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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Die
Sonne, der Strand und die Absurdität von allem
Ein Gespräch mit Michel Houellebecq,
dessen neuer Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ eben erschienen ist
Interview: Heinz-Norbert Jocks
in den Nürnberger
Nachrichten vom 17.09.2005:
Der neue Houellebecq ist da - und
damit das erste Großereignis des Bücherherbstes. Nach fast vier Jahren nun
eine Geschichte über zwei Neo-Menschen, die noch an die romantische „Möglichkeit
einer Insel“ des Glücks glauben. Man hatte den am meisten gelesenen
Schriftsteller seiner Generation, 1958 geboren, in Irland vermutet. Dabei
verbrachte Michel Houellebecq die Zeit, in der er an seinem jüngsten Roman „Die
Möglichkeit einer Insel“ schrieb, in Südspanien. In der Zwischenzeit
wechselte er vom Verlagshaus Flamarion zu Fayard und kassierte dafür 1,3
Millionen Euro.
Monsieur Houellebecq, warum haben Sie vor Jahren Frankreich verlassen?
Michel Houellebecq: Vermutlich, weil ich das Land schon zu gut kannte. Es gab
nichts mehr zu entdecken.
Ist der Mensch von seiner Natur her eher ein Nomade?
Houellebecq: Eigentlich nicht. Ich bin zwar einer, aber in der Hinsicht bin ich
nicht normal. Nein, die meisten Menschen benötigen eine stärkere Verwurzelung
als ich.
Ist Reisen für Sie eine Daseinsform?
Houellebecq: Ja, es gefällt mir, und ich gehe gerne in Hotels. Das ermöglicht
ein unbeschwerteres Leben, weil man sich weniger sorgt als in festen
Beziehungen. Man darf sich nicht zu stark an irgendwas binden. Man ist wirklich
Nomade, wenn man einzig über seinen Körper verfügt und sich von Besitz
fernhält. Man benötigt eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Besitz, und
dann kann man sich so gut wie überall wohl fühlen.
Für Ihren neuen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ zog es Sie nach
Spanien. . .
Houellebecq: Ja, ich habe da zwei Jahre gewohnt. Übrigens sehr viel alleine mit
meinem Hund, in einer Privatresidenz in einem Badeort gelegen, außerhalb der
Saison. Ich hatte dort wirklich das Gefühl des Abgeschnittenseins von der Welt
sowie das Gefühl, die von mir in dem Buch beschriebene Situation zu leben. Wenn
ich die Wohnung verließ, so nur für eine endlose Fahrt über die Autobahn. Ich
hatte die Menschenwelt verlassen. In den Jahren habe ich fast nichts anderes
getan, als dieses Buch zu schreiben.
Ihr Roman handelt von einem Zeitgenossen namens Daniel und seinen Klons, den
Neo-Menschen. Also eine Science-Fiction. Dennoch hat man beim Lesen keineswegs
den Eindruck, was da passiert, sei unwahrscheinlich.
Houellebecq: Bestimmte Prozesse sind unumkehrbar. Alles, wozu die Wissenschaft
in der Lage ist, wird sie sich auch erlauben zu realisieren. Und es wird das,
was wir heute für menschlich oder wünschenswert erachten, auf den Kopf
stellen. Ich habe lange gebraucht, das anzunehmen. Nicht die Literatur, einzig
die Wissenschaft sagt die Wahrheit, und diese setzt sich durch. Die
Science-Fiction hat mich zu einer bestimmten Zeit sehr interessiert. Ab dem
Moment, da sie sich fast ausschließlich der Seite der Informatik zuwandte,
kehrte ich ihr den Rücken zu. Nicht zum ersten Mal stelle ich fest, dass mich
ein Thema, das mich beim Schreiben begeisterte, danach nicht mehr berührt. So
verhielt es sich mit den Swinger-Clubs und auch mit Thailand. Ich hatte erwogen,
mich dort niederzulassen, aber nach „Plattform“ war mir alle Lust darauf
vergangen. Und das gilt nun auch für das neue Buch. Nachdem ich es geschrieben
habe, interessieren mich weder PS-starke Autos noch die Anhänger der
Menschenklonungssekte. Es ist mitunter unangenehm, sich Dingen zu nähern,
einzig um über sie zu schreiben. Nun verlasse ich auch Spanien.
In „Elementarteilchen” sprachen Sie bereits über die gesellschaftlichen
Visionen von Aldous Huxley. Was kritisieren Sie daran?
Houellebecq: Er hat sich ganz offensichtlich getäuscht. Wir bewegen uns nicht
auf diese Art von Sexualität und diese Orgien zu. Das ist merkwürdig, wo er
doch in so vielem Recht behalten hat, wenn ich nur an die progressive Auflösung
der Sexualität und an die Reproduktion denke. Die sich breitmachende Akzeptanz
der Euthanasie sah er ebenfalls voraus. Was man jedoch sexuelle Planung und
Befriedigung für alle nennen könnte, das sah er vollkommen falsch. Ebenso
getäuscht hat er sich darin, dass wir uns auf eine Planwirtschaft zu bewegen.
Er hat die Bedeutung des Gefühls der Konkurrenz völlig unterschätzt. In
menschlichen Gesellschaften hat ja niemand Lust, anderen gleich zu sein.
Träumen Sie von einer besseren Welt?
Houellebecq: Ich bin weder für langfristige Prozesse noch für Pläne. Ich
denke, man muss experimentieren und sehen, was geht, und alles gemäß den
Bedingungen ändern. Bezogen auf soziologische wie politische Gegebenheiten muss
man wie in anderen Wissenschaften vorgehen und die Ergebnisse von Experimenten
einbeziehen, um Theorien zu modifizieren. In der Praxis darf man sich auf keine
Ziele festlegen, die ein Jahrhundert entfernt sind. Man muss sich solche setzen,
die in fünf Jahren erreichbar sind. Jedenfalls kann das mit dem Egoismus des
Menschen auf Dauer nicht funktionieren. Die utilitaristische Idee auf der
Grundlage des Liberalismus, wonach die Verbindung aller Egoismen das gemeinsame
Wohl bedingt, ist eine totale Vereinfachung. Ich bin davon überzeugt, dass
nichts in der Welt ohne ein gewisses Pflichtgefühl läuft.
Schreiben Sie aus Angst vor dem Tod?
Houellebecq: Nein. In „Elementarteilchen“ gehe ich sogar so weit, zu sagen,
die Angst vor dem Tod sei inexistent. Sie werde durch die Angst vor dem Altern
ersetzt. Beide Ängste sind authentisch. Jedoch empfinde ich die Angst vor dem
Altern erheblich stärker. Der körperliche Verfall ist unangenehm. Wenn man ab
und an daran denkt, dass man eines Tages sterben wird, kann man den Tod besser
ertragen.
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