Walter Kempowski, Foto: c/Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

Walter Kempowski, Foto: Susanne Schleyer
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1.) - 3.)

Schriftsteller Walter Kempowski ist gestorben.
Zum Tod von Walter Kempowski: Finder der Bedeutsamen
Von Susanne Gabriel aus dem Münchner Merkur, 5.10.2007:

"Archiv" wolle er werden, soll der kleine Walter Kempowski auf die Frage nach seinem Berufswunsch einst geantwortet haben. Archivar wurde er nicht, aber ein Chronist deutscher Geschichte. Für sein zehnbändiges Werk "Das Echolot" mit Dokumenten aus den Jahren 1941 bis 1945 erhielt er internationale Anerkennung.

Sein neues Buch "Kleine Liebe zu Trompeten" konnte er nicht mehr vollenden: Kempowski erlag am Freitag seinem Krebsleiden.

Das Echolot von Walter Kempowski, 2002, KnausDas Echolot-Abgesang '45 von Walter Kempowski, 2005, KnausCulpa von Walter Kempowski, 2005, KnausLange Zeit wurde der am 29. April 1929 in Rostock geborene Autor von der Kritik übersehen. Er schreibe kaum "etwas Eigenes", wurde dem leidenschaftlichen Sammler von Tagebüchern, Fluchtberichten, Briefen und Erinnerungen deutscher Schicksale vorgehalten. "15 Jahre lang habe ich keinen Literaturpreis bekommen, die Kritik hat mich links liegen lassen, weltweit gibt es nur drei Doktorarbeiten über mich", klagte er vor Jahren.

Das hat sich inzwischen geändert, nicht zuletzt wegen des "Echolots". Die ersten vier Bände der Collage aus zeitgenössischen Aktenvermerken, Briefen und Tagebucheinträgen erschienen 1993, der letzte Band 2005.

Eine "Dokumentation der Gleichzeitigkeit" hatte Kempowski das Projekt genannt: "Das stoische Privatleben neben dem Verrecken, der verbrecherische Luxus neben dem ganz bürgerlichen Weitermachen, und das alles aus berufenem und nicht berufenem Munde."

Im Block von Walter Kempowski, 2004, KnausDie Tragödie des Zweiten Weltkriegs, Flucht, Vertreibung und die Nachkriegszeit waren die Themen von Kempowskis stark autobiografischen Romanen. Acht Jahre, von 1948 bis 1956, verbrachte der wegen Spionage für die USA Verurteilte im Zuchthaus Bautzen. Dies verarbeitete er 1969 in seinem ersten Roman "Im Block".

"Tadellöser & Wolff" (1971) handelt von Kempowskis Jugend, der ebenfalls erfolgreiche Roman "Uns geht‘s ja noch gold" von den ersten Nachkriegsjahren. Beide Bücher gehören zu Kempowskis "Deutscher Chronik", die neun Bände umfasst. Das ZDF brachte "Tadellöser & Wolff" 1975 als Mehrteiler mit großen Erfolg ins deutsche Fernsehen.

Seit Mitte der 60er-Jahre lebte Kempowski mit seiner Frau Hildegard und den beiden Kindern in Nartum bei Bremen. Dort arbeitete er zunächst als Lehrer, nachdem er sein Abitur nachgeholt und studiert hatte. Von den 70ern an widmete er sich vor allem seiner literarischen Arbeit und veranstaltete in seinem Haus auch Literaturseminare. 1980 gründete er sein viel beachtetes "Archiv für unpublizierte Autobiographien". Über Zeitungsanzeigen bat er um Tagebücher, Briefe oder Fotos, die ihm Menschen aus verschiedenen Schichten und Zeiten zuschickten.

An der Eröffnung der Ausstellung "Kempowskis Lebensläufe" im Mai dieses Jahres konnte der Autor nicht mehr teilnehmen - er nannte sie dennoch den schönsten Augenblick seines Lebens.

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Walter Kempowski, Foto: c/Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

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2.)

Wie isses nun bloß möglich?
Walter Kempowski, der Erinnerungensammler der deutschen Literatur, starb im Alter von 78 Jahren an Krebs.
Von Jörg Bartel in der NRZ vom 5.10.2007:

Walter Kempowski war so ein Schriftsteller, den man nicht nur las, sondern - irgendwie - in seine Familie aufnahm. Dessen Sätze im Gedächtnis bleiben wie der Kratzbart von Onkel Theo und das Parfüm der ersten Klassenlehrerin. In meinem Gedächtnis ist ein Leseabend beim CVJM Essen in den 70ern abgespeichert: Walter Kempowski hat von seiner Familienchronik "Tadellöser und Wolff" eine halbe Million Exemplare verkauft, einige schrullige Wendungen ("ansage mir frisch") hatten bereits in den Volksmund gefunden, und gerade war "Uns geht´s ja noch gold" erschienen, aus dem er an diesem Abend vor vielleicht 80 Zuhörern las.

