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1.) - 2.)
Georg-Büchner-Preis für
Walter Kappacher
Zwei Seelen, ach, in
seiner Brust
Von
Anton Thuswaldner in der Frankfurter
Rundschau, 27.5.2009:
Als der gebürtige Salzburger Walter Kappacher anfing zu schreiben, erfüllte er alle Erwartungen seiner Zeit. Er hatte seine Lehrjahre als Motorradmechaniker verbracht, hatte in einem Reisebüro gearbeitet und konnte, als er 1975 seinen ersten Roman "Morgen" veröffentlichte, auf ein Leben zurückblicken, aus dem sich engagierte Literatur machen ließ. Im Roman "Die Werkstatt" vermochte man das Öl und den männlichen Schweiß förmlich zu riechen, und der Lärm der Motoren bildete den Sound einer temporeichen Ära. Hier schrieb einer, der weit weg war vom Milieu des Akademischen, und das rechnete man ihm als Bonus an.
Die Faszination der Technik war viel später noch spürbar: in dem Roman "Silberpfeile" (2000), der wieder im Rennfahrermilieu angesiedelt ist und unvermutet politisch wird. Unschuldig waren die Ingenieure, denen es um Geschwindigkeit und nichts anderes ging, keineswegs. Sie standen im Dienst eines Regimes, das ihre Ergebnisse für die Produktion der V2-Rakete zu nutzen wusste.
Zwei Seelen wohnen wohl in der Brust des Walter Kappacher.
Einerseits berauscht er sich an Motoren und der Präzision der Technik. Seine
Romane "Die Werkstatt" (1975) und "Der lange Brief" (1982) bedürfen dringend des
Autos und des Tempos, um Personen zu porträtieren, die mit einer Obsession
leben. Aber daneben gibt es den Autor der Stille, der von Zeitgenossenschaft
nichts wissen will und sich zurückzieht. Sein euphorisch besprochener Roman "Selina
oder Das andere Leben" (2005), angesiedelt in der Toskana, singt das Lied der
Natur und der Einfachheit, ohne jemals den Ton der Öko-Verschmocktheit
anzuschlagen. Dieses Buch hat Kappacher endgültig als den bescheidenen Literaten
festgesetzt, als den Propheten des unspektakulären In-Sich-Gekehrtseins. Dabei
waren Kappacher-Figuren doch immer schon eigensinnige Sturschädel. Sie machten
nicht gern mit mit den anderen, wirkten als Einzelgänger wie Fremdkörper unter
lauter Gleichgesinnten.
Sein jüngster Roman "Der Fliegenpalast" zeigt uns
Hugo von Hofmannsthal als
unglücklichen Sonderling (erschienen im Residenz Verlag, Salzburg 2009, 172
Seiten, 17,90 Euro). So witzig wie in diesem historisierenden Porträt jedoch war
Kappacher noch nie.
"Er brach ab, zerknüllte den Briefbogen. Zeit fürs Abendessen." So geht es zu
bei einem der maßgebenden Intellektuellen aus Österreich.
Hofmannsthal, berühmt und gefeiert,
befindet sich in "Der Fliegenpalast" in einer tiefen Krise. Überstürzt reist er
aus der Schweiz ab, um sich zurückzuziehen in den Kurort Fusch im Salzburger
Land. Dort im Gebirge, fern von allen Verlockungen und Ablenkungen, hofft er
wenigstens eines seiner zahlreichen Projekte zu einem Abschluss zu bringen. Er
quält sich mit dem Drama "Timon", keine Szene will ihm gelingen. Er macht sich
Notizen, aus denen nichts weiteres entsteht. Das "Turm"-Drama macht keine
Fortschritte, und das Nachwort zu Stifters "Nachsommer" kommt über ein paar
Aufzeichnungen nicht hinaus. Dann meldet sich noch der Protagonist aus
Hofmannsthals Andreasroman, "als
wollte auch der wissen, wie es in seinem Leben weiterginge".
Der einst als Junggenie verehrte Schriftsteller bringt keinen Fuß mehr auf den
Boden. Dafür lebt er von seiner reichen Vergangenheit. Der fünfzigjährige
Hofmannsthal gibt bei Kappacher keine verehrungswürdige Figur ab. Er ist eitel,
ein wacher Geist und Sensibilität sind in Wehleidigkeit umgeschlagen. Die
Gegenwart gehört ihm nicht, die Zukunft schon lange nicht mehr. Jede noch so
harmlose Unternehmung gerät zum Desaster. Als er sich einmal dazu aufrafft, eine
größere Wanderung zu unternehmen, verirrt er sich heillos. Die Gegend, die er
seit Kindheitstagen kennt, kommt ihm ins Monströse verändert vor. "Er wünschte
sich in die Stallburggasse, in seine kleine Stadtwohnung in Wien. Jetzt dort die
Treppe hinuntersteigen und im Café Bräunerhof einen Schwarzen trinken." Der
große Geist - ein rechter Kleinbürger.
