Kazuo Ishiguro, 2000, Foto: Ekko von Schwichow

Kazuo Ishiguro
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Literaturnobelpreis für Kazuo Ishiguro
Kazuo Ishiguro, ein Brite japanischer Herkunft, erhält den Literaturnobelpreis – für ein Werk, das täuschend forscht.
Von Britta Heidemann in der WAZ vom 05.10.2017:

Kurz vor Brexit erhält also ein Engländer den Literaturnobelpreis, ein Autor, dessen bekanntester Roman von einem britischen Butler erzählt („Was vom Tage übrig blieb“), dessen Werke in Internaten und unter Musikliebhabern spielen. So könnte man es sehen. Oder auch so: Nicht Haruki Murakami, sondern ein anderer Japaner hat den Preis erhalten, einer, dessen Werk sich noch entschiedener der realistischen Gegenwart entzieht, der Gefühlswelten phantastisch spiegelt.

Kurz: Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren und seit dem sechsten Lebensjahr in England beheimatet, ist einer der am wenigsten greifbaren, einer der schillerndsten Schriftsteller der Gegenwart. Das Uneindeutige ist Programm, am eindeutigsten vielleicht im monumentalen Werk „Die Ungetrösteten“: Ein Pianist gelangt in eine namenlose Stadt, ein Auftritt steht an, doch wie in einem kafkaesken Traum verschiebt und verzögert sich alles, führen Türen nicht in den Nebenraum, sondern in Parallelwelten – auf über 700 Seiten lässt Ishiguro seine Leser spüren, wie es ist, wenn man sich selbst nicht kennt, sich der eigenen Wurzeln nicht sicher ist, wenn fremde Hotelsuites plötzlich Erinnerungen an das eigene Kinderzimmer wecken.

Handeln die frühen Romane „Damals in Nagasaki“ und „Der Maler der fließenden Welt“ von japanischen Kriegserlebnissen im Zweiten Weltkrieg, so erzählen auch sie bereits auf einer zweiten Ebene von Entfremdung und Entwurzelung. Japan ist nur eine Idee, so wie jedes Land, jedes Leben nur eine Idee ist – und immer auch etwas anderes beinhaltet. Der ur-britische Butler, den Anthony Hopkins dann in „Was vom Tage übrig blieb“ (an der Seite von Emma Thompson) mit gefrorener Mimik gab, kann man zugleich als einen zutiefst japanischen Charakter begreifen: selbst angesichts des sterbenden Vaters noch der stoischen Diensterfüllung verpflichtet – statt dem eigenen Gefühl.

Ishiguros (bisheriges) Meisterwerk jedoch erzählt uns von Wesen, denen wir spontan Identität und Gefühl absprechen würden. „Alles, was wir geben mussten“ beginnt als Internatsgeschichte und unglückliche Lovestory, deren eigentliche Tragik sich erst allmählich offenbart: Wir lesen hier von menschlichen Klonen. Wie sich die Schülerinnen und Schüler an die Hoffnung klammern, die Zurschaustellung ihrer Kreativität (etwa in gemalten Bildern) könnte ihnen das Schicksal ersparen, als menschliches Ersatzteillager der „Vollendung“ dank umfänglicher Organentnahme entgegenzusehen – das zerreißt Lesern auf eine Weise das Herz, die in der zeitgenössischen Literatur nahezu beispiellos ist. Im Jahr 2010 verfilmte Mark Romanek den Roman, in einer der Hauptrollen ist Keira Kneightley zu sehen.

Unzuverlässige Erinnerungen

Was die Romane und auch die Erzählungen Ishiguros eint, ist eine Sprache, die wie glattpoliert scheint: zurückhaltend glänzend, präzise, aber niemals auftrumpfend. Ishiguros Sätze tragen seine Leser, gewissermaßen die Sicherheit des vertrauten Terrains vorgaukelnd, in fremde und irritierende Wirklichkeiten. Zugleich verlassen die Protagonisten selbst jene Wirklichkeit und Wahrheit, die bislang verlässlich schien, auch dies ein Muster. „Um sich zu schützen, ist ein gewisses Maß an Selbsttäuschung nützlich“, sagte Ishiguro einmal in einem Interview – „selbst, wer sich ein Scheitern eingesteht, wird versuchen, diesem Scheitern einen gewissen Spin zu geben“.

