Franz Kafka, Foto: S. Fischer-Archiv (hf0708)Er selber war nicht kafkaesk
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 3.7.2008:

Wir müssen uns Franz Kafka als einen glücklichen Menschen vorstellen. Sein Leben war alles Mögliche, nur nicht „kafkaesk" – das Wort für irrwitzig ausweglose, heillos widersprüchliche Situationen, in denen Menschen von unsichtbaren Kräften und Mächten zum unweigerlichen Scheitern gebracht werden, dieser Begriff ist schließlich aus Kafkas Werk abgeleitet. Figuren vom Gregor Samsa der „Verwandlung" bis zum K. des „Proceß"-Romans, die immer wieder Kafkaeskes erleben.

Profunder Kenner des Prager Nachtlebens

Aber das Leben des Mannes, der heute vor 125 Jahren in Prag als Sohn des Galanterie- und Modewarenhändlers Hermann Kafka geboren wurde, war eher auf Rosen gebettet. Seine Eltern verstanden sich ausgezeichnet; der Vater hatte sich vom hausierenden Dorfjuden zum Prager Kaufmann hochgearbeitet; noch bevor der kleine Franz 1889 in die Schule kam, war die Familie fünf Mal innerhalb der Prager Altstadt umgezogen, immer in ein besseres Viertel. Mit 13 verfügte Franz Kafka über ein eigenes Zimmer, mit eigenem Schreibtisch und Blick auf die Straße – Freunde beneideten ihn.

Der Vater war zwar auf rustikal-bäuerliche Weise enttäuscht vom still vergrübelten Franz, zwang ihn aber nicht, ins väterliche Geschäft einzutreten, sondern ermöglichte ihm eine akademische Laufbahn. Kafka, der Student, war ein profunder Kenner des Prager Nachtlebens. Er fuhr gelegentlich Motorrad, ging oft und gern in eins der beiden Prager Kinos. Schließlich baute Franz seinen Doktor in Jura mit „genügend" und arbeitete bald bei der „Arbeiter-Unfall-Versicherung" für Böhmen, dem Ruhrgebiet der k.u.k-Monarchie. In dieser Behörde stieg Kafka rasch auf und bezog ein immer üppigeres Gehalt, zuletzt, vor der Pensionierung wegen der Tuberkulose, das eines heutigen Oberregierungsrates.

Geldsorgen kannte Kafka nur vom Hörensagen. Dazu arbeitete er halbtags, von 8 bis 14 Uhr, und pflegte einen ausgiebigen Mittagsschlaf – der vielleicht auch etwas mit seiner oft beklagten nächtliche Schlaflosigkeit liegen dürfte. Als ihm mal jemand einen abendlichen Baldrian-Tee zur Beruhigung empfahl, wies er den als ungeheueren Eingriff in seinen Organismus weit von sich, er stand mehr auf Homöopathie und Naturheilkunde.

Körperliche Gewalt hat der Mann, der in seiner Erzählung „Die Strafkolonie" entsetzlichste Folterungen maschineller wie menschlicher Art an die Wand malt, auch so gut wie nie erfahren, nicht einmal der Vater schlug seinen Sohn. Überhaupt: Franz Kafka – auch darin ein Vorreiter - zog erst mit 31 aus dem „Hotel Mama" aus. 1914, als der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, musste er Platz machen für seine Schwester Elli und deren Kinder, im Wohnungstausch. Nach Kriegsende kehrte er aber zu den Eltern zurück.

Eine unglückliche Kindheit hatte weit eher Kafkas Freund Max Brod, dem Franz aber ein Leben lang und fast täglich für Gespräche zur Verfügung stand. Und der am Ende gar noch seine Werke vor der Vernichtung bewahrte, die Kafka erbeten hatte. „Ich habe immer wieder erlebt", schrieb Brod später, „dass Verehrer Kafkas, die ihn nur aus seinen Büchern kennen, ein ganz falsches Bild von ihm haben. Sie glauben, er müsse auch im Umgang traurig, ja verzweifelt gewirkt haben. Das Gegenteil ist der Fall".

Der Prozeß von Franz Kafka, 1990, S. FischerWer Kafka heute liest, stellt fest, dass er frisch wie am ersten Tag ist. Nicht, weil er „kafkaesk" ist, sondern weil er „unter allen Dichtern der größte Experte der Macht ist", wie Elias Canetti es auf den Begriff brachte: Kafka beschrieb die von Menschenhand gemachten Mechanismen der Unterdrückung und der Grausamkeit, die zu nichts anderem als der Herrschaftssicherung dient, mit schmerzhafter Präzision – und so durchdringend, dass diese Beschreibungen bis heute gültig sind: Wie Menschen mit Worten, mit Haltungen Macht ausüben, wie alle Intrigen und Fallstricke, die einer sich ausdenken kann, immer noch übertroffen werden von denen, mit denen Mächtige zu ihrer Macht kommen und sie erhalten. Kafkas Stilmittel waren das Paradox und das Extrem. Sie machten ihn zum größten Realisten seiner Zeit.

Im wirklichen Leben aber kam Kafka aus dem Lachen kaum noch heraus, als er einmal das erste Kapitel seines „Proceß"-Romans vorlas. Seine bis heute unerreichte Prosa konnte Kafka schreiben, weil er über ein Ehrfurcht gebietendes Talent zum Unglücklichsein verfügte – in der Phantasie. Die war manchmal allerdings so stark, dass sie aus der Imagination in die Wirklichkeit zurückschlug. Kafka selbst aber wusste sehr genau zu unterscheiden. Sein geflügeltes Wort, dass ein „Buch eine Axt sein muss für das gefrorene Meer in uns" ist verkürzt, die Passage aus dem Brief an Oskar Pollak beginnt: „Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, können wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt." (NRZ)

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