Man muss lernen, Ausländer zu sein
Gespräch mit John
Irving von Anita Pollak im Kurier,
Wien, vom 18.2.2006:
John Irving ist ein Profi. Im Schreiben, im
Umgang mit den Medien, als Familienvater und im Fitness-Studio. Davon konnte man
sich dieses Wochenende in Wien überzeugen. Samstag Früh kam der amerikanische
Bestsellerautor aus New York an, wo die Promotion-Tour für seinen neuen Roman
"Bis ich dich finde" startet und Irving Gast des Bürgermeisters bei
einer Gala im Rathaus war. Anlass: Die Aktion "Eine Stadt, ein Buch"
mit Irvings Frühwerk "Lasst die Bären los!" Sonntag Abend liest er
im Burgtheater.
Interview-Fitness
Allererster Termin: Das KURIER-Interview im Fitness-Club des Hotels
"Imperial". Irving, der auch eine Karriere als Ringer hinter sich hat,
radelt ziemlich intensiv und gibt dabei freundlich Auskunft, am liebsten über
seinen neuen autobiografischen Roman.
"Meine Stärke als Autor ist meine Fantasie. Und natürlich ist da viel
mehr drinnen, als ich selbst erlebt habe. Doch den abwesenden Vater und den frühen
sexuellen Missbrauch, das habe ich auch erlebt, aber wäre es so traumatisch
gewesen, hätte ich nicht ein so erfolgreicher Autor werden können. Würde ich
mich nicht gesund genug fühlen, hätte ich mich nicht so lange Zeit mit diesen
unglücklichen Erinnerungen an meine Kindheit beschäftigt."
Obwohl Irving es hasst, von Journalisten nur auf die Parallelen zwischen seinen
Romanen und seinem Leben angesprochen zu werden, kommt er immer wieder selbst
darauf zu sprechen.
"Sex in meinen Romanen ist selten ein Vergnügen. Meistens stimmt dabei
irgendetwas nicht. Meistens ist es die falsche Person zur falschen Zeit und
irgendwie beschädigend. Ich habe mich erst von dem Trauma der sexuellen
Beziehung zu der älteren Frau befreien können, als ich selbst Vater wurde. In
meinen Romanen dramatisiere ich aber meine tatsächlichen Erlebnisse, d. h. ich
mache sie schlimmer. Die Frau, die mich damals verführte, als ich elf war, war
eine viel nettere und jüngere Frau als Mrs. Machado in meinem Buch."
Wien-Bezug
In den frühen 60er-Jahren war Irving ein Jahr als Student in Wien und Wien
wurde auch ein Schauplatz seiner frühen Romane. "Es war das erste Mal,
dass ich von daheim fort kam und eine eigene Wohnung, ein Außenseiter zu sein,
das hab' ich hier gespürt. Und gelernt, mein Land von außen zu sehen, das habe
ich beibehalten."
Distanziert betrachtet Irving auch seinen Roman "Lasst die Bären
los!", der ja jetzt verschenkt wurde. "Es ist ein Erstlingswerk.
Vielleicht sollt man es nur gratis hergeben. Es war ein Lehrlingsstück und ich
hatte das das Glück, dass mir die Geschichte einen festen Rahmen gegeben hat.
Ich war damals 24, es ist ein sehr junges Buch, aber eine interessante Idee.
Tiere aus einem Zoo zu befreien, ist ja eigentlich dumm, doch wenn man gegen
etwas protestieren will, das man nicht ändern kann, kommt man manchmal auf
absurde Ideen" .
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