Gesammelte
Werke.
Gedichte von Konstantin
Kavafis (1953, Suhrkamp - Übertragung Helmut
von den Steinen/1965+1985, Castrum Peregrini).
Essay von Crauss
im Mai 2004:
2001 wie heute: Wahrhaft lausige
Zeiten
Adolf
Endler & Konstantin Kavafis
Best of-Kompilationen haben sich seit längerem
bewährt, besonders bei der Verbreitung kanonisierter Lyrik. Dass einem mit dem
Besten gelegentlich — wie etwa bei vielfältigen Goethe-Auslesen — auch
wirklich Schlechtes untergejubelt wird, erträgt man, überliest man. Dass
manche best of-Zusammenstellungen besonders ausländischer Dichter oft ihre
erste deutschsprachige Präsentation überhaupt sind und mithin nicht
zwangsläufig vom Besten — auch das kommt vor, nur selten wird es einem
bewusst. Dass manchmal aber auch ein innerdeutsches best of dazu herhalten muss,
nicht das dichterisch Gelungenste der letzten Jahre darzustellen, sondern den
Dichter überhaupt erst und erstmalig einer grösseren westlichen (und häufig
wesentlichen) Öffentlichkeit bekannt zu machen, haben die Beispiele einiger
DDR-Autoren gezeigt.
Adolf Endler war vor dem Mauerfall eine bekannte Grösse im Literaturbetrieb der
DDR und er ist in der Retrospektive weiterhin ein wichtiger Autor. Allerdings:
die Leserschar, die „eine der verwachsensten Gurken der neuen Poesie“ (Endler
über Endler) durch gelegentliche, wenn nicht spärliche Veröffentlichungen in
Westverlagen und -zeitschriften (etwa Wagenbachs „Tintenfisch“ oder
„Freibeuter“ in den 1970er Jahren) kannte, ist gemeinsam mit dem Dichter alt
geworden. Ein junges Publikum kennt den Siebzigjährigen meist nur aus der
näheren Umgebung Berlins, von Vorträgen in Endlers „Wohnstube“, der
literaturWERKstatt in Pankow oder von Veranstaltungen im Literarischen
Colloquium am Wannsee. Hin und wieder hat er auch im Auditorium gesessen, wenn
sein grosser und unlängst verstorbener Freund Karl Mickel gemeinsam mit einer
jungen Schauspielerin aus seiner Werkausgabe vortrug.
Zur Werkausgabe hat es dem querulanten Endler zu DDR-Zeiten nicht gereicht, und
heute können wir froh sein, dass der Suhrkamp Verlag mit dem Pudding der
Apokalypse zumindest eine kleine Werk-Schau unternommen hat. Zu sehr vereinzelt
ist die Literatur Adolf Endlers, zu vielfältig, sie bloss in eine einzige
Schublade zu stecken, als dass eine konsequente Folge von Irgendwas möglich
gewesen wäre. So ist dem Gedichtband denn ohne weiteres der Untertitel der
endlerschen Tagebücher (Tarzan am Prenzlauer Berg) noch einmal hinzuzufügen:
sein apokalyptisches Dessert besteht aus „Sudelblättern“, aus Literatur,
die ein einziges Durcheinander ist und sich nicht entscheiden kann zwischen
Lyrik und Prosa, die oftmals blosse Skizze ist und zu ihrer Zeit in jedem Fall
auch politisch unkorrektes Durcheinander verursachte. Schreibverbote,
Ausschlüsse aus Gremien uä. zeugen davon; auch, dass der Dichter aus
Publikationsmangel lange Zeit und ausgiebig Literaturkritisches geschrieben,
seine Lyrik von Briefschlitz zu Briefschlitz publiziert und zu konspirativen
Wohnzimmerveranstaltungen gelesen hat, immer mit freundlichem Gruss an die mit
Richtmikrophonen oder Wanzen lauernde Staatssicherheit: „Kontinuierliche
Präsentation dessen, was in unüberbrückbarer Distanz zum offiziellen
Literaturbetrieb produziert wird. Ja, zweifellos, die haben uns auf dem Kieker,
es soll uns an den Kragen gehen! Haben wir nicht damit gerechnet? Aber es bleibt
schon ein befremdliches Erlebnis, wenn — wie neulich in Pankow in der
Florastraße geschehen —, sämtliche Besucher einer Lesung im fischerschen
Haus der ausgeschwärmten Polizei zwecks Aufnahme der Personalien ihren Ausweis
auszuhändigen gezwungen sind.“ (Tarzan, 207)
Die Zeit erstarkender Alternativliteraturen am Prenzlauer Berg hat ihm den Ruf
des „Underground“-Schriftstellers eingebracht und z.B. auch bewirkt, dass
ich Endler immer für einen jungen Burschen Mitte dreissig gehalten habe, ganz
ohne mich zu besinnen, dass junge Männer Mitte dreissig nicht mehr Adolf
heissen. Wohlmöglich kamen mehrere Faktoren zueinander, die Endler selbst
Anlass boten, Persönlichkeit und Namen hier und da zu doubeln; das
Katz-und-Maus-Spiel mit der Stasi gleichermaszen wie der negativ assoziierte
Name. „Eddy“ Endler, Bobbi Bergermann, Bubi Blazezak und Robert F.
