Erich KästnerDie Drosseln und die kleinen Flöten
Zum 30.Todestag von Erich Kästner.

Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 28.7.2004:

Er war ein bisschen satirisch und recht sentimental, ein wenig links und ganz hübsch melancholisch. Aber moralisch war Erich Kästner ganz und gar, ein Kriegsgegner und Freund der Kinder. Heute vor 30 Jahren ist er gestorben.

Er ist der Autor, dessen Vorworte man lesen muss. Was er da über seine Mutter geschrieben hat - mal über einen Abschied von ihr, mal über einen Brief an sie - das rührt ans Herz. Kästner war überhaupt ein Meister in der Kunst, mitten ins Gefühl zu treffen. Über das "Doppelte Lottchen", diese wunderbare Geschichte von der Familie, die durch ihre Zwillingskinder wieder vereint wird, vergießen nicht nur kleine Mädchen Tränen.

Der Kästner-Ton ist unverkennbar. "Die Äpfelbäume hinterm Zaun erröten./ Die Birken machen einen grünen Knicks./ Die Drosseln spielen, auf ganz kleinen Flöten,/ das Scherzo aus der Symphonie des Glücks." Das ist bezaubernd und von der sanften Heiterkeit, die mehr Freunde schafft als scharfe Satire.

Doch als Satiriker sah Kästner sich auch. Er zielte scharf und traf oft, aber nicht immer; einiges ist allzu larmoyant geraten. Anderes hat bis heute Gültigkeit. Vor einem Jahr wurde in vielen Zeitungen das Gedicht "Das letzte Kapitel" abgedruckt - es erzählt, wie die Menschheit sich selbst in die Luft sprengt: "Am 12. Juli 2003/ lief folgender Funkspruch rund um die Erde:/ Daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei/ die gesamte Menschheit ausrotten werde." Das berührt immer noch.

In seinen Gedichten liebte Kästner das Stakkato, in den Romanen, vor allem in denen für Kinder, war er eher lieb und leise. Trotzdem trugen auch sie die Botschaft, dass man zusammen halten und anständig sein muss. "Pünktchen und Anton", "Emil und die Detektive" - das wird gelesen und gelesen und immer wieder verfilmt. Von den Romanen für Erwachsene ist "Fabian" der anspruchsvollste, eine Satire auf das Großstadtleben in Berlin in den zwanziger Jahren.

Das Bild von Erich Kästner ist zwiespältig. Seine Bücher wurden 1933 verbrannt, doch er emigierte nicht; unter Pseudonym schrieb er das Drehbuch für den Ufa-Film "Münchhausen". Er arbeitete für "Die Weltbühne", doch der kleinbürgerliche Geist, den er anprangerte, war ihm selbst nicht fremd; er hatte viele Frauen, doch emotional band er sich nie. Sein Herz hing an seiner Mutter, die ihn aus kleinen Verhältnissen zur Universität gebracht hatte.

Manchmal verfiel er in eine beinahe revolutionäre Pose, aber nur beinahe. Die Versöhnung war ihm näher als der Umsturz. Seine Gedichte nannte er in angenehmer Bescheidenheit Gebrauchslyrik; dabei gelang ihm manchmal ein wirklich großer Wurf. "Wo bleibt das Positive, Herr Kästner" - das kann man treffender nicht ausdrücken.

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