Wladimir Kaminer, Foto: c/Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

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Wladimir Kaminer - das Fernsehen ist das Volk
Ein Dorf im Nordkaukasus ist für Wladimir Kaminer das Paradies auf Erden. In „Meine kaukasische Schwiegermutter“ suche er nach Wurzeln und Gemeinsamkeiten - nicht nach Unterschieden, erzählt der deutsch-russische Autor im Interview.

Interview von Olaf Neumann in der WAZ vom 1.9.2010:

Borodinowka ist für Wladimir Kaminer das Paradies auf Erden. In diesem Dorf im Nordkaukasus leben die Verwandten des deutsch-russischen Kultautors. Mit Meine kaukasische Schwiegermutter von Wladimir Kaminer, 2010, Manhattanseinem neuen Buch „Meine kaukasische Schwiegermutter“ will Kaminer den Leser an einen Ort der Lebensfreude, Abenteuer und ungewöhnlichen Begegnungen führen. Olaf Neumann sprach mit ihm.

Warum schreiben Sie als Wahlberliner jetzt über Ihre russische Heimat? Sind die deutschen Themen für Sie auserzählt?

Wladimir Kaminer: Durch mein Leben in Deutschland habe ich einen anderen Blick auf die kaukasischen Gepflogenheiten. Mir wurde immer vorgeworfen, ich würde über Deutschland aus russischer Sicht schreiben. Ich glaube eher, dass alle Menschen einer großen Sippe angehören. Ich suche nach den Wurzeln, nach Gemeinsamkeiten und nicht nach Unterschieden.

Was ist für Sie die größte Gemeinsamkeit dler Völker?

Kaminer: Dass Menschen überall ein dramatisches und kompliziertes Leben haben. Überall träumen sie von etwas Besserem und suchen nach dem Glück.

Deshalb hat die Familie Ihrer Frau die zerstörte tschetschenische Hauptstadt Grosny verlassen und ging in den Nordkaukasus. Oder?

Kaminer: Meine Schwiegermutter ist mit ihrer Familie durch die Hölle gegangen. Im Nordkaukasus konnte man 1990 nicht gleich ein neues Leben beginnen. Man war jenseits von Tschetschenien, aber es gab weder Geld noch Grundstücke. Die Umstände waren noch schlimmer als in der Sowjetunion. Jetzt lebt meine Schwiegermutter aber schon 20 Jahre dort. Wir fahren seit 1996 jedes Jahr in ihr Dorf. In der Steppe gibt es keine Brände, nur ein paar Terroristen. Trotz allem ist es eine sehr schöne Gegend. Dort habe ich das Gefühl, näher am Paradies zu sein als hier in Berlin.

Was ist anders an den Menschen im Nordkaukasus?

Kaminer: Die Echtheit. In Deutschland gibt es für jedes Problem eine iPhone-Applikation. Das ist schön, aber nicht echt. Im Kaukasus verläuft das Leben auf eine viel natürlichere Weise. Ich war zum Beispiel angeln an den unglaublichsten Quellen des Kaukasus. Dort gibt es zwar nur kleine frustrierte Fische, aber gute Geschichten. Das ist mein nächstes Thema.

Sie erwähnen in Ihrem Buch immer wieder die russische Anarchie. Woher rührt sie?

Kaminer: Die russische Anarchie hat etwas mit der Zwei-Kasten-Gesellschaft in diesem riesigen Land zu tun. Die Bevölkerung misstraut dem Staat, und der Staat hat das Gefühl, dass das Volk nicht auf ihn hört. Deswegen gibt sich der Staat immer ein böses Antlitz und versucht, laut zu schreien.

Viele Russen sind derzeit sauer auf ihre Politiker, weil die verheerenden Waldbrände anfangs so kleingeredet wurden.

Kaminer: Man hat auch früher nicht viel von Politikern gehalten. Heute ist das Fernsehen das einzige Medium, das die unterschiedlichen Interessengruppen miteinander verbindet. Im Grunde genommen ist das Fernsehen das Volk. Eines Tages sah man Putin in einem Löschflugzeug, wie er persönlich gegen die Brände anflog. Seitdem brennt es im russischen Fernsehen nicht mehr. Viele Menschen glauben dem Fernsehen mehr als ihrer eigenen Wahrnehmung.

Sie bezeichnen Russen als Fatalisten, die mehr an das Schicksal glauben als an das Gesetz. Hat das mit der russischen Geschichte zu tun?

Kaminer: Ja. Russland ist ein Land, das für jede Art von Veränderung sehr offen ist. Es war kein Zufall, dass die große Oktoberrevolution von 1917 ausgerechnet in Russland stattgefunden hat. Dieses Gefühl, dass das Leben falsch und unehrlich abläuft und deshalb verändert werden muss, existiert in Russland auch heute noch. Ich bin optimistisch, dass es eines Tages klappt. Der Fatalist sagt: „Wir können es probieren, aber wir sollten uns keine großen Hoffnungen machen.“ Das ist eigentlich sehr vernünftig.

Und manchmal auch nötig. Michail Chodorkowski, einst reichster Mann des Landes, sitzt seit 2003 im Gefängnis. Ein Opfer der Mächtigen?

Kaminer: Chodorkowski ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn jemand aus der Wirtschaft versucht, die Politik zu übernehmen. Die heutigen Machthaber sehen in ihm eine Gefahr. Die Macht funktioniert in Russland nicht wie in Deutschland, wo es durchaus gemeinsame Interessen zwischen Volk und Staat gibt. In Russland gibt es die jedoch nicht. Der Macht es geht um Machterhalt und dem Volk ums Überleben.

Angeblich ist der Stalin-Kult in Russland wieder in Mode.

Kaminer: Das ist nur eine kleine Gruppe Gestriger. Kein anderer russischer Herrscher hat sich so sehr mit dem Blut des eigenen Volkes besudelt wie Stalin. Leider wurden ihm seine Verbrechen nie zur Last gelegt, weil er aus dem Zweiten Weltkrieg als Sieger hervorging. Man kann keine zivile Gesellschaft aufbauen, ohne sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Bis heute wurden zwar vielen Opfern der stalinistischen Diktatur namentlich gedacht, aber wo sind die Henker? Deutschland hat von seiner Niederlage viel mehr profitiert.

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