„You’ll never drink alone“
Jürgen Israel
über Freundschaft, konsequente Atheisten
oder das Liebesgebot Jesu
Von Jochen Arlt, April 2009:
Er veröffentlichte rund 20
Bücher bislang, agierte wiederholt als Mitausrichter des DEKT-Forums Kunst und
Kirche, ist Mitglied der Evangelischen Landessynode Berlin-Brandenburg, war
Stadtschreiber in Rheinsberg.
Während DDR-Zeiten wurde Jürgen Israel (63), von dem die Rede ist, zwei Jahre
inhaftiert wegen Wehrdienstverweigerung. Der bei Berlin lebende Germanist kam im
vereinten Deutschland rasch zurecht, ist gefragt als Autor, Journalist, Referent
oder Lektor und Herausgeber, publizierte bleibende literarische Werke wie das
Folgekompendium „Im Urteil der Dichter“ zunächst, anschließend „Vom Wertmaß der
Poesie“ (Hinstorff, Rostock).
Eigene Gedichte offerierte der sich als Wertkonservativen bezeichnende
Multiaktive unter anderem 2004 in dem bibliophilen Privatdruck „heimat im
rücken“. Ein Jahr zuvor erschien der rasch vergriffene Band „Freundschaft“ (EVA,
Leipzig).
Unter exakt jenem Arbeitstitel schafft Jürgen Israel momentan an einem weiteren
Anthologieprojekt mit Gegenwartsautoren als auch Klassikern. Grund für Jochen
Arlt sich übers Buchthema mit dem Literaturversammler gezielter zu unterhalten.
ARLT: Herr Israel, Künstler gelten als abgekapselte Bewohner von Elfenbeintürmen. Wie können somit Freundschaften keimen und sich entfalten?
ISRAEL: Ob es eine allgemein gültige Antwort auf Ihre Frage gibt, weiß ich nicht. Für die Künstler, mit denen ich befreundet bin, und für mich gilt, dass wir natürlich die Zurückgezogenheit, die Ruhe zum Arbeiten brauchen. Aber ich brauche ebenso nötig den Austausch nicht nur über die Arbeit. Und außerdem, das kommt Ihnen vielleicht albern vor: ich trinke nicht allein. Trinken ist für mich stets etwas Geselliges.
ARLT: Dem gegenwärtigen Zeitgeist, notiert auch unser Kollege Heiner Feldhoff, mangelt es an Zeit wie Geist. Wo bleibt da Raum für die Pflege eines sozialen Umfelds bis hin zu Freundschaften?
ISRAEL: Wir haben heute nicht mehr Zeit als die Menschen vor hundert Jahren. Da wir 2009 mehr Möglichkeiten haben, uns allein, das heißt ohne einen Gesprächs- oder Spielpartner, abzulenken und zu täuschen, müssen wir uns halt bewusst entscheiden, will ich heute Abend fernsehen oder einen Brief schreiben oder mit Freunden zusammensein.
ARLT: Das Verb „täuschen“ kann ich nicht recht zuordnen. Was meinen Sie damit?
ISRAEL: Dass wir meinen, wir hätten weniger Zeit als frühere Generationen.
ARLT: Alldieweil: Wird in unserer Duz-Gesellschaft das Prädikat Freund, Freundin nicht zu leicht vergeben, gar inflationiert?
ISRAEL: Vor 250 Jahren, im Zeitalter des Sturm und Drang und der Empfindsamkeit, waren die Menschen mit dem Prädikat, wie Sie formulieren, Freund bereits schnell zur Hand. Ich finde gar nicht, dass heute inflationär mit dem Wort Freund umgegangen wird. Ob ich mich übrigens mit jemandem duze oder nicht, sagt nichts über den Grad der Verbundenheit aus. Ich habe vertraute Freunde, mit denen ich mich jahrzehntelang gesiezt habe und auch noch sieze.
ARLT: Wo findet sich der Unterschied, die Schnittstelle zwischen Bekanntschaften, Gefährten und so genannten Freunden?
ISRAEL: Da können Sie gleich noch die Liebe dazu nehmen: In meinem Herzen und in meinem Kopf. Sie alle können mich beglücken, erfreuen, trösten – und verletzen.
ARLT: Hat ein bekennender Christ mehr Freunde als ein konsequenter Atheist?
ISRAEL: Gute Frage, weil in dieser knappen Form vorab sicher nie dagewesen . . . Ich jedenfalls weiß unter meinen Freunden von etlichen (lacht) konsequenten Atheisten.
ARLT: „Liebe hat ihre Zeit / und Freundschaft hat ihre Zeit“ schreiben Sie. Ist Freundschaft nicht gleichzusetzen mit „Liebe deinen Nächsten“ respektive kann eine Ehe, eine Liebesbeziehung durch gewachsene Freundschaften gefährdet werden?
ISRAEL: Das Liebesgebot Jesu bezieht sich ja gerade nicht auf Freunde. Denn Freundesliebe gäbe es gleichermaßen bei den Heiden. Mein Nächster kann auch mein Feind sein. Ebenfalls er hat Anspruch auf meine Zuwendung. Grundsätzlich sollten wir sagen: Wende dich deinem Nächsten zu, nimm ihn in seiner Situation wahr und handele dem entsprechend, hilf ihm angemessen. Überdies ist eine Ehe, eine Liebesbeziehung etwas derart Umfassendes, dass es vielen Gefährdungen ausgesetzt ist. Sehen Sie – ich bin über 30 Jahre mit ein und derselben Frau verheiratet: es ist gut, dass wir Freunde haben, jeder für sich und wir beide gemeinsam. Die Freunde und Freundinnen meiner Frau sind nicht notwendigerweise auch meine. Und umgekehrt gilt das ebenso.
ARLT: Letztmals aus Ihrem leider nur mehr antiquarisch zu erwerbenden „Freundschaft“-Kleinod zitiert: „Ich wünsche mir Freunde / zu denen ich nachts / kommen kann / um zu heulen / um zu lachen / um mich satt zu essen“. Sind dies fromme Wünsche für Sie persönlich?
ISRAEL: Ob sie fromm sind, mag wer immer beurteilen. Sie gelten freilich für mich persönlich wie die Gegenstrophe aus dem gleichen Buch: „Ich wünsche mir Freunde / die auch nachts kommen / um zu weinen / um zu lachen / und um sich satt zu essen“.
ARLT: Möglich, dass Sie zum Gesprächsfinale ganz spontan einen historisch bewährten Aphorismus für Freundschaft wiedergeben können?
ISRAEL: Statt Aphoristischem darf ich eine mich lange bereits von Albrecht Goes begleitende Gedichtstrophe rezitieren: „Gut ist die Hausung, der Hort, / Und der Menschen Zuzwein und Zudrein. / Aber im Winde das Wort / Heißt: Immer ist einer allein.“
© Jochen Arlt
Leseprobe I Buchbestellung 0509 LYRIKwelt © Jochen Arlt