Die längste Nacht im
Wortjahr
Zum
100. Geburtstag des Prager Dichters Vladimír
Holan
von Urs Heftrich
in der Neue
Züricher Zeitung vom 16.9.2005:
Jaroslav Seifert nannte ihn den «Grössten seiner Generation». Der junge Václav Havel bestaunte ihn als eine Art «Zauberer», und Jií Gru?a rechnet ihn bis heute «zu den wenigen, für die es selbst in der Weltliteratur absolut kein Pendant gibt» - den tschechischen Lyriker Vladimír Holan, der am 16. September hundert geworden wäre.
Holan wohnt auf dem tschechischen Parnass hoch oben - dort, wo vielen Lesern die Luft bereits ein wenig dünn, ja frostig vorkommt. Er gilt als ein ausgesprochener Dichter für Dichter, sein Werk als hermetisch und unzugänglich. Es gehört jedoch zu den Paradoxien der Literaturgeschichte, dass just dieser vermeintliche Esoteriker sich während zweier Diktaturen für sein Volk zur heimlichen Kultfigur wandelte. Allein das Poem «Nacht mit Hamlet», einer von Holans schwierigsten Texten, erlebte in einer Prager Inszenierung bis 1988 nicht weniger als 148 Aufführungen. Und das Haus des Dichters am Moldau- Ufer, «Holanesien» genannt, wurde zu einer Art Pilgerstätte für Verehrer des freien Wortes.
Es ist wohl diese Metamorphose des Elfenbeinturms zum allgemeinen Zufluchtsort, die an Holans poetischer Entwicklung am meisten frappiert. An seiner Dichtung war offenbar etwas, das über fünf Jahrzehnte ein erstaunlich breites Publikum ansprach. Es waren die schroffe Kompromisslosigkeit und das Gespür für das Absurde, die ihn seinen Lesern in der nationalsozialistischen Nacht und der kommunistischen Ödnis empfahlen. Dass Holan keine halben Sachen machte, stellte er von Anfang an klar. Er war gerade dreissig, als er sich von seinem Dienst bei einer Prager Behörde frühpensionieren liess, um allein der Dichtung zu leben. Der Entschluss kam ihn teuer zu stehen, als man später seine Bücher verbot. Zugeständnisse waren ihm auch als Autor fremd. Nach einem kurzen Ausflug zur verspielten, legeren Avantgardedichtung der Poetisten nahm er sich Mallarmé, Valéry und Rilke zum Vorbild und setzte auf die klassisch gebundene Form.
Sprache umbiegen
Holan beugte sich den Regeln der Sprache nur so lange, wie sie ihrerseits seiner absoluten Dichtung dienten - sonst bog er sie einfach um. «Ich schweig dich, Apfelbaum!», beginnt ein Gedicht im Lyrikband «Das Wehen» von 1932, dem ersten, den er später noch gelten liess. Und eine Strophe des dritten Bandes, «Stein, kommst du . . .» von 1937, verkündet: «Doch wir, mein Buch? Ein Sturz von Ausrufzeichen, / ein Rabenfrass, der facht die längste Nacht / dir an, im Wortjahr ohnegleichen, / wo Hügel hügeln und die Sache sacht.»
Diese Verse sind Programm. Holan, der auch beim Schreiben die Nacht zum Tage machte, hielt es mit allem, was dunkel ist - aus innerer Notwendigkeit: «Nacht wird nicht vorgefunden, / in uns ist Nacht allein!» So heisst es in «Der Bogen» von 1934, dem mittleren Band der lyrischen Trilogie, die sein kanonisches Frühwerk bildet und jetzt im Mutabene-Verlag erstmals vollständig auf Deutsch vorliegt. Das Dunkle im doppelten Wortsinn, als Unergründlichkeit und Düsternis, ist für Holan eine zentrale poetische Qualität, und nicht nur aus persönlicher Vorliebe, sondern aus ontologischem Grund. Beides gehört für ihn unablösbar zum Menschen selbst.
Schon in «Stein, kommst du . . .» wendet sich Holan allmählich von der poésie pure ab und entdeckt das Zeitgeschehen: den Spanischen Bürgerkrieg, die Bedrohung durch Nazideutschland. Doch nur die Inhalte ändern sich, nicht die Methode. «So wie ein Kind bei seiner Scheibe weissen / Brots die Rinde bis zum Schluss bewahrt, / so wird die Zeit, gerüstet, auch vom Mond abbeissen, / Stück für Stück. Die Sichel bleibt noch aufgespart», warnt er unter dem Titel «Europa 1936» vor der Blauäugigkeit der europäischen Politik, die bald darauf sein eigenes Land die Existenz kosten wird. In geschliffener Form zwingt er so Kinderspiel und Weltuntergang zu einer nächtlichen Vision von paradoxer Geschlossenheit zusammen.