Er begann als Dorfschullehrer

Der gebürtige Rostocker nahm sich viel Zeit, machte endlose Pausen nach den Sätzen, dehnte die Vokale bis zur Elbe und ließ sie erst nach einem sachten Schubs von den Lippen. Dabei legte er den Kopf schief und schaute immer wieder freundlich verschmitzt über seine Brille in den Raum. So wird er wohl auch in der Dorfschule in Nartum bei Bremen aus der Fibel vorgelesen haben, als er noch Volksschullehrer war und nicht der Erinnerungensammler der deutschen Literatur.

Als er geendet hatte, fragte eine Zuhörerin mutig, was er denn, bitte, mit seinem Roman habe ausdrücken wollen...

Kempowski funkelte die Frau in die Schulbank zurück und meinte: "Och, wissen Sie, sehr verehrte Dame, wenn ich das jetzt so fix sagen könnte, dann hätte ich ja das ganze dicke Buch nicht zu schreiben brauchen, nicht wahr?"

Die Fragerin kapitulierte, die Zuhörer amüsierten sich, dabei war das gar kein Witz gewesen. Kempowski hätte viel lieber erfahren, was die Dame über das Buch dachte. Er war einer, der an Details, an Kleinigkeiten und den scharfen Blick von andern und unten glaubte, nicht an bewegte Massen, donnernde Leitsätze, weltrettende Doktrinen. Das Leben, wusste er, bestand nicht aus erfüllten Plänen, heroischen Taten und dramatischen Zuspitzungen, sondern aus Alltagen, Anekdoten, aus Gewurschtel und den Scherben geborstener Träume. Ihm selbst war das Zuchthaus in Bautzen ("meine Universität") zur Lebensschule geworden. Die Sowjets hatten ihn dort wegen Spionage acht Jahre lang eingesperrt. Hier lernte der Reederssohn die Perspektiven ganz andere Leute kennen als jener, die bei den Kempowskis verkehrt hatten.

Das Echolot von Walter Kempowski, 2002, KnausDas Echolot-Abgesang '45 von Walter Kempowski, 2005, KnausCulpa von Walter Kempowski, 2005, KnausSeiner sechsbändigen deutschen Chronik (1971-84) wegen hat man ihn den "Chronisten des Bürgertums" genannt. Mit "Tadellöser" und jener "Chronik" wurde er zu einem der meistgelesenen deutschen Autoren, ohne eigentlich ein Dichter zu sein. Wozu sollte man Geschichten erfinden, wenn doch das Leben genügend Geschichten geschrieben hat, die man nur sammeln und sortieren muss? Am konsequentesten tat er genau das in seinem enormen "Echolot". Dieses "kollektive Tagebuch" ist eine Komposition über die ersten 60 Tage des Jahres 1943 aus Tagebüchern, Briefen, Memoiren und Fotos. Das Werk speiste sich aus Kempowskis Archiv, in dem er 300 000 Fotos und 7000 unveröffentlichte Biografien hortete. Und das er 2005 der Berliner Akademie übergab. 470 Meter deutsche Sozialgeschichte.

Gestern Nacht ist Walter Kempowski in einem Krankenhaus bei Bremen einem Krebsleiden erlegen. Vielleicht hat er vor seinem Tod Antwort auf die wichtigste und berühmteste Frage der deutschen Nachkriegsliteratur gefunden, der er selbst mit "Tadellöser und Wolff" Flügel verliehen hatte: "Kinder, wie isses nun bloß möglich?!" (NRZ)

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Walter Kempowski, Foto: c/Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

Walter Kempowski, Foto: Susanne Schleyer
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3.)

Der Erinnerungsfischer
Walter Kempowski ist mit 78 Jahren gestorben. Der Autor von "Tadellöser & Wolff" wurde auch "Archivar des 20. Jahrhunderts" genannt. Er sammelte unermüdlich Lebensgeschichten
V
on Wolfgang Platzeck in der WAZ vom 5.10.2007:

Jahrzehnte lang hat Walter Kempowski gesucht, gehortet und sortiert, was ihm über die Geschichte des deutschen Bürgertums unterkam. Hat unermüdlich auf dem "riesigen Erinnerungsmeer" gefischt und noch das kleinste "Plankton" seinem "Gefäß Gedächtnis" einverleibt. Um dann zu versuchen, "Erinnerungen und Erfahrungen herauszulösen, die historische Tiefe verschaffen können."

