Hanns Dieter Hüsch, Foto:Foto: Wilfried Wittkowsky/wikipedia.org (hf0109)Was macht eigentlich Anna Hüsch?
Sie ist das einzige Kind des großen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch (1925-2005). Lange Zeit war es für sie nicht einfach, die Tochter eines Prominenten zu sein
Von Ingo Plaschke in der NRZ vom 04.5.2015:

Moers, das ist für sie die Geburtsstadt ihres Vaters, in der er auch begraben liegt. Ansonsten hat Anna Hüsch-Kraus mit dem Niederrhein nicht viel zu tun. Geboren wurde das einzige Kind von Marianne und Hanns Dieter Hüsch in Mainz, in dem Jahr, in dem ihre Eltern heirateten: 1951. Mittlerweile lebt sie auf dem Land bei Köln. Von ihrem Küchenfenster aus ist der Fernsehturm zu sehen, „aber leider nicht der Dom“.

Tach auch, Frau Hüsch. Um mal mit den Worten ihres Vaters zu fragen: Wie isset?
Wunderbar! Nächstes Jahr werde ich 65 Jahre alt und in Rente gehen, darauf freue ich mich. Nicht, dass ich nicht gerne arbeite, ich bin ja Psychologin, und das ist mein Traumberuf. Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren in Einrichtungen für behinderte Menschen, das macht mir Spaß. Doch ich bin auch glücklich darüber, zukünftig alleine über meine Zeit entscheiden zu können. Hinzu kommt: Ich habe ein bewegtes und anstrengendes Leben hinter mir. Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich zu mir selber gefunden habe und sehr zufrieden mit mir und meiner Lebenssituation bin.

Auffällig ist: Als Nachlass-Verwalterin des Erbes Ihres Vaters tritt Christiane Rasche-Hüsch auf, die Witwe Ihres Mannes, Sie dagegen, als einziges Kind, kaum.
Das ist richtig. Es wurde übrigens zwischen Chris und mir nie so besprochen, es hat sich so entwickelt. Ich muss gestehen: Organisatorisch bin ich eine Chaotin, deshalb wäre dies nicht das Richtige für mich. Chris hingegen ist ein sehr gut strukturierter Mensch, und ich denke auch, dass es für sie wichtig war, diese Aufgabe zu übernehmen. Kurz nach dem Tod meines Vaters war ich mal bei einer Veranstaltung in Moers mit dabei, danach aber habe ich mich aber bewusst zurückgezogen. Jetzt, zehn Jahre später, bin ich wieder soweit, doch ich drängele nicht in die Öffentlichkeit.

Bitte beschreiben Sie kurz das Verhältnis zwischen Chris Rasche-Hüsch und Ihnen?
Wir führen beide ein unabhängiges Leben voneinander. Das heißt jetzt aber nicht, dass wir nicht miteinander reden. Wenn es in Bezug auf meinen Vater etwas zu organisieren gibt, dann gehen wir in Kontakt. Sowohl Chris als auch ich haben sehr unter seinem Tod gelitten. Natürlich in unterschiedlichen Rollen, sie als Witwe, ich als Tochter. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass es Chris in den letzten 20 Jahren des Lebens meines Vaters gegeben hat, das tat ihm sehr gut. Und ich bin Chris unendlich dankbar dafür, dass sie meinen Vater gepflegt hat, das war keine einfache Situation.

War oder ist der Name Hüsch eine Erleichterung oder eine Belastung für Sie?
Ich war immer sehr gerne die Tochter meines Vaters. Ich war eher ein sehr behütetes Kind, und ich war eher unpolitisch. Dann aber kamen die 68er Jahre, also jene Zeit, in der mein Vater den Linken nicht links genug war. Mag sein, dass ich als 16-, 17-jährige pubertierende Tochter damals gedacht habe, ich muss mich kritisch meinem Vater gegenüber äußern, und das dann auch mal getan habe. Aber in der Tiefe war das nie so. Ich habe ihn immer geliebt.

Die Tochter eines Prominenten zu sein, ist aber doch nicht immer einfach.
Das stimmt. Ich wurde aber selten ausgenutzt. Einmal führte ich kurz eine Beziehung zu einem Mann, der von mir und noch mehr vom Namen meines Vaters profitieren wollte – das habe ich sehr schnell gemerkt, und diese Beziehung beendet. Natürlich wurde ich manchmal auch nach Karten für Auftritte meines Vaters gefragt, oder ob er nicht direkt irgendwo auftreten könnte, aber das gehört wohl dazu. Das waren also nicht die Probleme, die ich als Kind prominenter Eltern hatte.