Und so bewegen sich Ishiguros Erzähler auf ihren Erinnerungspfaden häufig in den Grauzonen dessen, was erlebt, erwünscht oder schlicht erfunden ist – oft sind sie so wenig zuverlässig wie unsere eigenen Selbsterzählungen. In Ishiguros jüngstem Roman, dem ans Fantasy-Genre angelehnte „Der begrabene Riese“, stellt er schließlich seinen Lesern ganz direkt die Frage: Ist es besser, sich an die Schrecken die Vergangenheit zu erinnern – oder dient das Schweigen, das Vergessen womöglich dem Schutz von Gemeinschaften, Beziehungen?

Die Nobelpreis-Jury hat mit Kazuo Ishiguro einen stillen Zweifler geehrt, der die große Bühne bislang nicht suchte – und doch die literarische Landschaft entscheidend geprägt hat. Das ist, in Zeiten des grellen Lautsprechertums und Rechthabenmüssens, eine Wohltat.

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2.)

Der Traum von der Heimat
Literaturnobelpreis-Träger Kazuo Ishiguro gilt seit langer Zeit als einer der interessantesten Autoren Englands. Ishiguro ist Engländer - und zugleich ist er es nicht.
Von Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau, 05.10.2015:

Vor acht Jahren schrieb Haruki Murakami das Vorwort zu einem Band mit Essays über Kazuo Ishiguro. Titel: „Was es bedeutet, einen Zeitgenossen wie Kazuo Ishiguro zu haben“. Es gebe nur sehr wenige Autoren, bei denen er, sowie ein neues Buch von ihnen erscheine, alles stehen und liegen lasse und sich ganz auf das neue Buch des Autors stürze. Einer von diesen sei Kazuo Ishiguro. Jedes Buch von ihm sei, so Murakami, anders als alle seine Vorgänger, aber dennoch hingen sie alle zusammen und ergänzten einander wie „miteinander verbundene Moleküle“.

Ishiguro trete, so Murakami, nicht wunderbarerweise alle paar Jahre mit einem neuen Meisterwerk an die Öffentlichkeit, er habe einen „Meisterplan“, in dem sich Buch an Buch zusammenfüge zu einer „Makroerzählung“. Es sei wie bei einem Maler, der an einem Riesengemälde arbeite und nach und nach immer neue Flächen der Leinwand fülle. Ein Lebenswerk, ein sich immer weiter ausdehnendes Universum. Dafür bewundere er Ishiguro: „Als ein Leser von Romanen ist es eine Freude, mit einem Zeitgenossen wie Kazuo Ishiguro gesegnet zu sein. Und für einen Romanautor ist es eine große Ermutigung. Wenn ich mir vorstelle, wie seine zukünftigen Werke wohl aussehen werden, ist es, als würde ich mir meine eigenen noch zu schreibenden Romane vorstellen.“

Es wäre schön, ich könnte jetzt ausführen, was Murakami so beredt uns preist. Aber die Wahrheit ist: Ich sehe das nicht. Es mag daran liegen, dass ich nicht jeden Roman, nicht jede Erzählung von ihm gelesen habe. Er hat mich nicht in einen Süchtigen verwandelt. Es ist etwas ganz anderes, was mich an Ishiguro interessiert. Salman Rushdie überschrieb eine Sammlung seiner Essays mit „Imaginary Homelands“. So las ich Kazuo Ishiguros Romane.

Er kam zwar 1954 in Nagasaki als Kind von Japanern zur Welt, verließ das Land aber bereits als Fünfjähriger. Er ging in England zur Schule, er studierte dort, besuchte bei Malcolm Bradbury – das tat auch Ian McEwan – einen Kurs für kreatives Schreiben. 1983 und 1993 nahm ihn die wohl führende Literaturzeitschrift der angelsächsischen Welt, „Granta“, zweimal in die Liste der besten jungen britischen Autoren auf.

