Navid Kermani (m.) mit Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (l.) und dem Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller (r.) Copyright: Tobias Bohm (hf1015, Börsenverein)

Navid Kermani (m.)
mit Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (l.)
und dem Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller (r.)
Foto-Copyright: Tobias Bohm

Bewegende Rede von Navid Kermani bei Verleihung von Friedenspreis
Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. Bei der Verleihung in der Frankfurter Paulskirche hielt er eine bewegende Rede.
Von Britta Heidemann in der WAZ vom 19.10.2015:

Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Diese Frage stellte Navid Kermani, Orientalist und Schriftsteller, am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche, als Kern einer beispiellos bewegenden Rede. Auf die er sich doch ausdrücklich den Beifall verbat. Um stattdessen die Festgäste zu einer Geste zu bewegen, die als bildmächtige Antwort auf den Terror des Islamischen Staates gelten solle: Und so erhoben sich die Menschen im Saal, zögernd, erstaunt manche – und schwiegen im stillen Gebet für die Opfer von Gewalt, Krieg und Terror im falschen Namen des Islam.

Der 47-jährige Deutsch-Iraner Navid Kermani, in Siegen aufgewachsen und heute mit seiner Familie in Köln beheimatet, hat die Poesie des Koran studiert und zugleich eine tiefe Begeisterung für das Christentum entwickelt – auch sein Laudator, der Literaturprofessor Norbert Miller, erinnerte daran, dass Kermani als Stipendiat der Villa Massimo in Rom die Barocke Bilderwelt des Katholizismus staunen machte. Ein „ungläubiges Staunen“, wie der Titel seines jüngsten Buches über das Christentum, aber ein empathisches. Und so traf Kermani als Wandler zwischen den Welten den rechten, den vielleicht einzig möglichen Ton, indem er seine Rede zu einer bildstarken Heldengeschichte formte, die direkt ins Herz zielte.

Als Kermani erfuhr, dass er den Friedenspreis erhalten solle – da war dies vielleicht gar nicht die wichtigste Nachricht des Tages für ihn. Am selben Tag nämlich entführte in Syrien die IS Pater Jaques Murat, Leiter einer christlichen Gemeinschaft in Karjatan, die sich der Begegnung mit dem Islam verschrieben hat: „Christen, die sich in den Islam verliebt haben.“ Ausgehend von einer persönlichen Begegnung mit Pater Jaques findet Kermani Zugang zu einer Verteidigungsrede des Islam, die auf fremder statt auf eigener Liebe zum Islam beruht, denn: „Die Selbstliebe zum Islam muss eine hadernde, zweifelnde sein.“ Keinesfalls aber dürfe man, bei allem Zweifel, Islam und IS gleichsetzen. Wenn im Namen des Islam Terrortaten geschehen würden, wenn Frauen gesteinigt, Schulklassen ermordet, Blogger entführt würden, so seien es doch an vorderster Front die Muslime selbst, die sich gegen den IS erheben würden. Es führe nicht „der Islam“ einen Krieg gegen „den Westen“ (die Anführungszeichen deutlich mitgesprochen), sondern: „Eher führt der Islam einen Krieg gegen sich selbst.“

Koran als Poesie und Literatur

In deutlichen Worten zeigt Kermani die Gefahren einer Entwicklung auf, in der die Ideologie des Salafismus für Jugendliche attraktiv werden könne, etwa in Saudi-Arabien, wo, „gesponsert mit Milliarden aus dem Öl“, Andersgläubige zu Ketzern erklärt würden. Der „Niedergang des religiösen Denkens“ zeige sich darin, dass es heute in vielen muslimischen Ländern verboten sei, den Koran als Poesie und Literatur zu begreifen, dabei sei diese Auslegung doch der „traditionelle Zugang“ – Kermani erinnerte daran, dass der Koran als „Partitur eines Gesangs“ zu begreifen sei. Heute aber werde die Sprachgewalt des Korans zum „politischen Dynamit“: „Es gibt keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang. Was uns jetzt um die Ohren fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion.“

Mühelos zur Realität zurück

Von hier aus, von der Literatur, kehrt Grenzgänger Kermani mühelos zur Realität zurück, in der Europa für die Menschen in Syrien zur Hoffnung, beinahe schon zur Utopie geworden wäre: „Wer vergessen hat, warum es Europa braucht, muss in die ausgemergelten Gesichter der Flüchtlinge sehen.“ Schon vorab hatte er ein solidarisches Europa gefordert, nun erweiterte er diese Forderung: „Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf, ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt. Und dass wir uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch.“ Auch um den Preis, Fehler zu machen, denn „der größte Fehler wäre, nichts zu tun“.

Vor fünf Tagen, Kermanis Rede war bereits geschrieben, kam Pater Jaques Murat frei. „Es waren Muslime“, betont der Friedenspreisträger 2015, die dem Geistlichen zur Flucht verholfen hatten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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