Kellermann sind nur einige seiner sprechenden Pseudonyme. Er signiert
selbstironisch seine Bücher damit, er setzt sie als Autorenname über seine
bissigsten Satiren. Und der Huchel-Preisträger
2000 hat nichts dagegen, wenn Winand Herzog in einem Text über ihn (Montage,
verrutscht, ndl 5/ 2000) noch ein weiteres dazuerfindet und in einem Schwung
gleich auch der „langjährige geistige Zwilling Adon Flederls“ zu Mick
Rallke mutiert. Oder gibt es das Anagramm Adon Flederl wirklich? Jedenfalls: mit
der Verwendung unterschiedlicher Namen verhindert der Autor sowohl unangenehme
Rückschlüsse auf sein Privatleben als auch sehr bewusst und mangelnde
Bekanntheit in Kauf nehmend Epigonentum jüngerer Dichter.
Er weiss, was er tut. Denn sein eigenes „zu großen Teilen allzu epigonales
‚Frühwerk’“ (Endler) hat der Autor im neuen Sammelband aussen vor
gelassen, dafür gibt er in einem vergnüglichen Nachwort des Pudding lieber
noch einmal Auskunft über die Veröffentlichungsgeschichte einiger seiner Texte
und wie er „so entschieden wie torkelnd von der gepriesenen ‚Hauptstraße’
der DDR-Lyrik abgebogen [sei], vermutlich von anderen Lyrik-‚Hauptstraßen’
auch. [...] Aber das war ja immer so: Ich laufe als Außenseiter — und dann
noch die verkehrte Strecke...“ Nun, seit seinem Erscheinen ist vermehrt
geschrieben worden über das Buch und den Verfasser, dessen Poeme wegen
„politischer Bedenklichkeit“ teilweise erst Jahre nach ihrem Entstehen
erstveröffentlicht werden konnten.
Um 1979/ 80 herum war der Dichter „außerhalb jeder Gnade“, wie Sabine
Brandt in der FAZ schreibt. Endler hatte gemeinsam mit anderen der Sorge über
die kulturpolitische Entwicklung unter Honecker und der „Verfolgungsmaßnahmen
gegen Stefan Heym
und Robert Havemann“ Ausdruck gegeben und war kurz zuvor aus dem
Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden. Tarzan am Prenzlauer Berg
dokumentiert diese Ereignisse, mit „Fiktionen, Träumen, Obsessionen hart
aneinandergeschnitten“ (Klappentext) nachträglich genauso eindringlich wie
einige Gedichte im Pudding. Allerdings: was an den Texten heute Geschichte ist,
klang 1981 noch gefährlich aufrührerisch. Die Akte Endler, des Dichters erstes
best of nach 25jähriger Schriftstellerei enthält nicht nur die damals noch
gültige Epigonallyrik, sondern auch Poeme, deren Brisanz in einem Nachwort
unbedingt abgemildert werden mussten. „Und siehe, sogar das andere ‚Mauer’-Gedicht,
schon 1963 geschrieben, ist mit den übrigen Gedichten [...] (und zwischen ihnen
versteckt) 1982 endlich durchgerutscht [...] Keiner vermag es im ersten Moment
zu glauben; man fragt mich: ‚Steht das wirklich da?, gedruckt in diesem Jahr
82? Sag’ mir, daß ich träume’“ (Tarzan,132). Peter Gosse hat denn auch
alle Hände voll zu tun, von Pro domo abzulenken und Endlers berühmtes Sandkorn
(1967) vom auf die DDR bezogenen, zerstörungsgierigen Aufruhr umzudeuten auf
eine marxistisch tradierte Sichtweise absterbender kapitalistischer Staaten.