Das Echolot von Walter Kempowski, 2002, KnausDas Echolot-Abgesang '45 von Walter Kempowski, 2005, KnausCulpa von Walter Kempowski, 2005, KnausNicht alles, was der ReederSohn aus Rostock und langjährige Schulmeister ordnete, war dabei so voller Tiefenschärfe, war so "authentisch" wie sein Opus magnum, das kollektive Tagebuch "Das Echolot".

Für die Chronik des Kriegswinters 1943, die 1993 das einzigartige Projekt eröffnete, hatte er in zehnjähriger Arbeit Fremdmaterial angehäuft, ausgewählt, in einen dramaturgischen Rahmen gefügt: Tagebuchnotizen, Briefe, offizielle und private Dokumente.

8000 fremde Autobiographien, ebenso viele Tagebücher, 300 000 Fotos, Berge anderer Dokumente kamen mit der Zeit zusammen, Folge-Bände erschienen, und obwohl das "Echolot"-Projekt letztlich nur ein winziges Bröckchen war aus dem gewaltigen Steinbruch, dessen sich Kempowski bediente, brachte es ihm den Ehrentitel "Archivar des 20. Jahrhunderts" ein. Und die Anerkennung, die ihm die Literaturkritik verweigert hatte.

Als Kempowski 2006 das Bundesverdienstkreuz mit allem Drum und Dran verliehen wurde, endete ein Trauma. Für den Konservativen, dem mancher gern ein "Erz" voranstellte, war das der ersehnte Triumph über all die "Sozialisten und Kommunisten" wie Günter Grass, die für ihn das kulturelle und politische Leben dominierten und die stets eine Würdigung seines Werkes verhindert hatten.

Wie muss dieser Mann daran gelitten haben, eine kleine Ewigkeit lang als einer der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautoren "nur berühmt" gewesen zu sein.

Wenn sein Biograf Manfred Dierks schreibt, der Autor nehme in der deutschen Nachkriegsliteratur jenen Platz ein, "den einzunehmen vor ihm kein anderer sich getraute oder die Voraussetzungen dafür mitbrachte", dann zielt das auf diesen Aspekt des Werkes. Von Anfang betrieb Kempowski Erinnerungsarbeit, und die bedeutete, zumindest zu Beginn seiner Tätigkeit, vor allem die Bewältigung eigener Vergangenheit, das Abtragen von Schuldgefühlen.

Im Block von Walter Kempowski, 2004, KnausDenn als die Russen Kempowski, der sich 1948 in den Westen abgesetzt hatte, bei einem Besuch in Rostock wegen angeblicher Westspionage festnahmen und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilten, wurden auch Bruder und Mutter "eingesteckt".

Durch Unvorsichtigkeit hatte er die Familie zerstört - literarisch baute er sie wieder auf. Zuerst, 1969, in seinem Bericht über die Haftzeit in Bautzen, "Im Block". Dann in der sechsbändigen, die Jahre 1900 bis 1963 umspannenden "Deutschen Chronik", deren bekannteste Teile ("Tadellöser & Wolff", "Uns geht´s ja noch gold") von Eberhard Fechner kongenial verfilmt wurden.

In Bautzen, meinte Kempowski bei einem Gespräch in Essen, seien positive Erinnerungen zunächst ein Mittel gewesen, die Haft zu überstehen. Als sich die Erinnerungen der Mithäftlinge den eigenen anschmiegten, wurde er zum Sammler. Die aus "Erinnerungspartikeln" geformten Romane waren der Versuch, das Schicksal seiner Familie als exemplarische Geschichte von deutschem Bürgertum und deutscher Bürgerlichkeit zu erzählen. Kempowski hielt durchaus ironische Distanz, stand zu den Ungenauigkeiten, die im subjektiven Erinnern enthalten sind. Der Vorzug dieser Technik - das unmittelbar Erlebte steht über der Historie - ist aber auch ihr Dilemma. Zumal Kempowski, in Abkehr von dem, was er "theoretisches Gedächtnis" nannte - weiterhin gern Positives erinnerte.

Der "Buchhalter des deutschen Gemüts" gewinne der NS-, Kriegs- und Nachkriegszeit zu viele gemütliche Seiten ab, hieß es. Sicher ist, dass Kempowskis Romane (auch der Vertriebenen-Roman "Alles umsonst", 2006) erhellend im Sinne einer echten Geschichts-Chronik nicht sind. Im Grunde zeigen sie nicht einmal die Entwicklung des Bürgertums. Sie sind nur bürgerlich in ihrer Anekdotenhaftigkeit, in ihrer Reihung persönlicher Schnacks und privater Seelenerkundung und nicht zuletzt auch in so mancher sprachlichen Verirrung, bei der Kempowskis großes Vorbild Thomas Mann wohl frösteln würde.

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