|
|
| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Ein Porträt des
Literaturnobelpreisträgers Imre
Kertész
Besprechung von Michael
Braun in freitag 43 vom 18.10.2002:
Auschwitz spricht aus mir
UNAUFGEARBEITETES
TRAUMA
Er sei in die ungarische Literatur nicht
integriert, hat Imre Kertész noch vor kurzem beiläufig angemerkt, kaum jemand
wolle sich in seiner Heimat auf sein Werk beziehen. Tatsächlich sind die
meisten seiner Werke in Ungarn derzeit vergriffen. Zwar hat das Opus magnum des
Autors, der Roman eines Schicksallosen, drei Auflagen erlebt, einige
seiner Bücher - wie die Sachbücher über Auschwitz - sind aber bis heute nicht
gedruckt worden. So kommt es zu dem seltsamen Umstand, dass er mit einer
einzigen Buchauflage in der Sprache seiner einstigen Verfolger mehr Leser
erreicht als mit der Gesamtauflage seiner Bücher in Ungarn. Kertész selbst
verweist lakonisch auf die Schwierigkeiten, die ihm die kommunistischen
Kulturpolitiker bereiteten, als er in den sechziger und siebziger Jahren nach
Dokumenten über den Holocaust in Ungarn forschte. In jenem Land, in dem
innerhalb von sechs Wochen im Herbst 1944 über 450.000 Juden eingesperrt und
deportiert wurden, tut man sich schwer mit der historischen Erinnerung.
Spätestens seit Donnerstag vergangener Woche, als die Nachricht von der
Zuerkennung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Imre Kertész um die Welt
eilte, ist der international hoch angesehene Autor auch in Ungarn aus seiner
Randständigkeit erlöst worden. Der ungarische Ministerpräsident Peter
Medgessy übermittelte dem Preisträger, der sich seit einigen Wochen im
Berliner Wissenschaftskolleg aufhält, seinen "aus tiefstem Herzen
kommenden Dank" für den ersten Literaturnobelpreis, der an einen
ungarischen Autor verliehen werde. Kertész habe ein "ungarisches Schicksal
und die allgemein gültigen Erfahrungen der Vernichtung der ungarischen Juden
formuliert".
Tatsächlich führen aber Imre Kertész´ Aufzeichnungen zu dem Werdegang eines
"Schicksallosen" weit über nationale Grenzen und über spezifisch
"ungarische" Erfahrungen hinaus. Sie führen ins Zentrum des Terrors,
in den tiefsten Urgrund des Schreckens. Dort lagert die traumatische Urszene des
Überlebenden: die Tortur. Die Tortur, hat der große Essayist Jean
Améry einmal geschrieben, ist die Essenz des Nationalsozialismus. Wer diese
Tortur, die totale Erniedrigung und Zermalmung des eigenen Ichs in den
Konzentrationslagern überlebt hat, der wird, so Améry, seinem Dasein als
Gemarteter nie wieder entkommen. Im Geiste seines literarischen Wahlverwandten
Améry, dem er einen wichtigen Essay widmete hat, hat Kertész die Bewältigungsversuche
eines Überwältigten zum Überlebensprogramm entwickelt.
Am 9. November 1929 in Budapest geboren, wuchs Kertész in einer jüdischen
Familie auf. 1944 wurde der Fünfzehnjährige nach Auschwitz deportiert und bei
Kriegsende 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit. Wie viele Überlebende des
NS-Terrors hat sich Kertész erst nach einer Phase der Scham der traumatischen
Vergangenheit zugewandt. 1948 betätigte er sich zunächst als Hilfsarbeiter und
Journalist bei einer ungarischen Tageszeitung, die sich aber bald in ein
kommunistisches Parteiorgan verwandelte. Nach seiner Entlassung versuchte er
sich ab 1953 als freischaffender Autor, wobei er sich zunächst mit Boulevardstücken
und Musicals durchschlug, ab 1976 auch als Übersetzer moderner deutscher
Klassiker. Aber erst 1985, mit der Neuausgabe seines Romans eines
Schicksallosen, an dem er von 1960 bis 1973 gearbeitet hatte und der nach
seiner Erstveröffentlichung 1975 totgeschwiegen worden war, brachte Kertész in
Ungarn die ersehnte Anerkennung.
Im Roman eines Schicksallosen, dem Kernstück seiner großen Trilogie
der Schicksallosigkeit, wird ein ahnungsloses Kind gefangen und verschleppt;
immer wieder scheitert es bei der Anstrengung, irgendeinen Sinn in dem Grauen zu
finden, das ihm zustößt. Detailliert wird die Ordnung des Terrors
rekonstruiert: Der vierzehnjährige Gyurka berichtet von der Ankunft im Lager,
der Einteilung der Häftlinge, der Unterbringung und den Essensregeln mit einer
ebenso kühlen Objektivität wie von den Prozeduren des Massenmords. Kertész
erzählt aus einer konsequent amoralischen Perspektive und verweigert den
Heroismus des Leidens. Sein Held ist ein "vernünftiger Junge", für
den die "sehr schön gearbeitete Peitsche des Aufsehers" zunächst
ebenso ein Objekt der Bewunderung ist wie die fürchterlich effektive
Organisation des Massenmords. Die Zwangsarbeit geht aber über Gyurkas Kräfte,
schließlich erkrankt er schwer.
