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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Sterne, die kein Gott mehr zählt
Hans
Keilson, der 95-jährige Arzt und Dichter, wird mit dem Heinrich-Merck-Preis
geehrt - und mit einer zweibändigen Werkausgabe
Von Erika Deiss in der Frankfurter
Rundschau, 26.10.2005:
Hans Keilson, der Arzt und Dichter, wird am übernächsten
Wochenende für seine Essayistik mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis
ausgezeichnet. Dass der 95-Jährige ihn längst verdient hat, ist ein offenes
Geheimnis. Bisher eher säumig rezipiert, sind Keilsons Werke nun in einer
umfangreichen Ausgabe erschienen, die dem Leser diesen großen Humanisten
endlich angemessen vorstellt. Sie versammelt in zwei Bänden sämtliche Gedichte
und Romane Keilsons, ebenso den Großteil seiner wichtigen Essays. Auf rund
tausend Seiten - sie umspannen runde siebzig Jahre seines Schaffens - kehrt der
letzte Überlebende der deutschen Exilanten wahrlich spät ins literarische
Bewusstsein seines Herkunftslands zurück. Doch Wiedergutmachung ist ohnehin ein
Unwort.
"Geh nicht nach Haus, / es erwarten dich Trümmer. / Schmerzen wachsen
empor, / das Unkraut der Leiden. Geht darüber der Wind, / aus Liebe um jene, /
vernimmst du die Seufzer / derer, die darbten, / die wussten und starben, / geöffneten
Auges, / unvollendet." Diese Zeilen, 1943 zu Papier gebracht und 1961
erstmals publiziert, umkreisen auf subtile Art Hans Keilsons Lebensthema. Wenn
der Psychoanalytiker den Nachgeborenen jenes Trauma unablässig ins Bewusstsein
brennt, die Seufzer der Ermordeten, die Trümmer und der Wind beschwört, der
ihrem Echo nachlauscht, sind in seiner Trauerarbeit die Millionen Opfer, aber
auch der Schmerz der Überlebenden präsent. Es ist die Liebe, die, wenn sie die
Seufzer hörbar macht, den Toten eine ehrende Erinnerung erkämpft, "geöffneten
Auges", inmitten aller heillosen Zerstörung. Wie der Krebs, wie Unkraut
wuchert jenes Leiden an der schmerzlichen Geschichte seines Volkes bei Hans
Keilson.
Das Unsagbare in Worte fassen - wie die Lyrik Keilsons diese Pflicht der
Zeugenschaft mit der artistischen Mission verbindet, zeigt "das alte
kinderlied", einst Ausdruck unbeschwerter Fröhlichkeit, jetzt grässliches
Memento. "weißt du wieviel": die nur scheinbar offene Frage
potenziert das Grauen um die Leerstelle, die kategorisch auf die Namenlosen
weist. Die süßen Plätzchen, die die Mutter buk, als Sterne noch der Inbegriff
des Festes waren, dann im Judenstern perfides Zeichen ihrer Ächtung, schauriges
Realsymbol, sie wurden selbst, makabrer Gipfel der poetischen Verdichtung, zu
den letzten Sternen, die kein Gott mehr zählt: "die süßen Plätzchen /
verbrannten / in den Öfen".
Geboren im Dezember 1909 im brandenburgischen Bad Freienwalde, hatte Hans
Keilson 1933 als das letzte jüdische Talent mit seinem autobiographischen Roman
Das Leben geht weiter noch beim alten Samuel Fischer debütiert, als mit
der Machtergreifung Hitlers für die Juden jene "Mitternacht" beginnt,
die ihr Chronist nicht müde wird, "in hoher Demut" auszuloten. Schon
als Schüler hatte Keilson Sigmund Freud für sich entdeckt. Ein Leben lang fühlt
er sich dessen "Deutungskunst" verpflichtet.
Vorerst freilich - 1934 hatte Keilson in Berlin sein Medizinexamen abgelegt -
zwingt ihn das herrschende Berufsverbot, sich durchzuschlagen. Er ist Turnlehrer
an jüdischen Privatschulen und Musiker bei einer Tanzkapelle. 1936 emigriert
auf Drängen seiner Frau das Paar nach Holland. Keilson muss untertauchen, als
die deutsche Wehrmacht Holland okkupiert. Mit falschem Pass im Widerstand aktiv,
schreibt er in seinem Unterschlupf in Delft erste Gedichte. Den begonnenen Roman
Der Tod des Widersachers vergräbt Keilson aus Furcht, entdeckt zu
werden, wasserdicht verpackt im Garten.
Nach der Befreiung widmet sich Keilson für Jahrzehnte der Arbeit mit
schwertraumatisierten jüdischen Kriegswaisen. In seinem programmatischen Essay
"Wohin die Sprache nicht reicht" gibt er sich schmerzlich
Rechenschaft, was den aus den Vernichtungslagern heimgekehrten Kindern, die er
untersucht, noch immer wie ein Alptraum auf der Seele liegt. Nach Abschluss
seines Medizinstudiums wird Keilson Facharzt für Psychiatrie. 1979 wird der
verdiente Kindertherapeut für seine bahnbrechende Traumastudie promoviert. Hans
Keilson praktiziert bis heute in der holländischen Kleinstadt Büssum.
"Auch eine wissenschaftliche Arbeit kann eine poetische Beschwörung
sein", sagt Keilson, der sich zumal als Arzt und Psychoanalytiker versteht.
Der sieht im Hass die Quelle allen Unheils. Im Verdrängten, Unbewussten und aus
schierem Selbstschutz mit Tabu Belegten spürt ihm Keilson bis in die
Grenzregion der Psyche. Immer wieder kreisen seine Analysen die historischen,
politischen, sozialen oder religiösen Kräfte ein, woraus der Antisemitismus
seit Jahrhunderten sein bösartiges Feindbild rekrutierte. Jene Eruptionen zügellosen
Hasses, deren Wurzeln Keilson in der monomanen Egozentrik beider Seiten
demaskiert, entladen sich in einem reflexiven "urtümlichen Harakiri":
"was man in sich selbst machtlos hasst, muss man im anderen
vernichten".
Diesen dialektischen Prozess von Aggression, Ambivalenz und Übertragung, so
"dass man beinahe von einer Bezauberung (durch den Gegner) sprechen
kann", zeigt Keilsons Tod des Widersachers, sein umstrittenstes wie
originellstes Werk. Vielfach gebrochen, schildert der erst 1959 abgeschlossene
Roman die exzessive Einfühlung des Ich-Erzählers in die Chiffre B, den
Widersacher - Hitler. In der Parabel von den Elchen, die die reziproke
Determination der Gegner nachgerade zwangsneurotisch ausmalt - erst die
Bedrohung durch die Wölfe hält die Elche überhaupt am Leben -, räumt das Ich
dem Widersacher ein, dass auch "er Jäger und Wild zugleich ist". So
ist selbst für ihn "ein Tropfen Liebe" aufgespart. Ist es doch
"seine eigene Vernichtung, die ihn antreibt".
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