James Joyce. Leben, Werk, Wirkung (2006, Suhrkamp BasisBiographie, von Hans-Christian Oeser, Jürgen Schneider).Kosmos aus naher und ferner Nachbarschaft.
Geburtstagsgrüße an ein Jahrhundert-Genie: Die weltweite James-Joyce-Gemeinde feiert heute zum 100. Mal den „Bloomsday“
Besprechung von Harald Loch in den Nürnberger Nachrichten, 16.6.2004:

Heute ist Feiertag der James-Joyce-Gemeinde. Zum hundersten Mal jährt sich der folgenreiche Spaziergang im Dubliner Stadtteil Ringsend, wo Joyce am 16. Juni 1904 den ersten gemeinsamen Abend mit seiner späteren Frau Nora Barnacle verbrachte. Für ihn ein fortan geheiligtes Datum, an dem sein 1922 erschienenes Opus Magnum „Ulysses“ spielt. Der Kultautor war am „Bloomsday“ 22 Jahre alt, ein unbekannter Schriftsteller. Zum „Bloomsday“-Jubiläum wurde die erste kommentierte Ausgabe des „Jahrhundertromans“ publiziert, die wir im folgenden vorstellen. Außerdem entbietet unser Autor Bernhard Windisch einen speziellen Geburtstagsgruß.

Die alten Ausreden zählen nicht mehr. Angeblich habe man „Ulysses“ von James Joyce nicht verstehen können. Als ob das reine Lesevergnügen vom „Verstehen“ abhinge. So viel Stadt und Witz, Jahrmarkt und Kathedrale, Biedersinn und Eros wie in „Ulysses“ findet man nirgendwo. Die Oberfläche des Ozeans ist überwältigend. Wer wollte sagen, dass man in seine Tiefen hinabsteigen müsste, um sich an der Unendlichkeit des Meeres an seinen Farben und Schaumkronen sattzusehen? Und trotzdem: Zum 100. „Bloomsday“ können wir das Tauchboot besteigen. Der 16. Juni, an dem vor 100 Jahren „Ulysses“ in Dublin spielt, erschließt einen Kosmos aus naher und ferner Nachbarschaft. An diesem Tag des Jahres 1904 hatte Joyce seine Muse und spätere Ehefrau Nora kennen gelernt.

Der Anzeigenvermittler Leopold Bloom und Stephen Dedalus durchstreifen die Stadt. In ihren Gesprächen und Gedanken entsteht auf dem Relief des homerischen Epos eine epochenübergreifende Welt aus Anspielungen und Zitaten, aus Parodien und Assoziationen. Der Kutschenvermieter Henry J. O’Neill aus 164 North Strand Row in Dublin gehört ebenso dazu wie Stéphane Mallarmés Prosagedicht „Hamlet et Fortinbras“ von 1886. James Joyce war ein gebildeter Mann und er kannte sein Dublin, wo keine Zeile des „Ulysses“ entstanden ist. Wir könnten ihm nicht auf allen seinen Wegen folgen, auch wenn uns die leidenschaftliche Lektüre des Romans diesen Wunsch offen ließe. Keine Wünsche offen lässt die „erste kommentierte Ausgabe des Jahrhundertromans“, die noch Günter Berg im Suhrkamp Verlag initiiert hatte.

In einem bibliophilen Großformat mit zwei Satzspiegeln — einem inneren für die bewährte, von Hans Wollschläger in fünfjähriger Arbeit vor 30 Jahren besorgte Übersetzung des Romantextes und einem äußeren für den synoptisch zu lesenden Kommentar-Bauplan — werden die Tiefen des Romans Zeile für Zeile ausgeleuchtet. Das Kapitelschema, das der Autor seinem Freund Stuart Gilbert genannt hatte, lässt den Bauplan der 18 Kapitel nach Homer erkennen. Schauplätze und assoziative Themen, Kompositionsmotive und Elemente des literarischen Tragwerks sind erkennbar. Stadtpläne von Gibraltar — dort ist Molly Bloom geboren — und Dublin vervollständigen diese Ulysses-Enzyklopädie.

Sie hat uns nie gefehlt, aber sie bereichert uns um die Dimension der Tiefe, beim Auftauchen ist Vorsicht geboten!

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