Elfriede Jelinek, Text+KritikLiteratur-Nobelpreis für Elfriede Jelinek.
Scheue Frau, aggressive Autorin
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ vom 7.10.2004:

Wer Elfriede Jelinek auf ihrer homepage besucht, schaut einem Bambi ins treue Auge. Es ist aus Porzellan und spielt an auf das jüngste Theaterstück der Autorin, "Bambiland". Christoph Schlingensief, auch er ein Wüterich, hat es vor einem Jahr in Wien uraufgeführt; mit Wortkaskaden und pornografischen Bildern prangern darin die Autorin und ihr Regisseur den Irakkrieg an.

Neben dem Bambi im Internet türmen sich Textberge, rasen seitenlange Sätze zu allem, was die wortgewaltige Autorin bewegt - von Österreichs Haider bis zu Psychoanalyse, Hitchcock, Ernst Jandl. Das ist die Jelinek: unbändig in ihrer Sprache, brennend vor Zorn auf männlichen Chauvinismus und rechte Politik. Dabei ist sie bilderstark und unbeugsam polemisch, oft sarkastisch, manchmal kalauernd. Maßlos ist sie und anarchisch.

Natürlich polarisiert Elfriede Jelinek. Man liebt sie oder hasst sie, wobei die Ablehnung gern bei ihrem unkonventionellen Äußeren beginnt. Nein, sie ist nicht schön, nicht charmant und nicht verbindlich. Aber darum geht es ja wohl nicht. Sie ist eine Kämpferin.

Das schwedische Komitee hat betont, Jelinek sei eine Autorin, "die mit ihrem Zorn und mit Leidenschaft ihre Leser in den Grundfesten erschüttert". Sie habe dabei vor allem "die Konsumgesellschaft Österreich kritisiert, die nicht ihre eigene Vergangenheit aufgearbeitet hat".

Das sind klare Worte. Nicht unbedingt Worte der literarischen Wertung. Das kennzeichnet Elfriede Jelinek: dass sie auch und oft zuerst als gesellschaftskritische Autorin wahrgenommen wird. Das Nobelpreis-Komitee würdigt ausdrücklich die Sprache der Jelinek, es hebt aber zugleich ihren unermüdlichen gesellschaftspolitischen Kampf hervor - er richtet sich gegen Krieg und Gewalt, gegen klassenbedingte Ungerechtigkeit, Kommerz- und Konsumsucht und gegen sexuelle Unterdrückung.

Es sei doch wunderbar, meinte Komiteesprecher Per Wästberg in Stockholm, dass man nach dem "lakonischen" Südafrikaner J. M. Coetzee im letzten Jahr jetzt eine so zornige und leidenschaftliche Autorin ehre. Er fügte hinzu: "Ich kenne kaum jemanden, der das Patriarchat so wuchtig in Stücke hauen kann." Und er verwies auf die besagte Internetseite der Autorin: "Da blitzt es nur so von immer neuen Attacken auf alles Mögliche." Die Seite heißt übrigens ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede Elfriede Jelinek, die 1946 in der Steiermark geboren wurde, war Klosterschülerin. Sie studierte Theaterwissenschaft, Musik und Kunstgeschichte; 1974 trat sie der Kommunistischen Partei Österreichs bei.

Bei aller literarischen aggressivität ist sie persönlich scheu, seit Jahren hat sie kaum Interviews gegeben. Dem schwedischen Rundfunk sagte sie jetzt, der Nobelpreis sei eine "überraschende und große Ehre", sie werde aber zur Verleihung am 10. Dezember nicht nach Stockholm kommen. "Ich kann mich im Moment Menschen nicht aussetzen", sagte sie. Und: "als Blume im Knopfloch für Österreich" betrachte sie den Preis nicht.

Die Jelinek schrieb Lyrik, Romane ("Lust", "Die Klavierspielerin"), 15 Theaterstücke ("Ein Sportstück", "Burgtheater", "Stecken, Stab und Stangl"). 1996 hatte sie wegen des geistigen Klimas in Österreich untersagt, dass ihre Dramen dort gespielt werden dürften, sie hob das Verbot später wieder auf, weil es sinnlos sei.

Den Roman "Die Kinder der Toten" nennt sie ihr Hauptwerk. Sie thematisierte darin Österreichs Mitverantwortung im Nationalsozialismus und durchbrach damit das Selbstverständnis Österreichs, als "erstes Nazi-Opfer".

Bei den Mülheimer "stücken" war Jelinek übrigens jahrelang leer ausgegangen. Seit 2001 erhielt sie den Dramatikerpreis zweimal: für "Macht nichts" und "Das Werk".

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.waz.de]

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