„Was, wenn das Hochvoltige von Endlers Dichtung sich nicht so sehr aus ihm,
Endler, heraus entlüde als vielmehr durch ihn hindurch aus den Weltläuften, in
die er empfindlich hereingestellt ist?“ Endler als gesellschaftlicher
Seismograph, ja. Aber ein höchst eigensinniger, auf keinen Fall ein
entindividualisiertes und daher objektives Partikel der Geschichte! „Wahrhaft
lausige Zeiten sind angezeigt, man kann an die Jahre gegen Kriegsende denken,“
wenn einem andere Assoziationen partout nicht gefallen wollen.
Dabei widerspricht Endlers politischer Anspruch dem des künstlerischen
keineswegs. So oder so hat man einiges zu lachen in seinen Texten, etwa in der
Ode auf eine vernachlässigte Sportart (Das „Sichdenberghinunterrollenlassen!“);
die Form des Auslachens ist stets inbegriffen, auch, wenn wir als junge Leser
und Westkonsumenten nicht genau bestimmen können, ob vielleicht gerade über
uns gelacht wird. Kann schon sein. Eigentlich müssen wir aber nicht beleidigt
sein über diese „Ermutigungen, die im übrigen auch mal Rippenstöße sein
konnten“ und die beispielsweise „einige Feigheiten bekämpfen halfen."
Peter Geist erinnert sich sehr rege an die blauen Flecke (Zerbeult sternenwärts.
Über Adolf Endler in ndl 5/ 2000) und an „den unbedingten Einsatz von
Brigitte [Endler] und Adolf für junge Autoren, ein Engagement, das sich im
Poesie-Café ‚Clara’ fortführte und es zu einem Sammlungsraum der
Weltpoesie weitete.“
Um Weltpoesie scheint sich Adolf Endler immer
dann gekümmert zu haben, wenn für seine eigenen Texte in der DDR wenig Platz
war, beispielsweise 1979, als er, aus mehreren Verbänden ausgeschlossen,
hauptsächlich an Literaturkritiken arbeitete oder etwas später an der
Retrospektive Akte Endler. Falls er Konstantin Kavafis nicht schon früher
kannte, war das der richtige Zeitpunkt, diesen Genossen näher zu entdecken.
Endler und Kavafis sind sich ähnlich in ihrer ausschweifenden Art: was Kavafis
heimlich lebt, nachts in den Cafés, was bei diesem eher sporadisch und
gemäszigt Eingang in die Texte findet, das schreibt Endler auf mit der
ungezügelten Lust explodierender Wortkaskaden, die direkt aus einem
Kneipenbesuch resultieren oder einem „Verfolgungswahn“: „Als der lange
gesuchte, vielleicht sogar bis heute nicht gefundene PRENZLAUER-BERG-RIPPER
[...] bin ich erstaunlicherweise bislang nicht in Betracht gekommen.“ (Tarzan,
69). In ihrem Blick auf Unzulänglichkeiten des Alltags, im Wahrnehmen von
scheinbar uninteressanten Kleinigkeiten gleichen beide sich, das schlägt sich
nieder auf ihre Dichtung, trotz der unterschiedlichen Epochen, in die sie
hineingeboren wurden: der eine als Sohn eines griechischen Getreidehändlers,
aufgewachsen in England, Beamter in Alexandria, der andere nach einer Jugend in
Düsseldorf und mehreren Brotberufen endlich freischaffender Lyriker und
Urgestein in Ostberlin.
So wundert es nicht, wenn der Dichter vom Prenzlauer Berg seinen griechischen
Kollegen mithilfe der Interlinearübersetzungen von Georgios Aridas nachdichtet.
