Michel Houellebecq, 1999, Foto: Ekko von Schwichow

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Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq, 2005, DuMontDie Sonne, der Strand und die Absurdität von allem
Ein Gespräch mit Michel Houellebecq, dessen neuer Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ eben erschienen ist
Interview: Heinz-Norbert Jocks in den Nürnberger Nachrichten vom 17.09.2005:

Der neue Houellebecq ist da - und damit das erste Großereignis des Bücherherbstes. Nach fast vier Jahren nun eine Geschichte über zwei Neo-Menschen, die noch an die romantische „Möglichkeit einer Insel“ des Glücks glauben. Man hatte den am meisten gelesenen Schriftsteller seiner Generation, 1958 geboren, in Irland vermutet. Dabei verbrachte Michel Houellebecq die Zeit, in der er an seinem jüngsten Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ schrieb, in Südspanien. In der Zwischenzeit wechselte er vom Verlagshaus Flamarion zu Fayard und kassierte dafür 1,3 Millionen Euro.

Monsieur Houellebecq, warum haben Sie vor Jahren Frankreich verlassen?

Michel Houellebecq: Vermutlich, weil ich das Land schon zu gut kannte. Es gab nichts mehr zu entdecken.

Ist der Mensch von seiner Natur her eher ein Nomade?

Houellebecq: Eigentlich nicht. Ich bin zwar einer, aber in der Hinsicht bin ich nicht normal. Nein, die meisten Menschen benötigen eine stärkere Verwurzelung als ich.

Ist Reisen für Sie eine Daseinsform?

Houellebecq: Ja, es gefällt mir, und ich gehe gerne in Hotels. Das ermöglicht ein unbeschwerteres Leben, weil man sich weniger sorgt als in festen Beziehungen. Man darf sich nicht zu stark an irgendwas binden. Man ist wirklich Nomade, wenn man einzig über seinen Körper verfügt und sich von Besitz fernhält. Man benötigt eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Besitz, und dann kann man sich so gut wie überall wohl fühlen.

Für Ihren neuen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ zog es Sie nach Spanien. . .

Houellebecq: Ja, ich habe da zwei Jahre gewohnt. Übrigens sehr viel alleine mit meinem Hund, in einer Privatresidenz in einem Badeort gelegen, außerhalb der Saison. Ich hatte dort wirklich das Gefühl des Abgeschnittenseins von der Welt sowie das Gefühl, die von mir in dem Buch beschriebene Situation zu leben. Wenn ich die Wohnung verließ, so nur für eine endlose Fahrt über die Autobahn. Ich hatte die Menschenwelt verlassen. In den Jahren habe ich fast nichts anderes getan, als dieses Buch zu schreiben.

Ihr Roman handelt von einem Zeitgenossen namens Daniel und seinen Klons, den Neo-Menschen. Also eine Science-Fiction. Dennoch hat man beim Lesen keineswegs den Eindruck, was da passiert, sei unwahrscheinlich.

Houellebecq: Bestimmte Prozesse sind unumkehrbar. Alles, wozu die Wissenschaft in der Lage ist, wird sie sich auch erlauben zu realisieren. Und es wird das, was wir heute für menschlich oder wünschenswert erachten, auf den Kopf stellen. Ich habe lange gebraucht, das anzunehmen. Nicht die Literatur, einzig die Wissenschaft sagt die Wahrheit, und diese setzt sich durch. Die Science-Fiction hat mich zu einer bestimmten Zeit sehr interessiert. Ab dem Moment, da sie sich fast ausschließlich der Seite der Informatik zuwandte, kehrte ich ihr den Rücken zu. Nicht zum ersten Mal stelle ich fest, dass mich ein Thema, das mich beim Schreiben begeisterte, danach nicht mehr berührt. So verhielt es sich mit den Swinger-Clubs und auch mit Thailand. Ich hatte erwogen, mich dort niederzulassen, aber nach „Plattform“ war mir alle Lust darauf vergangen. Und das gilt nun auch für das neue Buch. Nachdem ich es geschrieben habe, interessieren mich weder PS-starke Autos noch die Anhänger der

Menschenklonungssekte. Es ist mitunter unangenehm, sich Dingen zu nähern, einzig um über sie zu schreiben. Nun verlasse ich auch Spanien.

In „Elementarteilchen” sprachen Sie bereits über die gesellschaftlichen Visionen von Aldous Huxley. Was kritisieren Sie daran?

Houellebecq: Er hat sich ganz offensichtlich getäuscht. Wir bewegen uns nicht auf diese Art von Sexualität und diese Orgien zu. Das ist merkwürdig, wo er doch in so vielem Recht behalten hat, wenn ich nur an die progressive Auflösung der Sexualität und an die Reproduktion denke. Die sich breitmachende Akzeptanz der Euthanasie sah er ebenfalls voraus. Was man jedoch sexuelle Planung und Befriedigung für alle nennen könnte, das sah er vollkommen falsch. Ebenso getäuscht hat er sich darin, dass wir uns auf eine Planwirtschaft zu bewegen. Er hat die Bedeutung des Gefühls der Konkurrenz völlig unterschätzt. In menschlichen Gesellschaften hat ja niemand Lust, anderen gleich zu sein.

Träumen Sie von einer besseren Welt?

Houellebecq: Ich bin weder für langfristige Prozesse noch für Pläne. Ich denke, man muss experimentieren und sehen, was geht, und alles gemäß den Bedingungen ändern. Bezogen auf soziologische wie politische Gegebenheiten muss man wie in anderen Wissenschaften vorgehen und die Ergebnisse von Experimenten einbeziehen, um Theorien zu modifizieren. In der Praxis darf man sich auf keine Ziele festlegen, die ein Jahrhundert entfernt sind. Man muss sich solche setzen, die in fünf Jahren erreichbar sind. Jedenfalls kann das mit dem Egoismus des Menschen auf Dauer nicht funktionieren. Die utilitaristische Idee auf der Grundlage des Liberalismus, wonach die Verbindung aller Egoismen das gemeinsame Wohl bedingt, ist eine totale Vereinfachung. Ich bin davon überzeugt, dass nichts in der Welt ohne ein gewisses Pflichtgefühl läuft.

Schreiben Sie aus Angst vor dem Tod?

Houellebecq: Nein. In „Elementarteilchen“ gehe ich sogar so weit, zu sagen, die Angst vor dem Tod sei inexistent. Sie werde durch die Angst vor dem Altern ersetzt. Beide Ängste sind authentisch. Jedoch empfinde ich die Angst vor dem Altern erheblich stärker. Der körperliche Verfall ist unangenehm. Wenn man ab und an daran denkt, dass man eines Tages sterben wird, kann man den Tod besser ertragen.

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