Sondern?
Ich war lange Zeit nur die Tochter des Künstlers Hüsch, der in ganz Deutschland bekannt war, und nur die Tochter der Psychologin Hüsch, die an der Uni Mainz einen Namen hatte. In dieser Rolle habe ich mich lange sehr wohl gefühlt, rückblickend muss ich sagen: zu lange! Ich habe darüber vergessen, wer ich eigentlich bin und was mich ausmacht. Ich war lange auf der Suche nach meiner eigenen Identität. Ich habe mich lange gefragt: Worüber bin ich wertvoll? Die Antworten habe ich erst in den vergangenen fünf, sechs Jahren gefunden.

Sie sind, wie Ihre Mutter es war, Psychologin. Warum war der Beruf Ihres Vaters nichts für Sie?
Ich habe auch nach Schauspielerei geschielt, ich wusste aber ziemlich schnell und genau, dass mein Talent nicht reichen würde, um daraus einen Beruf zu machen. Meine Leidenschaft für die Psychologie ist tief und lange in mir verankert, schon als 14-Jährige merkte ich das. Später habe ich innerhalb der Psychologie nach kreativen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Ich habe eine Zusatzausbildung gemacht und mit Behinderten therapeutisches Theater gespielt. Das habe ich sehr gerne und mit viel Herzblut gemacht.

Ihr Vater hat in seinen Geschichten viel über Ihre Mutter und auch Sie erzählt. Ist es nicht komisch, wenn das Privatleben plötzlich für jedermann nachzulesen ist?I
ch hatte nie das Gefühl, dass zu viel über unser Privatleben in der Öffentlichkeit zu lesen war. Ehrlich gesagt habe ich es auch ein wenig genossen, im Licht dieser Öffentlichkeit zu stehen. Ein kleines bisschen bin ich, wie mein Vater es auch war, eine Rampensau. Hinzu kommt: Ich bin immer geliebt worden, ich habe immer eine breite Anerkennungswelle erfahren, so wie er auch. Als ich meinen Führerschein hatte, habe ich ihn oft ins Unterhaus oder ans Theater nach Darmstadt gefahren. Darum habe ich mich damals gerissen, um mit in seine Welt eintauchen zu können.

Ihr Vater hat nicht nur positiv über sich und sein Familienleben erzählt. Sehr offen und schonungslos schrieb über die Zeit von 1973 bis 1979, als er zusammen mit Silvia Jost in der Schweiz lebte.
Natürlich waren diese Jahre eine Belastung für uns. Eigentlich waren wir eine verschworene Dreiergemeinschaft als Familie. Wir hatten eine ganz besondere Form des Zusammenlebens gefunden. Er war zwar immer viel unterwegs gewesen, und er hat viel gearbeitet, dennoch war er für mich immer da und auf eine spezielle Art anwesend gewesen. Wenn er zu Hause war, dann war er zwar oft verschwunden, saß an der Schreibmaschine und es klapperte im Haus, doch zu den Essenszeiten kam er herunter an den Tisch. Es gab wunderschöne Momente, wenn er auf der Treppe stand, sich bereits kaputt lachte und uns etwas vorlas, was er gerade geschrieben hatte. Wenn er zu Hause war, dann war die Welt sehr in Ordnung.

Als Ihr Vater seine Familie in Mainz verließ, war Ihre Mutter schwer krank.
Das war natürlich nicht einfach. Meine Mutter war zunächst sehr verzweifelt. Und ich wollte, als er ging, am liebsten nach Berlin, um an der FU zu studieren. Doch weil meine Mutter nierenkrank war, musste ich zu Hause bleiben. Ich hätte meine Mutter nicht alleine lassen können. Ja, mein Vater hat uns damals sehr viel zugemutet, und ich war bestimmt nicht damit einverstanden. Auch, weil ich mein eigenes Leben führen wollte. Als er dann zurückkam, haben wir viel darüber gesprochen. Andererseits: Ich habe meinem Vater dessen Fluchten nie wirklich übel genommen, punktuell vielleicht schon, aber auf lange Sicht nie. Es gab zwischen ihm und mir immer eine sehr innige Beziehung. Wie auch zu meiner Mutter. Ich fühle mich mit beiden innerlich sehr tief verbunden, bis auf den heutigen Tag. Ich trage beide als große, kluge Engel in mir.