Da Kavafis zu Lebzeiten sehr wenig veröffentlicht hat, mussten auch hier
diverse (zwar nicht als solche deklarierte) best of-Ausgaben dazu herhalten, den
Autor überhaupt erst bekannt zu machen. Als das deutsche Standardwerk wird nach
wie vor Konstantin Kavafis. Gedichte. Das Gesammelte Werk (1953/5 bei Suhrkamp
Frankfurt) angesehen. Diese Übertragungen von Helmut von den Steinen reichen
bis in die Enddreissiger Jahre zurück und wurden mit weiteren, bereits 1965 bei
Castrum Peregrini veröffentlichten Nachdichtungen erstmals 1985 in einem
gemeinsamen Band präsentiert (Konstantin Kavafis. Gedichte. Das Gesammelte Werk
bei Castrum Peregrini Amsterdam). Darüber hinaus gibt es einige, aber vor allem
kleinere Publikationen mit Kavafistexten, über die die genannten grösseren
Bände kaum Auskunft geben, aber beispielsweise Mario Molegraaf in einem
kompetenten Aufsatz über die Erotik bei Konstantinos Kavafis (Forum
Homosexualität und Literatur 7/ 1989, Universität Siegen). Ein wirklich
vollständiges Kompendium kavafis’scher Texte mit einer kritischen Auswertung
variierender Fassungen und Übersetzungen gibt es bislang nicht. Das mag
unterschiedliche Gründe haben, gibt in jedem Fall aber das Schaffen eines
grossartigen Dichters der Vereinzelung und dem Vergessen preis. Dass wenigstens
in einem neueren Band (Die Lüge ist nur gealterte Wahrheit, 1991 bei Hanser)
„Notate, Prosa und Gedichte aus dem Nachlaß“ in deutscher Übertragung
festgehalten und gleichzeitig Schwules nicht wieder ignoriert oder wenigstens
bagatellisiert wurde, ehrt den Verlag und seinen Herausgeber Asteris Kutulas,
aus deren Hand auch Die vier Wände meines Zimmers. Verworfene und
unveröffentlichte Gedichte (1994) stammt. Bisher war der Nachlass nicht
zugänglich und die homoerotischen Gedichte und Prosafragmente nur Kennern oder
einer kleinen Fangemeinde vorbehalten. Dabei schien es Kavafis beim Schreiben
gleich gültig zu sein, von welcher Liebe er ergriffen war, seine Gedichte
schrieb er gegen das Versteckenmüssen vor einem bürgerlich restriktiven
Moralverständnis, nicht für eine bestimmte Art der Sexualität oder gar deren
offensive Verfechtung. Dennoch hat der Dichter oft mehr als zehn Jahre zwischen
Verfertigung und Veröffentlichung eines Poems mit eher „privatem“ Inhalt
verstreichen lassen. Das macht eine Parallele zu Endler aus, lag aber oft
weniger an moralischen oder politischen Verhinderungen als an den aufwendigen
Studien für historische Stoffe. So war Kavafis nicht ganz unschuldig an der
Vereinzelung seines Werks und der daraus resultierenden inkompakten Rezeptions-
und Veröffentlichungsgeschichte, die heute erst umständlich nachvollzogen
werden muss.
In der zweisprachigen Insel-Ausgabe von 1979 nun finden sich weitgehend die
Standard-Gedichte, Historien vor allem, „in der vom Dichter getroffenen
Anordnung, nicht der [der] Entstehungszeit.“ (Nachwort). Die Auswahl aus drei
von Kavafis selbst „als endgültig betrachteten Bänden“ (Texte 1905-15;
1916-18; 1919-32) wird etwa hälftig von Endler und v.d.Steinen (hier
entsprechend der 1953er Ausgabe) bestritten. Das einzige Gedicht, das Karl
Dieterich übertragen hat (Alexandrinerkönige), stammt aus einer 1931 von ihm
herausgegebenen Anthologie Neugriechische Lyriker. Für einen Kavafis-Band in
der DDR nicht die ichbezogenen Liebes- und Gelegenheitsgedichte auszuwählen,
sondern seine Historien, bedurfte keiner grösseren Begründung, im Gegenteil,
auch heute scheint offensichtlich, dass der individuellen Ausdrucksformen
skeptisch bis ablehnend gegenüberstehenden Kulturpolitik unter Ulbricht und
Honecker eher an Lehrgedichten von der Trockenheit Brechts lag, dass einer
antikisierenden Dichtung wie der vorliegenden der grössere Vorbildcharakter
zugeschrieben wurde. Dass jedoch Öffentlichgeschichtliches in der Dichtung des
alexandrischen Griechen gerade wieder auf das Private zurückgeführt wird,
entgeht den Programmierern. „Auf ebenholzenem Lager [...]/ liegt in tiefem
Schlaf/ Nero — sonder Bewußtsein, ruhig, glückerfüllt“ und nicht gewahr
seiner staatlichen Macht und seines Reichtums. In diesem privatesten aller
Momente zittern plötzlich die kleinen Hausgötter: „Sie spüren schon die
Schritte der Erinyen.“ Da naht das Übergeordnete, nicht Kalkulierbare (Die
Schritte, 23). Nero stirbt nicht als geschichtliches Wesen, er endet als Mensch.
