Walter Jens, 2003, Foto: Ekko von Schwichow

Walter Jens
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1.) - 2.)
Walter Jens
und die Demenz
Mit einem einzigen Satz und vielen folgenden Sätzen hat Tilman Jens die Diskussion um prominente Deutsche und die NSDAP neu entfacht.
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 5.3.2008:

"Walter Jens, mein Vater, ist dement". Das ist der eine Satz. In der FAZ schrieb der Sohn des großen Rhetorikers am Dienstag unter der Überschrift "Vaters Vergessen", Walter Jens habe die Sprache und die Erinnerung verloren. Aber in den Worten liegt beklemmend ein doppelter Bezug: einerseits auf die Alterskrankheit; andrerseits bleibt kein Zweifel, dass zugleich das Verdrängen der Wahrheit gemeint ist, die Unfähigkeit, der Unwille oder der Mangel an Einsicht, sich zu dem "winzigen braunen Fleck" in der Biografie zu bekennen.

Walter Jens wird am 8. März 85 Jahre alt. Das ist wohl der Anlass des Textes, der Grund kann es nicht sein. Zu tief betroffen, auch persönlich verletzt klingt die Klage. "Warum hat er nie einen Ton gesagt? Hätte er daheim am Mittagstisch nicht wenigstens von der umstrittenen Mitgliedschaft im national-sozialistischen Studentenbund erzählen können? Siehst du, auch ich. So kann es passieren. Stattdessen die aufrechten Legenden, fast zwanghaft zelebriert."

Manchmal ist der Text fast poetisch. "Es ist in keinem medizinischen Lehrbuch verzeichnet und scheint doch die Krankheit einer ganzen Generation, jenes Altserleiden, das in letzter Zeit auch Künstler und Schriftsteller erfasst." So beginnt es. Gleich darauf kommt der Sohn hart auf die Kartei zu sprechen, die mit der Wende zugänglich wurde; elf Millionen NSDAP-Mitglieder wurden publik, darunter Walter Jens. Unerbittlich stellt der Sohn fest, damals, im Herbst 2003, habe die Krankheit begonnen, habe den Vater sein "phänomenales Erinnerungsvermögen" verlassen. Da ist Erbitterung zu spüren und schwerer Vorwurf. Nicht über die Enthüllung, die den Namen kaum verdiene, aber über frühes Schweigen und später verweigertes Erinnern.

Und es geht nicht nur um einen Konflikt zwischen Vater und Sohn. Tilman Jens nennt andere, "souverän Geglaubte", "unsere Besten": Siegfried Lenz, Hermann Lübbe, Erhard Eppler, Dieter Hildebrandt. Sie hätten es sich leisten können, "über ihre postpubertären Verirrungen zu sprechen. Doch ach!"

Oft glaubt man Mitleid zu spüren mit dem Mann, an dessen Lebensende eine Erschütterung und eine schwere Krankheit stehen. Doch wenn es so ist, lässt das den Sohn nicht schweigen. Der Vater habe seine später höchst aufrechte Biografie nur ein wenig retuschiert, sagt er, aber er fügt hinzu: "Mag sein, das war feige". Und, ebenso zwiespältig: Walter Jens habe die Scham über "seinen kleinen Schwindel" nicht ertragen; er sei daran zerbrochen.

In beharrlicher Rechtschaffenheit lässt der Sohn nichts aus, sagt, der Achtzigjährige habe sich gewunden wie ein ertappter Sünder, habe Ausflüchte gesucht, die er anderen wohl um die Ohren geschlagen hätte: "Ja er habe immer gesagt, er sei nicht in der Partei gewesen, aber das könne ein Irrtum sein, vielleicht habe er irgendwann einmal so einen Wisch unterschrieben."

Kein Zweifel: Der Sohn legt in großem Zorn stellvertretend für den Vater die Lebensbeichte ab. Das ist bemerkenswert, doch es liegen Fragen darin. Ist das möglich? Wohin führt das? Und was geschieht da mit den Vätern? Die Antwort ist nicht leicht.

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Walter Jens, 2003, Foto: Ekko von Schwichow

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2.)

Ein unabhängiges Urteil fällen
Zum 85. Geburtstag des Schriftstellers, Kritikers und Wissenschaftlers Walter Jens
Von Peter Mohr aus dem titel-magazin vom 9.3.2008:

"Für mich ist die wichtigste Tugend, sich umfassend zu bilden, nachzudenken und am Ende eines langen Meditationsprozesses ein eigenes und unabhängiges Urteil zu fällen. Aus diesem Grund bin ich ein großer Freund des Lesens", erklärte Walter Jens 2001 in einem Interview.

