme hinterm Eiderdeich im Dithmarscher Land. Dort gibt es weniger Zumutungen der Moderne, dafür Zeit wie Heu. Man glaubt hier alles zu kennen, auch mit den Raben ändert sich kaum noch was, aber sind ein paar Seiten gelesen, kann man sich wiederum weder dieser bunten Leichtigkeit des Seins noch dieser pfeilsicheren Lästerzunge entziehen.

Schwanenliebe von Sarah Kirsch, 2001, DVAZum aufgeregten Gedränge im Literaturbetrieb, selbst zu seinen Honoraren, verhält sie sich ironisch, aber "das auszuschlagen wäre doch Sünde". Nach jeder Lesereise heißt es am Weltrand Tielenhemme: "Hier bin ich sehr sehr gern immerdar." Die Dichterin weiß, wie die Dinge im Leben stehen.

Hatte sich Sarah Kirsch in ihrer tagebuchnahen Prosa vor zwei Jahren mit "Sommerhütchen" bis zum September 2004 gezeigt und damit bedrohlich der Gegenwart angenähert, kehrt sie unter "Krähengeschwätz" in die Gründerjahre von Tielenhemme zurück. In der Zeit vom 7. März 1985 bis zum 15. Dezember 1987 werden nicht nur ein fünfzigster Geburtstag und ein zehnter Jahrestag der West-Existenz gefeiert, sondern auch die Schafweiden arrondiert und das alte Schulhaus weiter ausgebaut.

Nach zwei Jahren lebt Sarah Kirsch ungeachtet ihres Südharzer Idioms mit den Dithmarschern im Einklang, ob Bauer, Schäfer oder Viehdoktor. Die alte Bauersfrau, die ihr die Schafsweiden verpachtet, "trug einen verblichnen Parka wohl von einer ihrer Enkelinnen für den Garten vererbt mit dem lebensgroßen Porträt mit Che Guevara. Mannomann hab ich lachen gemusst!" Auch gelacht, weil Anfang der siebziger Jahre ein Poster mit Che die eigene Wohnung im Prenzlauer Berg überstrahlte. Die Erinnerung hinter der Erinnerung steht zwischen allen Zeilen. Zum Ernst des Tages gehört das erfüllte Behagen: "Das Stroh in viereckigen Tafeln wird hochgeschmissen und fällt locker und glänzend zu Boden, wird schön verteilt. Nicht vergleichbar der Genugtuung, wenn man etwa Betten bezog. Besser, viel besser."

Aber der ländliche Alltag mit Blütenpurpur, Vogelrauschen und Schafsnasen in Wind und Nebel ist nur der Fond für einen "Wallungswert" (Benn), den Sarah Kirsch für ihre Dichtung braucht. Vierzehn Gedichte aus der Sammlung "Schneewärme" sind unter die Prosa-Miniaturen "locker und glänzend" gestreut. Und schon wird alles zum Blick in eine Motiv- und Wortwerkstatt, alles bleibt zum späteren Auskosten bewahrt. "Gottes Löwin die Sonne hinter Wolken verbannt! Es ist immer noch recht kalt", heißt es im Prosa-Logbuch. Im Gedicht "Schneewärme" steht dann: "Den Winter lebte ich / Im Packeis gefangen./ Gottes Löwin die Sonne / Hinterm Erdstern verbrannt."

Auch ein tagesbestimmender Zufall kann zum autonomen Gedicht führen. "Nachmittags brach beim Nachbarn ein Brand im Strohschuppen aus." Nur als unterwandernde Wirkung ist das Unglück von nebenan bei plötzlich aufkommenden Winden im vollendeten Gedicht "Dunkelheit" zu erkennen. "Und wenn sich die Stimmen Schwester es / Brennt der Wildgänse nachts überschneiden / Geh ich von Fenster zu Fenster höre die / Sturmgeschüttelten Bäume / Anklopfen um abgefallene Blätter." Sarah Kirsch schreibt in einer Genauigkeit des Sehens, die auf Natur beruht, wie sie der Botaniker und Lyriker Wilhelm Lehmann vorgelebt hat. Erstaunlich, dass im erkennbaren Rezeptionsverkehr der Name des Dichters aus Eckernförde, unter den "Landschaftern" einer der Großen, nie fällt.

Zu einem besonderen Blatt wird das Gedenken an den ukrainischen Dichter Wassyl Stus, der nach 13 Jahren Zwangsarbeit und Verbannung im Hungerstreik 1985 verstirbt. Sarah Kirsch gibt ihm mit Majakowski und Jessenin, Achmatowa und Zwetajewa, aber auch Edith Södergran großes Geleit, "alle haben sie zu seiner Begrüßung ein Poem von Puschkin auf ihren zuckenden Lippen gehabt und nannten Stus Herzweh."

Sarah Kirsch weiß vom Besonderen des Lebens, wenn die Vorgänger sagen wollen, sieh unser Unglück. Was nichts anderes heißt, als finde deinen Platz. Sie wird wohl selber nicht wenig staunen über ihr eigenes, ihr gelungenes Leben. Für heute aber heißt es: "Remmidemmi in Tielenhemmi", denn Sarah Kirsch feiert ihren 75. Geburtstag. Aber vielleicht steht sie auch nur und sieht dem Wetter zu. Alles spricht dafür, sie hat noch was vor, an poetischen Kräften gebricht es ihr nicht.

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