Geht es an den Tod, werden Könige wieder zu Menschen. „Wer die Schönheit
angeschaut mit Augen,/ ist dem Tode schon anheimgegeben,“ heisst es bei August
von Platen (Tristan), und zur Heldenverehrung gehört bei Kavafis die
Anbetung ihrer Schönheit: „Weint der Palast, weint der König,/ [...] um
Aristobulos weint die ganze Stadt,/ [...] Alle Dichter und Bildhauer werden
trauern,/ weil unter ihnen gerühmt Aristobulos war./ Und wo reichte ihre
Einbildung eines Epheben/ je an solche Schönheit wie dieses Kindes?“ (Aristobulos,
29).
Auf seine Tableaus passen übrigens, wenn nicht immer thematisch, so doch
stilistisch die Photographien des Kavafis-Zeitgenossen Wilhelm van Gloeden. Auf
eine derartige Zusammenstellung ist bisher wohl einerseits wegen der schon
eigenständig enormen Bildkraft der kavafis’schen Gedichte verzichtet worden,
andererseits bestimmt auch aufgrund der gegenläufigen Intentionen beider
Künstler: während Gloeden bewusst antikisiert, seine Portraits und Szenen in
einer mythischen Umgebung ansiedelt (etwa, um den Vorwurf der Erotisierung
seiner Motive und vorwiegend männlichen „Darsteller“ zu vermeiden),
versucht Kavafis gerade, die jeweiligen Figuren von einer Überhöhung und
Verklärung zu befreien und mit sprachlicher Einfachheit auf ein fleischliches
Niveau herunter zu holen. Manchmal, und besonders, wenn er für eine einfache
Situation komplizierte Versmasze verwendet, wirken seine Verse dennoch hölzern,
ein Vergleich der Übersetzungen verschiedener Ausgaben bestätigt dies. Sowohl
Endler als auch v.d.Steinen schaffen es, eine alltägliche Sprache zu verwenden,
wenngleich Steinens einfache „Städte“ (in Theodotos, 9) bei Endler gleich
zur „Staatsmaschinerie“ wird und „Volksabstimmungen“ zu „beamteten
Bewunderern“, was ja einen Unterschied ausmacht. Ansonsten klingt, was bei
v.d.Steinen oft verschwommene oder gar keine Bilder erzeugt, bei Endler immer
deutlich. Dass durch unterschiedliche Wortwahl geringe Bedeutungsverschiebungen
entstehen, liegt hingegen eher am Griechischen.
Meist entdeckt der Autor uns eine ambivalente, tiefe Melancholie unglücklich
Liebender. Auch hier, aber vor allem in den Nachlassgedichten gesellen sich zu
dieser Melancholie zwielichtige Gestalten wie Stricher und Zuhälter.
„Korruption und moralischer Verfall bestimmten die Sitten“ Alexandriens in
der Zeit, in der Kavafis dort lebte. Seine „bürgerlichen und antiheldischen
Stadtbewohner sind die Gegenspieler der Helden kavafis’scher Dichtung. Sein
Heros ist ein nicht zum Heldentum prädestinierter Mensch. Er ist vielmehr ein
Heldendarsteller,“ schreibt Georgios Aridas im Nachwort zu dem Inselbändchen.
„Kavafis ist ein urbaner Dichter, die Großstadt verfolgt ihn ständig, ja
noch mehr, sie bestimmt das Wesen seiner Poesie.“ Und weiter weissagt Georgios
im Rückblick 1979, zehn Jahre vor dem Mauerfall: „Kavafis glaubte nicht an
die Erziehung der Menschen und hielt ihre Konflikte für ewig [...] Schließlich
kam in der bürgerlichen Ordnung der ‚Vernunftsstaat’ unter den Hammer [und
unter die Sichel, möchte man ergänzen] und wurde an den Meistbietenden
verkauft [sic].“
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.crauss.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © Crauss