Immanuel Kant, Foto: http://www.lib.utexas.edu/exhibits/portraits/index.php?img=64 (0f0512)Immanuel Kant - spannend wie ein Krimi.
Zum 200. Todestag von Immanuel Kant.
Ein Gespräch über seine Bedeutung
von Gudrun Norbisrath mit Sören Hoffmann in der WAZ, vom 12.2.2004:

Als vor 200 Jahren Immanuel Kant starb, war die Französische Revolution gerade vorbei, in Berlin herrschte Friedrich Wilhelm III. und in Wien als deutscher Kaiser Franz II. Da darf man wohl fragen, ob Kants Blick auf die Welt noch Bedeutung für uns haben kann.

Der Bochumer Kant-Forscher Thomas Sören Hoffmann erhellte im Gespräch mit der WAZ Schwerpunkte der Kantschen Philosophie.

Dieses Gespräch ist voller Überraschungen. Kant, den man sich gern als trockenen preußischen Beamten denkt, besaß nicht nur die Fähigkeit, komplexe Gedankengebäude zu entwickeln, er hatte auch die Gabe, seine Überlegungen knapp und präzise zu bündeln. Wer sein Denken als Werkzeug anwendet, der findet Antworten auf viele Fragen der modernen Welt.

Als erstes erläutert Thomas S. Hoffmann Kants Definition von Philosophie. Sie drückt sich in vier Fragen aus: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und, als Bilanz daraus: Was ist der Mensch? Darauf, so Hoffmann, baut sich alles auf, und als Quintessenz aus dieser Art zu fragen lässt sich Kants Überzeugung ableiten: Philosophie ist die Statthalterin der Würde des Menschen.

Das gibt dem Nichtphilosophen zu denken. Was ist das, die Würde des Menschen? "Würde", sagt Hoffmann, "ist bei Kant das, was keinen meßbaren Wert hat, keinen Preis. Menschen kann man nicht gegenrechnen." Das klingt modern genug, wie eine hochaktuelle Kritik der Gesellschaft.

Wer von Kant spricht, muss vom kategorischen Imperativ reden. "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte" - Hoffmann übersetzt die altmodisch umständliche Sprache Kants in die Gegenwartssprache: "Ich muss mein Handeln unter die Frage stellen: Können alle Menschen sich so verhalten, wie ich es tue, ohne dass es dadurch zu einer Gefährdung der menschlichen Gemeinschaft käme?"

Hoffmann erklärt den kategorischen Imperativ an einem Beispiel, das Kant selbst gegeben hat. "Wenn ich vor der Frage stehe, soll ich lügen oder nicht? dann sagt der kategorische Imperativ: Wenn alle Menschen lügen würden, dann würde keine Kommunikation mehr stattfinden, denn jeder müsste zu jedem Zeitpunkt damit rechnen, dass er angelogen wird, und das heißt, niemand würde mehr mit dem anderen reden." Wer es nicht besser wusste, kann staunen: Kant meint nicht nur das Große, sondern auch die kleinen Gebote, die ständig übertreten werden.

Aus der Lügen-Geschichte wird auch deutlich, was Menschenwürde bei Kant bedeutet. Hoffmann verbindet den Begriff mit zwei anderen: Freiheit und Moral.

Moral, sagt er, ist zwischenmenschlich gemeint, nicht religiös: "Das ist die Basis für eine praktische Philosophie, dass ein freies Wesen es mit einem anderen freien Wesen zu tun hat. Und dass die Freiheit des einen nur mit der Freiheit der anderen zusammen bestehen kann."

Steht dem die Marktwirtschaft nicht entgegen? Was ist mit der Lohnabhängigkeit? Die klare Antwort von Hoffmann, also von Kant, lautet: "Der Lebensentwurf eines Menschen kann nicht der sein, dass er sich über möglichst viel Profit definiert. Die tragenden Eckpunkte müssen etwas mit Menschenwürde zu tun haben, mit echter Sittlichkeit. Kein Mensch ist nur das Mittel des anderen - er ist zuerst und zuletzt Selbstzweck."

Menschenwürde, Moral, Ethik. Was lässt sich aus Kants Texten zur Gentechnik, zum Klonen ableiten? Thomas S. Hoffmann ist Mitglied der Forschergruppe "Kulturübergreifende Bioethik" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und er stellt sich der Frage mit Nachdruck. Klonen sei höchst problematisch, sagt er: "Kant würde sagen, von der praktischen Philosophie her muss die Grundbeziehung eines Menschen zum anderen Anerkennung sein - dass auch der andere ein Freiheitswesen ist, das nicht angetastet werden darf." Beim reproduktiven Klonen aber sei das erzeugte Wesen durch und durch von einem anderen abhängig: "Die Person, die sich klonen lassen will, will verfügen über das Dasein eines anderen Wesens."

Verletzt diese Person nicht auch ihre eigene Menschenwürde? Ja, sagt Hoffmann, "Würde ist immer die Sache eines zwischenmenschlichen Verhältnisses. Wer die Würde eines anderen verletzt, indem er sein Daseinsrecht in Frage stellt oder ungerechtfertigt seine Freiheit einschränkt, der verletzt auch seine eigene Würde. Weil er als Vernunftwesen wissen müsste, dass er so nicht handeln darf."

Dass der Embryo kein Mensch sei, sondern ein paar Zellen im Reagenzglas, lässt er nicht gelten. "Nach der Rationalität der Naturwissenschaft ist das schon richtig, aber ich kann mich nicht so aus der Affäre ziehen, dass ich die ethische Dimension vergesse. Die Frage geht ja nicht an die paar Zellen, sondern an mich, und sie lautet: Kann die Art und Weise, wie ich mit diesen Zellen umgehe, ein Modell dafür sein, wie ich mit Menschen umgehe? Es geht um die Struktur der Welt, in der Menschen miteinander leben können. Die Frage ist, ob dieses Wesen in diese Welt mit hineingehören soll oder nicht, und wenn es nicht hineingehören soll, dann muss man sehr, sehr gut begründen. Wir dürfen den Menschen nicht als unseren Gegenstand behandeln - das gilt auch für den Forschungsklonverbrauch."

Hoffmann hat die Frage mit einiger Bewegung beantwortet. Philosophie hat mit dem Leben zu tun, ihre Fragen und Antworten sind faszinierend - auch das ist eine Botschaft Immanuel Kants.

Glaubt Thomas Sören Hoffmann, dass die Welt besser wäre, wenn wir uns alle ernsthaft mit Philosophie befassten? Ja, sagt er bestimmt, "ja. Ich hätte einen anderen Beruf, wenn ich das nicht glaubte."

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