"Der Fliegenpalast" ist kein historischer Roman um einen bedeutenden Literaten,
sondern erzählt wieder einmal eine jener typisch österreichischen Geschichten
vom Scheitern. Hofmannsthal gibt nur
seinen Namen her, um einem existentiellen Drama ein starkes Rückgrat
einzuziehen.
Die Fakten stimmen genau. Die Überlieferung aus Hofmannsthals Fusch-Phase des
Jahres 1924 jedoch erweist sich als derart mangelhaft, dass Kappacher sich den
Freiraum nimmt, die Lücken kraft seiner Imagination zu füllen. Es geht ihm nicht
darum, einen großen Namen zu denunzieren.
Hofmannsthals Wert sinkt nicht, wenn er zweifelt und verzweifelt und lauter
kleine Fluchten sucht, die ihn entlassen aus der Mühsal, ein bedeutendes Werk zu
schaffen. Schlimm genug, wenn einer an den eigenen Ansprüchen zerbirst und sich
ein Nest in der Vergangenheit baut, als er noch eins war mit sich und der Welt.
Mit diesem Roman hat sich der heute 70-jährige Walter Kappacher endgültig
etabliert, und die Zuerkennung des Büchnerpreises scheint genau dies
unterstreichen zu wollen. Kappachers Werk beweist, dass es nicht genügt, am Puls
der Zeit zu bleiben. Kappacher hat sich um Moden nie gekümmert, hat vielmehr
seine eigene zerrissene Stimmung zum Stoff seiner Literatur gemacht. Das zeigte
sich schon in dem ersten Roman "Morgen", wo einer, der mit Freunden unterwegs
ist, die das rasche kurze Glück suchen, ganz auf sich allein gestellt und in
sich gekehrt bleibt. Er gehört nirgends dazu, bleibt im größten Wirbel ein
Verstoßener aus eigenem Antrieb.
Mit dem Georg-Büchner-Preis an Walter
Kappacher wird ein präziser Spracharbeiter geehrt. Seine Sätze entwickeln sich
in einem ruhigen Fluss, der dem Leser die Tugend der Langsamkeit abnötigt. Wer
über einen solchen Text hinweghastet, fliegt sofort hinaus. Kappacher-Literatur
ist eine Übung in Geduld und Genauigkeit. Und genau diese benötigen wir in
unserer schnelllebigen Zeit.
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2.)
Keine Frage, mit Walter Kappacher als Büchner-Preisträger des Jahres 2009 hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung einen Überraschungscoup gelandet. Schon allein, weil mit Josef Winkler im letzten Jahr ein Österreicher ausgezeichnet worden ist - und was für einer! -, hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass heuer wieder ein Bewohner von Felix Austria geehrt würde mit dem zwar nicht höchstdotierten (auf dem Scheck stehen 40 000 Euro), aber doch nach wie vor renommiertesten deutschen Literaturpreis. Verblüfft war offenbar auch der frischgekürte Preisträger, der gestern in einem ersten, sympathischen Statement bekannte, mit einem Österreicher hätte er niemals gerechnet: "Und ich dachte auch eher an eine Frau. Das hätte sich auch vielleicht gehört."
Na, vielleicht nächstes Jahr. Sibylle Lewitscharoff oder Felicitas Hoppe, um nur zwei glanzvolle Vertreterinnen der mittleren Schriftsteller-Generation zu nennen, wären gewiss mögliche Kandidatinnen. Überhaupt wäre es wünschenswert, wenn die mittlere Generation - darunter Ingo Schulze, Ralf Rothmann, Rainald Goetz - endlich die verdiente Beachtung bei der Darmstädter Jury fände. Längst stehen noch Jüngere bereit, Andreas Maier und Marcel Beyer etwa, Thomas Hettche oder Daniel Kehlmann, deren Werke Maßstäbe gesetzt haben. Bei einigen der jungen Hochbegabten - Antje Rávic Strubel, Clemens Meyer, Steffen Popp, Anja Utler - muss das Werk noch ein bisschen an Umfang zulegen, ehe es in den Büchner-Möglichkeitsbereich eintritt.
Listen aufzustellen ist so lustig wie müßig. Denn die Wahl
des Preisträgers bleibt grundsätzlich in erheblichem Maße vom Zufall abhängig,
weil Jurys (was ja wiederum sehr schön ist) hochindividuelle Gebilde darstellen.
Daher gehört es zu den seltenen Glücksfällen, dass Zufall und Notwendigkeit
einmal vollkommen übereinstimmen. Das war beim Deutschen Buchpreis an
Uwe Tellkamp der Fall. Beim diesjährigen
Büchnerpreis ist es nicht so.
Dennoch, Walter Kappacher, der lange als Geheimtipp galt, ist ein würdiger
Preisträger, ein feiner, subtiler Stilist und Einzelgänger. Einer aber auch, der
- anders als seine Vorgänger Josef Winkler
und Martin Mosebach - nicht aufwühlt und
nicht provoziert.
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