Sarah Kirsch: Alles Spatzen und Gänseblümchen, 2007, Der HörverlagTatarenhochzeit von Sarah Kirsch, 2003, DVAKassiber aus der rauen Landschaft des Nordens
„Der Droste würde ich gern das Wasser reichen“: Zum 70. Geburtstag der Lyrikerin Sarah Kirsch.
Von I.R. aus den Nürnberger Nachrichten vom 14.04.2005:

„Dieses unvergeßliche Grün/Und ein falber Schein/Über die Erde geworfen ich geh/Durch Sümpfe mein sanfter Hals/stößt vor in ein anderes Leben“. So beginnt ein Gedicht von Sarah Kirsch mit dem Titel „Wegelagerei“, das ihr Grundthema variiert. Mitteilungen vom Vergehen der Zeit, vom Wachsen und vom Welken, vom Verbundensein mit der Natur, vom Wechsel des Klimas und den Grenzerfahrung in einer ihr vertrauten rauen Deichlandschaft. Zum 70. Geburtstag der gegenwärtig bedeutendsten deutschen Dichterin am 16. April hat die Deutsche Verlagsanstalt ihr lyrisches Gesamtwerk neu aufgelegt.

Leitmotivisch führt es durch den Kosmos der Sarah Kirsch, die zurückgezogen in Schleswig-Holstein lebt, wo sie sich inspiriert fühlt vom abgeschiedenen Dasein in dörflicher Stille. Die studierte Biologin scheut öffentliche Präsenz: „Ich spreche lieber durch meine Texte“, sagt sie. Doch wer sie einmal erlebt hat, vor ein paar Jahren etwa beim Erlanger Poetenfest, lernt eine burschikose Autorin mit praktischem Humor kennen.

Den kleinen Rätseln ihrer „Kassiber“ - so nennt sie die poetischen Notizen - lässt sie das Geheimnisvolle. Stimmungen und Schwingungen bedürfen keiner Analyse, der Leser soll dem Rhythmus ihrer Verse nachspüren und die Farben ihrer Bilder nachempfinden.

Dabei ist Sarah Kirschs Werk durchaus im politischen Kontext erfahrbar. Ihre literarische Karriere begann in Leipzig Anfang der sechziger Jahre. Die Dichterin, unter dem Namen Ingrid Bernstein im Südharz geboren, bezog Stellung und eckte in der DDR an, 1977 übersiedelte sie in den Westen und kritisierte Künstlerkollegen, die sich von Stasi und SED in die Pflicht nehmen ließen. Doch in der Poesie unterwandert sie die Alltagsrealität, da herrschen andere Ziele vor: „Der Droste würde ich gern das Wasser reichen“ heißt eines ihrer bekanntesten Gedichte. Sarah Kirsch entwirft darin fantasiereiche Szenen voller Anspielungen und Sinn für Details.

Die Lyrikerin mit der Liebe zum zarten Idyll widmet sich auch der bildenden Kunst: „Beim Malen bin ich weggetreten“ ist der Titel einer Sammlung von Aquarellen und Zeichnungen. Beim Versuch, „Papier und Farbe in Einklang zu bringen“ entstehe eine Art Nirwana, erklärt sie. Darin einzutauchen, bedeute Ruhe und Glück. Etwas davon enthalten ist auch im Droste-Gedicht, wo sie, die Spätgeborene, mit der Verbündeten im Geiste vierhändig Reiterlieder spielt - auf dem Spinett.

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