Längst hat der Redner, Kritiker und Wissenschaftler Jens den begabten Autor der Nachkriegszeit vergessen lassen. In seinen vielen Funktionen hat er sich immer als "Schwimmer gegen den Strom" des allzu schnelllebigen Zeitgeistes, als Mahner und Bewahrer der demokratischen Grundrechte - kurz: als radikaler Aufklärer im Sinne Lessings entpuppt.

Walter Jens, der am 8. März vor 85 Jahren in Hamburg als Sohn eines Bankdirektors geboren wurde, erwarb bereits als 21-jähriger den "Doktorhut" in klassischer Philologie. Anfang der 1960er-Jahre wurde der Jubilar auf den damals neu geschaffenen Rhetorik-Lehrstuhl in Tübingen berufen.

Nicht selten handelte er sich aus dem konservativen Lager harsche Kritik ein. Am härtesten traf den humanistischen Aufklärer, dass die "FAZ" - für die er selbst jahrelang Kritiken verfasste - ihn 1985 anlässlich seiner Teilnahme an der Mutlangen-Blockade als "anti-aufklärerisch" bezeichnete.

In jüngster Vergangenheit ist es zwar wegen eines Asthmaleidens um Walter Jens ruhiger geworden, doch an seiner Streitlust hat er nichts eingebüßt. Gespenstisch nannte er in der Irak-Diskussion die Vorstellung, dass "eine einzige Macht tun und lassen kann, was sie will dank ihrer ökonomischen und militärischen Stärke." Während des Golfkriegs 1991 hatte Jens in seinem Haus zwei US-Gefreite vor dem Zugriff der amerikanischen Militärpolizei versteckt. Er würde heute wieder so handeln, war von Jens zu vernehmen.

Im Jahr 2003 geriet Walter Jens erneut in die Diskussion, dieses Mal allerdings wegen seiner bislang nicht bekannten Mitgliedschaft in der NSDAP, in die er 1942 eingetreten war.

In den frühen 1950er-Jahren galt Walter Jens als einer der "Shooting stars" der Gruppe 47. 1950 war sein an Franz Kafka orientierter Roman "Nein - die Welt des Angeklagten" von der Kritik wohlwollend aufgenommen worden. Nur ein Jahr später erschien die Erzählung "Der Blinde", Jens' gelungenstes Erzählwerk. Darin werden zwei Tage aus dem Leben einer erblindeten Figur erzählt, ihre Verzweiflung und die Schwierigkeiten, dem Leben einen neuen Sinn zu geben.

Es folgten Hörspiele, Dramen, die viel beachteten Bände mit gesammelten Reden ("Ort der Handlung ist Deutschland" und "Kanzel und Katheder"), die zwei Jahrzehnte lang unter dem Pseudonym "Momos" in der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichten TV-Kritiken, Essaybände und einige gemeinsam mit seiner Frau Inge verfasste Bücher über die Familie Mann.

Gerühmt wurde Jens vor allem als brillanter Redner: Ob bei SPD-Parteitagen, auf Akademietagungen, beim Deutschen Gewerkschaftsbund oder vor wissenschaftlichen Auditorien: Stets hat der ehemalige PEN-Präsident seine Zuhörer in den Bann gezogen. Vor zwei Jahren hielt der leidenschaftliche Fußballfan Walter Jens die Festrede zum 100-jährigen Jubiläum der Fußballabteilung des TV Eimsbüttel, für den er in seiner Jugend als Torwart selbst die Stiefel geschnürt hatte.

Mit einer gehörigen Portion Understatement bezeichnete sich Jens, der seit den 1960er-Jahren in Tübingen lebt, vor einigen Jahren in einem "SPIEGEL"-Interview als "schmale Begabung, denn ich kann nicht Auto fahren und habe nie einen Computer bedient."

Geblieben ist über all die Jahre das kritische Bewusstsein: "Ich halte in einer Zeit der Spezialisten und Fachidioten viel von der Funktion des gebildeten Laien, des Dilettanten, der Fachleute mit Fragen konfrontiert, die sie sich selbst nicht stellen", hatte der Ehrenpräsident der Berliner Akademie verkündet. Walter Jens, einer der letzten großen Universalgelehrten, wird leider nicht mehr die unbequemen Fragen stellen können, er leidet, wie sein Sohn, der Publizist Tilman Jens, mitteilte, an Demenz im fortgeschrittenen Stadium.

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