Imre Kertész, 2004, Foto: Ekko von Schwichow

Imre Kertész
Foto: Ekko von Schwichow

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Das Schicksal eines Schicksallosen
Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész starb mit 86 Jahren
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 031.03.2016:

Wer sind wir mit 14 Jahren? Voller Träume vielleicht, voller Willen, das eigene Schicksal zu gestalten. Imre Kertész war 14 Jahre alt im Sommer 1944, als er als einziger Sohn jüdischer Eltern in Budapest aufgegriffen und in Lager deportiert wurde, deren Namen heute Schlagwörter sind: Auschwitz. Buchenwald. Kertész überlebte. Um den Preis, dass dieses Überleben sein Lebensthema wurde – und blieb.

Ein Leid, das alles denkbare übersteigt und eben darum kein Schicksal sein kann, kein einem Menschen Zugedachtes: Kertész „Roman eines Schicksallosen“ blickt mit einem naiven, kindlichen Urvertrauen auf die Welt, das noch in den schmucken Uniformen der Aufseher Sicherheit findet und Glücksmomente selbst zwischen Lagerqualen. 13 Jahre schrieb Kertész am Opus Magnum, finanziert durch Übersetzer-Arbeiten. Feilte im Budapester Kellerzimmer an Sätzen, die sich sperrig, schmerzlich in den Weg stellen. Eine Sprache habe er finden wollen für den Totalitarismus, sagte er in einem Interview mit der „Zeit“: „Eine Sprache, die zeigt, wie man eingemahlen wird in einen Mechanismus und wie der Mensch sich dadurch so sehr verändert, dass er sich und sein eigenes Leben nicht mehr wiedererkennt“. Er habe nie Schriftsteller werden wollen, „ich wollte immer nur verstehen, warum die Menschen so sind“.

Den Literaturnobelpreis, der ihm 2002 verliehen wurde, bezeichnete er als „Glückskatastrophe“. Ironisch musste ihm zudem scheinen, dass sein Weltruhm ausgerechnet von Deutschland ausging: Nachdem „Schicksallosigkeit“, wie das Buch damals hieß, 1973 im sozialistischen Ungarn zunächst abgelehnt, dann 1975 veröffentlicht, aber kurz darauf verboten wurde, 1985 jedoch erneut publiziert – da brachte erst die deutsche Übersetzung im Rowohlt-Verlag 1996 die gebührende internationale Anerkennung.

Die Kertész selbst zwiespältig empfand. Er sei zum „Holocaust-Clown“ geworden, notierte er in seinem Tagebuch. Und konnte doch sein eines, einziges Thema niemals lassen: „Auch wenn ich von etwas ganz anderem spreche, spreche ich von Auschwitz. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz, Auschwitz spricht aus mir“, heißt es im „Galeerentagebuch“. Und „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ kreist um die Frage, warum Kertész kein Kind in eine Welt setzen wollte, in der Auschwitz möglich war.

Seit 2002 lebte Kertész in Berlin, in West-Berlin, darauf bestand er. 2012 aber zog der an Parkinson Erkrankte wieder nach Budapest, nahm dort gar am 20. August 2014, am ungarischen Nationalfeiertag, die höchste Auszeichnung seines Landes an – obschon ein harter Kritiker der Orbán-Regierung. Eine Geste, die er als versöhnende, einende verstanden wissen wollte. Am Donnerstag starb Imre Kertész im Alter von 86 Jahren. Es geht einer der letzten großen Mahner in Europas Literaturlandschaft.

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