Merowingergold von
Bender oder
Kling
Harald K. Hülsmann
im Gespräch über bibliophile Werkstätten und Kleinverlage
Von Jochen Arlt, im Literaturblatt
"Federkiel", Düsseldorf, Nr. 2/2008, Dezember 2008:
Das Branchenlamento hält an: am Bedarf vorbeiproduzierte Bücher; sinkende Qualität bis hin in den drucktechnischen Bereich; Literatur gleich Ramschware als Folge. Was dem zu entgegnen ist? Dies beispielsweise: Multis folgen Kleinverlagen, setzen ergo wieder auf Liebe zum Detail. Mühen um die Erhaltung der Buchkunst, so ein Gebot der Stunde.
Und die Schriftsteller? Bereits
Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) gab
seine ersten Gedichte in die Obhut detailorientierter Ein-Mann-Betriebe wie dem
Klaus Willbrand Verlag oder der Olefer Hagarpresse Rolf Kuhn: Buchkunst in Form
limitierter, nummerierter und signierter Vorzugsausgaben, inzwischen
Kapitalanlagen wie Merowingergold. Die Buchkunst wurde ebenfalls geschätzt von
Thomas Kling (1957-2005), der in der
Eremiten-Presse debütierte, später zwischen Suhrkamp und DuMont bei
Kleinheinrich oder in der Edition Teritum veröffentlichte.
Hans Bender kooperiert lange schon mit
Bleisatz-Jüngern wie etwa K. Richard Müller („edition fundamental“). Die feinst hergestellten „Ausgewählten Werke“ des großen alten Mannes der deutschen
Literatur erscheinen gegenwärtig in dem Kleinunternehmen Rimbaud Verlag. Seinen
Dekaden später von S. Fischer aufgelegten Erfolgsroman „Der König von Grönland“
überließ Dieter Kühn 1985 zunächst den
Janus-Presse-Hinterhöflern. Als Poet offenbarte sich
Dieter Wellershoff erstmals 1993 per
250 „Zwischenreich“-Exemplaren in Weilerswists Landpresse, wo neulich auch
Karl Otto Conrady mit eigener Lyrik
überraschte.
Die Liste der Autorennamen und bibliophilen Schauplätze ließe sich problemlos fortsetzen von H.C. Artmann, Walter Helmut Fritz über Lutz Rathenow bis Martin Walser oder Theodor Weißenborn, von AVA, dem Verlag im Wald über die edition soleno bis zur herbstpresse oder der Edition Thanhäuser.
Harald K. Hülsmann, Urgestein der niederrheinischen Literaturaura, weiß Bescheid. Sein stilistisch omnipotenter vorläufiger Textfundus ist seit den frühen 1960-er Jahren verteilt in schwer aufzählbaren Kleinverlagen, Minipressen und bibliophilen Werkstätten. Der Relief Verlag Eiles gehört dazu, Heinz Steins Edition Xylos wie die Verlage Offer und Vapet, Editionen wie ILEX oder prima vista oder XIM Virgines. Die Galerie Art 204 erwies jüngst ihrem 74-jährigen Düsseldorfer Nachbarn mit dem superb edierten Band „Dem Tag über die Schulter geschaut“ eine würdige Hommage. Harald K. Hülsmann weiß Bescheid, in der Tat, über die Ressorts Kleinstverlage und Buchkunst.
Arlt: Herr Hülsmann, Sie sind nicht nur der Poesie zugetan. Bekanntlich verfassen Sie seit jeher Aphorismen, Haiku plus Prosaminiaturen, illustrieren Ihre Texte oft mit ambientenreichen eigenen Zeichnungen. Weshalb ergab sich nie bislang der Sprung hinein ins Suhrkamp- oder Hanser-Verlagsprogramm?
Hülsmann: Zeichnen ist für mich ein Nebenpfad. Es handelt sich weniger um Illustrationen im gewohnten Sinne, vielmehr um eine Art grafischer Aphorismen. Für die Verlagsgrößen bin ich unergiebig. Weil ich nicht in jenem Genre schreibe, von dem hohe Auflagen zu erwarten sind. Bei mir war immer schon die Kosten-Nutzen-Rechnung recht trübe.
Arlt: Verlagsmultis setzen überdies auf immer kompliziertere Druckverfahren, vernachlässigen indes die Papierqualität. Massenware muss aber nicht grundsätzlich Gilb nach vier Monaten heißen. Siehe „Die Andere Bibliothek“, das handwerklich ambitionierte Steidl-Programmspektrum von Günter Grass, Henry Green über Halldor Laxness bis Bert Papenfuß und Sarah Kirsch oder die unverändert edle Insel-Bücherei . . .
Hülsmann: Dass Großverlage auf stets modernste Techniken setzen liegt heute vorrangig daran, dass digital gleichzeitig normal bedeutet. Und wenn Kleinbetriebe anders arbeiten, dann wohl ebenfalls aus dem Grund, dass sie elitäre Minderheiten respektive ein Publikum bedienen, das nicht zum sogenannten Mainstream gehört.
Arlt: Ist es falsch verstandene Nostalgie, wenn heute ein Buch noch wie zu Gutenbergs Zeiten hergestellt wird?