Der in Japan geborene Kazuo Ishiguro wurde zu einem der besten Stilisten der englischsprachigen Welt. Er gilt seit Jahrzehnten als einer der interessantesten Autoren Englands. Er ist Engländer – und zugleich ist er es nicht. Viele seiner Bücher handeln von Japan. Das meine ich mit „imaginary homelands“. Er erträumte sich eine Heimat, die er in England wohl hat und zugleich nicht hat. Er erträumte sich aber kein schöngefärbtes, kein nostalgisch ersehntes Japan, sondern zum Beispiel das Japan des Zweiten Weltkrieges, eine wüste Welt von Unterwerfung und Verknechtung, in der der Einzelne vergeblich versucht, seiner Schuld, die er sich erwirbt durch das, was er tut oder auch nicht tut, zu entgehen.

Es gehört zu den Leistungen Ishiguros, sich diesen Fragen zu stellen. Es gehört aber auch zu seinem Glück, dass er das nicht in Japan und nicht auf Japanisch tun musste, sondern es in England auf Englisch tun konnte und musste. Auf diese Weise ist er, so nahe er in seinen Erzählungen auch immer dem Geschehen kommen mag, doch gleichsam in einem anderen Medium und ganz sicher in einer anderen Kultur unterwegs, die sich dem Geschehen in Japan als einer exotischen Fremde nähert. Auch für ihn wird sie fremd sein. Zugleich aber ist sie die Welt, aus der er kommt, deren Produkt er auch ist. Wenn er sie beschreibt, beschreibt er nicht seine Heimat, aber doch ein auch politisch-kulturelles Gelände, das leicht seine Heimat hätte bleiben können.

Sein berühmtestes Buch ist ein leises Sittengemälde aus der Sicht eines Butlers: „Was vom Tage übrigblieb“. Das Buch erschien im mitteleuropäischen Epochenjahr 1989. Es ist der Rückblick eines alten Mannes auf seine Jahre als Diener eines Appeasement-Politikers, der als „Nazifreund“ galt. Wieder geht es um Schuld und die Unmöglichkeit, ohne sie zu leben. Es ist aber auch ein Buch über versäumte Chancen und nicht wahrgenommene Möglichkeiten eines anderen Lebens. Ein trauriges Buch, das viel zu leise ist, als dass auch nur die Idee von Verzweiflung aufkommen könnte. Ein viel zu pompöses Wort, eine viel zu starke Emotion. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler den Roman zu einem der bedeutendsten britischen Romane.

2015 erschien Ishiguros neuester, in der deutschen Übersetzung von Barbara Schaden 416 Seiten umfassender Roman „Der begrabene Riese“. Er spielt im 5. Jahrhundert in Britannien. Ein Paar – Außenseiter im Dorf – macht sich auf eine Reise, während das Land und sie selbst sich verändern. Er beginnt mit den Worten: „Nach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England später berühmt wurde, hättet ihr lange gesucht. Gefunden hättet ihr stattdessen endlose Weiten, ödes, unbestelltes Land ...“

Die Welt ändert sich. Keine Heimat bleibt, wie die Erinnerung sie einem ausmalt, und kein Mensch bleibt, der er ist. Und der er ist, ist hervorgegangen aus einem, der anders war, und er wird wie die Welt um ihn herum anders werden. Das ist das Thema von Romanen, seit es sie gibt. Metamorphosen finden immer statt und werden immer wieder beschrieben. Es ist das, was mich reizt an Ishiguro. Die Heimatlosigkeit und der nimmermüde Versuch, sich in immer neuen, selbst geschriebenen Heimaten zurechtzufinden. Japan im Zweiten Weltkrieg. Britannien im 5. Jahrhundert.

Daniel Kehlmann beendete vor zwei Jahren seine enthusiastische Besprechung von „Der begrabene Riese“ mit den Worten: „Vor allem aber ist der die Erinnerungen löschende Nebel womöglich nicht der Fluch, als der er zu Beginn erschienen ist. Aber ist es nicht ein Axiom, dass Literatur für die Erinnerung und gegen das Vergessen steht? Wer würde es wagen, diesem Satz zu widersprechen und das Vergessen zu verteidigen?“ Womöglich der Nobelpreisträger der Kunst der Erinnerung Kazuo Ishiguro.

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