Wenn es das Talent zum Tragiker ausmacht, unversöhnliche Gegensätze aufeinander prallen zu lassen und daraus den Funken der Kunst zu schlagen, so war Holan für dieses Genre Mitte der dreissiger Jahre offenbar bestens vorbereitet. «Das Blut ist angezapft, das Fass des Trauerspiels erdröhnt», schrieb er damals. Fast hat man den Eindruck, als hätte die Tragödie, die wenig später über die Tschechoslowakei hereinbrach, ihn als Dichter erst ganz zu sich selbst gebracht. Das Münchner Abkommen von 1938, mit dem der Westen seinen Verbündeten an Hitler verriet, quittierte er mit einer derart grimmigen «Antwort an Frankreich», dass die ängstliche tschechische Zensur das Buch komplett verbot.
Beinahe müssig scheint es da, nach dem Schicksal von Holans poetischer Reaktion auf den deutschen Einmarsch im März 1939 zu fragen. Natürlich konnte eine Strophe wie die folgende, auch wenn sie unter dem harmlosen Titel «Spaziergang im Park» daherkam, im Protektorat nicht gedruckt werden: «Es gibt Parks. Es gibt Nächte. Die Nacht schwillt an. / Es gibt die Aufschrift: Verbot! / Macht nichts . . . Wir warten dann / eben aufs Morgenrot.»
Tschechischer Existenzialismus
Doch überraschenderweise gelang es Holan gerade in den Kriegsjahren immer wieder, die Zensur zu überlisten. Nun kam ihm zugute, was er mit seiner poésie pure so kompromisslos eingeübt und wofür er damals Kritik geerntet hatte: die Dunkelheit seiner Lyrik. Seine poetische Zeichensprache wurde jetzt buchstäblich zu dem, was die Dichter der Moderne gern für ihr Wort in Anspruch nehmen: eine Chiffre. Und die Verständigung mit dem Publikum über den Kopf des Zensors hinweg funktionierte. Holan brauchte lediglich seinem Sensorium für alles Finstere und Widersinnige zu folgen, um in Poemen wie «Traum» (1939) und «Erstes Testament» (1940) ein zwar verfremdetes, doch atmosphärisch ungeheuer dichtes Bild der Zeit zu schaffen.
Nach der Befreiung änderte sich die Tonart seiner Dichtung für kurze Zeit. Sein hymnischer «Dank an die Sowjetunion» von 1945, den er später bereute, machte ihn vorübergehend salonfähig in den Augen der Stalinisten - und bewahrte ihn, als er bei ihnen 1949 gleich wieder in Ungnade fiel, immerhin vor dem Schlimmsten. Aber das jahrelange Publikationsverbot, mit dem man ihn strafte, war für einen, der zum Überleben Honorare brauchte, schlimm genug. «Wir haben wirklich keinen Heller mehr», notierte er 1951, «das Elend klopft an unsere Tür.» Und die materielle Not war noch weniger qualvoll als die geistige Isolation. Gerade aus diesen «grausamsten Jahren seines Lebens» schöpfte er aber die Kraft für sein Spätwerk. In den jeweils rund 1000 Verse umfassenden Gesängen «Nacht mit Hamlet» und «Toskana» hielt er Gericht über sein Leben und sein Jahrhundert. Für das Urteil über seine Zeit genügten ihm aber im Grunde acht Zeilen: «So also ist es heut, / es ist so eine Finsternis, / dass Gott auf uns aus Augen schaut, / die man ihm aus den Höhlen riss. // Und einer fragen wir / den andern: bist du überhaupt?, / da Gott durch einen Himmel tappt, / der längst schon leer geraubt . . .» («Heut»).
1969 wurde Holan für den Nobelpreis vorgeschlagen. Als er 1980 starb, richtete ihm das Regime ein Staatsbegräbnis aus. Es bestand ja nun keine Gefahr mehr, dass er es mit einem Achtzeiler kommentierte.
Alle Gedichtübertragungen stammen vom Verfasser.
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