Kertész führt seinen Erzähler bis zum Schock der schmerzhaften Erkenntnis,
dass er seiner Identität vollständig beraubt worden ist. Am Anfang hat der
Schicksallose keine jüdische Identität, er versteht überhaupt nicht, was
dieser Begriff überhaupt besagt. Aber als er dann gedemütigt auf dem Platz
liegt und den "Gott dieser Welt" sieht, einen SS-Offizier, hat er das
jüdische Schicksal angenommen.
Erst Jahre nach der endlosen Erniedrigung, nach dem furchtbaren Morden, erst
nach seiner Rückkehr in eine Welt, die weiterlebt, als wäre nichts geschehen,
erwachte in Kertész das Bedürfnis, als Schriftsteller Zeugnis abzulegen von
Auschwitz. Im Roman Fiasko hat der Gemarterte von Auschwitz und
Buchenwald diese Entscheidung für die Literatur beschrieben: "Vielleicht
fing ich an zu schreiben, um mich an der Welt zu rächen ... Möglicherweise
produzieren meine Nebennieren, die ich sogar aus Auschwitz heil nach Hause
brachte, zuviel Adrenalin. Wieso auch nicht? In der Darstellung liegt schließlich
eine Macht, in der sich der Aggressionstrieb für einen Augenblick legen, die
einen Ausgleich, einen Übergangsfrieden erzeugen kann ... Ich wollte aus einem
ewigen Objekt-Sein zum Subjekt werden, ich wollte aus einem Bezeichneten zu
einem werden, der bezeichnet."
An einer anderen Stelle von Fiasko entschließt sich Kertész zu der kühnen
Volte, im Gespräch mit einem Henker das Schicksal eines KZ-Opfers mit dem des Täters
gleichzusetzen: Beide geraten in ihre Rolle durch eine "stillschweigende Übereinkunft"
bezüglich der Ordnung des Terrors, beide agieren sie blind als Funktionäre der
Normalität im totalen Ausnahmezustand und können mit ihrem "beispielhaft
gelösten Leben" "moralische Authentizität" beanspruchen. Wie
der Tod der Gefangenen im Vernichtungslager, so resümiert Kertész in
sarkastischer Logik, eine "organisierte, in aller Öffentlichkeit
abgesegnete, erledigte Sache" ist, so ist es auch, wenn der äußere Zwang
erst einmal verinnerlicht worden ist, der gefühllose Mord.
In Deutschland erschien Kertész Trilogie seiner Schicksallosigkeit nicht in
chronologischer Reihenfolge. Zuerst wurde 1992 Kaddisch für ein ungeborenes
Kind veröffentlicht, ein in die Zukunft gerichtetes Kindertotenlied, in
dem Kertesz zu begründen versucht, warum er nach Auschwitz kein neues Leben
zeugen mochte. Im Galeerentagebuch (deutsch 1993), einem
intellektuellen Arbeitsjournal, wühlt sich der Autor durch die
Geistesgeschichte, um dort nach möglichen Erklärungen für den Schrecken der
Konzentrationslager zu suchen. "Ich bin ein Medium des Geistes von
Auschwitz", notiert er hier, "Auschwitz spricht aus mir. Im Vergleich
dazu erscheint mir alles andere als Schwachsinn." Der traumatisierte Überlebende
empfindet sein Dasein als "Betriebspanne", als purer Zufall, der ständiger
Rechtfertigung bedarf. Und diese Rechtfertigung liegt eben im Schreiben und im
Aufzeichnen des Schreckens. Jedes Buch wird - mit einem Wort des rumänischen
Verzweiflungsphilosophen E.
M.
Cioran - ein "aufgeschobener Selbstmord". Was dem Überlebenden
bleibt, ist ein "zweckfreies Dulden": "Die mir am meisten gemäße
Form des Selbstmords ist, wie es scheint, das Leben." Immer wieder kommt es
im Galeerentagebuch zu Verweisen auf literarische Seelenverwandte. So
erkennt Kertész in der Celanschen
Todesfuge seine eigenen Erfahrungen wieder. Tief und bedrohlich liege
in diesem Text das unerhörte Schicksal der Opfer verborgen. Auch ein Satz des
Portugiesen Fernando Pessoa
wirkt wie ein Bruchstück aus einem Kertész-Text: "Wer darf sich brüsten,
in dieser Situation Mensch geblieben zu sein?"
Bis zum Juli 2003, so erklärte der Nobelpreisträger seinen ersten Gratulanten
in Berlin, will er an seinem neuen Roman Liquidation arbeiten, in dem
"ein letzter Blick auf den Holocaust" geworfen wird. Die erste Hälfte
des Buches, das bei Suhrkamp erscheinen wird, sei schon fertig gestellt. Fünf
seiner bisherigen Bücher sind bei seinem alten Verlag Rowohlt noch lieferbar.
Neben dem Roman eines Schicksallosen sind das die Trilogie-Teile Fiasko
und Kaddisch für ein ungeborenes Kind, daneben auch das Galeerentagebuch
und die Selbsterkundung Ich - ein anderer. Mit Liquidation
wird Kertész eine Grenze markieren müssen, den Abschluss eines in sich
unabschließbaren Projekts: "Auschwitz", so erklärte er in einem
Gespräch, "muss zu einem Gegenstand gemacht werden, von dem die Möglichkeit
der Katharsis ausstrahlt. Es ist ein unaufgearbeitetes Trauma, und jedes Trauma
durchläuft diesen Weg: Ereignis, Symptome, Verdrängung und schließlich die
Befreiung von den Symptomen oder deren Wiederholung."
[...diesen und weitere Artikel finden Sie
unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © Freitag 43 I Michael Braun