Das klingt sehr versöhnlich, gar nicht verletzt und überhaupt nicht nachtragend. Ich finde das sehr erstaunlich!
Damals, als mein Vater sein Buch „Du kommst auch drin vor“ geschrieben hatte, habe ich mir in einer Buchhandlung in Rodenkirchen ein Exemplar gekauft, meinen Nachmittagsdienst geschwänzt, mich in eine Eisdiele gesetzt und angefangen zu lesen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören! Anfangs habe ich ein bisschen geschummelt, habe die Kindheit überschlagen, bis ich zum Kapitel kam, in dem er erzählt, wie mich meine Eltern in die Klinik brachten. Ich hatte ja die Füße meines Vaters geerbt und musste als Kind auch lange behandelt werden. In dem Buch steht der Satz: „Aber wenn wir unsere Anna in die Klinik trugen und dann nach hause gingen, waren wir nichts mehr wert.“ Als ich dies gelesen hatte, hätte ich am liebsten meinen Koffer gepackt, wäre zu ihm gefahren und hätte ihn in den Arm genommen. So sehr hat mich dieser Satz berührt. Er zeigte mir, wie tief er mit mir verbunden war, trotz der räumlichen Entfernung zwischen uns.

Auch das Kapitel über den Tod Ihrer Mutter ist sehr persönlich.
Auch das hat mich sehr berührt. Damals haben wir diese Zeit gemeinsam erlebt. Ich habe mit meinem Vater nach dem Tod meiner Mutter nächtelang zusammengesessen, und er hat mir dann aus seinem Leben erzählt. Als ich dann das Kapitel über diese Zeit gelesen habe, hatte ich das Gefühl, mein Vater würde mir einen ganz wichtigen Teil meines Zuhause heil in die Hände drücken. Nein, ich hatte nie das Gefühl, dass dies niemand lesen sollte. Weil hier ein Mensch ehrlich und offen ausspricht, wie es in seiner Familie zugeht – wie in anderen vielleicht auch. Mein Vater hat in einer liebevollen Sprache über sein Leben, seine Widersprüche und seine Fehler geschrieben, mit einer entwaffnenden Offenheit und Wärme. Es sollte jedem Mut machen, schonungslos offen und milde sich selbst gegenüber zu sein.

Nervt es eigentlich, wenn man zum Geburtstag oder Todestag zu Ihnen kommt, um über Ihren toten Vater zu reden?
Ach, bisher ist ja kaum jemand gekommen. Ich war einmal in Baden-Baden, in der Sendung „Ich trage einen großen Namen“ bei Wieland Backes, aber sonst habe ich mich bisher bewusst zurückgezogen. Ich freue mich, wenn über meinen Vater geredet wird. Er hat ja auch eine sehr breite Zustimmung erfahren. Ich war mal beim WDR zu Gast, aber als Psychologin, nicht als Tochter von Hanns Dieter Hüsch. Von mir aus biete ich aber keine Interviews an.

Ob Linke, Kirchen oder Niederrheiner: Jeder hat sein eigenes Hüsch-Bild. Welches Bild von Ihrem Vater haben Sie denn?
Als Kind wusste ich nicht, was er macht. Ich hatte mal Kabarettist gehört, doch das war für mich ein Wort mit vielen „T“. Als mich die Lehrerin nach dem Beruf meines Vaters fragte, habe ich gesagt, er sei ein Trapez-Künstler. Als mein Vater davon hörte, hat er sehr gelacht und gesagt: „Lass das mal so stehen, ist gut so.“ Mein Vater war und ist für mich ein, nein, nicht Kabarettist, das sage ich, weil er für die Öffentlichkeit das ist. Für mich ist er ein Poet und Philosoph. Aber an erster Stelle steht er als Vater, der immer versucht hat, wahrhaftig zu sein, auch wenn es ihm nicht immer gelungen ist – aber doch sehr oft.

Sind Sie eigentlich morgen bei den Feierlichkeiten in Moers dabei?
Zur Enthüllung der Skulptur von Herrn Oswald bin ich eingeladen und werde auch kommen. Ich bin schon ein wenig stolz, dass Moers ihn so auf einen Sockel hebt. Ich bin auch schon sehr gespannt, weil es ja eine lebensgroße Skulptur sein wird, und ich mich frage, wie der Künstler diese Aufgabe gelöst hat. Im Kabarettarchiv in Mainz gibt es ja eine Büste meines Vaters. Um die Augen und Stirn herum gibt es ein Gesichtsausdruck, den er immer hatte, wenn er seinen Hund gestreichelt hat oder auf der Bühne war und gesagt hat: „Ist doch nicht schlimm.“ Deshalb mag ich diese Büste sehr. Und für die Abendveranstaltung in Moers habe ich gar keine Karte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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