Hülsmann: Ein Buch wie zu Gutenbergs Zeiten herzustellen, dies sehe ich nicht unter nostalgischen Aspekten. Vielmehr entsprechen 2008 solche Produktionsverfahren völlig anderen Impulsen als damals. Gutenberg wollte Wissen für breitere Bevölkerungsschichten ermöglichen. Handpressen machen Bücher in kleiner Auflage und nobler Aufmachung für überwiegend individuelle Sammlerkreise.
Arlt: Handarbeit gut und schön. Ist’s freilich angemessen, dass an einem mit Bleilettern gesetzten Roman satte anderthalb Jahre geschmiedet wird? Es handelt sich, wie ich hörte und sah, um eine 286 Seiten umfassende 400-er Gesamtauflage . . .
Hülsmann: Die Zeit der Herstellung bedeutet bei den Handpressen kaum etwas, ist jedenfalls sekundär. Deren Produkte werden von den Sammlern meistens schon geordert bevor sie fertiggestellt sind.
Arlt: Welche Auflagezahlen haben Ihre bibliophilen Buchtitel? Und was kosten den Hülsmann-Leser solche Schmuckstücke?
Hülsmann: Meine in Kleinverlagen publizierten Veröffentlichungen bewegen sich meistens zwischen 300 und 500 Exemplaren, kosten 3 bis 20 Euro. Eine bescheidene, gar höchst christliche Preisspanne wohl für alle Beteiligten . . .
Arlt: Wie reagieren übrigens etwa Mayersche, Thalia auf, sagen wir, erfreuliche Drucksachen mit experimenteller Typographie, innovativen Texten und entsprechenden Illustrationen – jedoch sehr mageren Auflagen?
Hülsmann: Große Buchhandlungsketten interessiert zunächst der Umsatz, dann erst folgen inhaltliche Qualitäten wie exquisite Aufmachungen. Und deshalb sind sie nur in Ausnahmefällen, die gegebenenfalls auf persönlichen Kontakten beruhen, an Miniauflagen zur Aufnahme ins Sortiment bereit. Das gilt gleichermaßen für Buchgroßhändler und ihre Reisevertreter.
Arlt: Wie ernährt das Festhalten an Gutenberg-Traditionen den Verleger und Schriftsteller?
Hülsmann: Ein Autor wie ich, der nichts weiter als Aphorismen, Gedichte und Kurzprosa verfasst, muss sich damit abfinden, dass er auf die Rote Liste der gefährdeten und aussterbenden Arten gehört, sich folglich durch sein schöpferisches Tun allein nur schwerst ernähren kann. Es gab gute Gründe, dass ich Jahrzehnte hindurch in der Sozialversicherung tätig war.
Arlt: Wäre es nicht ökonomischer, weiterhin erlesene Lektüre zu produzieren, jedoch im Rahmen einer gesunden Quintessenz zwischen Gutenberg und moderner Technik
Hülsmann: Das geschieht ja. Sie erwähnten zum Beispiel den Steidl Verlag. Nur, bitte ich zu berücksichtigen, müssen die in Betracht kommenden Schriftstellernamen Grass oder Sarah Kirsch lauten, damit’s rundum ökonomisch ausgeht.
Arlt: Worin wurzelt wohl der meist selbstausbeuterische Einsatz von Autor und Künstler, Verleger, Drucker und Buchbinder?
Hülsmann: Aus welchen Gründen wir das machen, was wir tun, wäre ein Thema für sich, ist daher spontan kaum zu präzisieren in wenigen Sätzen. Vermutlich macht es Spaß, eine Art menschlicher Dinosaurier zu sein unds Publikum befürchtet das Aussterben von selbstlosen Autoren, Künstlern, Verlegern, Druckern oder Buchbindern . . .
Arlt: Bedauern Sie das Fehlen eines Kleinbetrieb-Zentralorgans wie Josef „Biby“ Wintjes unvergessener Zeitschrift ULCUS MOLLE INFO? Ist Ihnen ein Biby-Nachfolger, eventuell intergalaktisch tätig, seither begegnet?
Hülsmann: Selbstverständlich habe ich den Tod von Wintjes und damit seiner Informationspostille ULCUS MOLLE bedauert. Außerdem schade, prinzipiell, dass in unserem Mediendschungel nur wenige der leuchtenden Kleinverlagsjuwelen erkannt plus rezensiert werden. Und ein Wintjes-Nachfolger ist nicht in Sicht. Wird wohl auch nicht mehr kommen.
Arlt: Zum Finale unseres Dialogs, für den ich mich sehr bedanke, darf ich um einen zum Gesprächsthema passenden Aphorismus und/oder ein adäquates Haiku Ihres Alter Egos Saihoku bitten, ja?
Hülsmann: Nichts zu danken. Bitte notieren Sie in Versalien:
WER DA GLAUBT, DASS DAS KULTURELLE NIVEAU SEI STARK
GESUNKEN,
AHNT NICHT, WELCH’ OZEANISCHE TIEFEN SICH DA NOCH AUFTUN
WERDEN.
© Jochen Arlt
Leseprobe I Buchbestellung 1208 LYRIKwelt © Jochen Arlt