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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Reiz des Unbewältigten
Der
Schriftsteller Edgar
Hilsenrath wird 80.
Von Susanne
Alge in freitag vom
7.4.2006:
Edgar Hilsenrath, der sagt: "Ich wollte
immer Schriftsteller werden. Ich wäre auch so einer geworden, ohne das
Kriegserlebnis. Nur hätte ich wahrscheinlich andere Sachen geschrieben."
Dieser Edgar Hilsenrath erzählt vom Völkermord, vom Ghetto, von Flucht und
Exil. Dennoch sind seine Werke - mit Ausnahme des Erstlings Nacht -
melancholisch, heiter, skurril, sogar zum Lachen komisch. Die von ihm
angewandten Erzählformen des schwarzen Humors stellten im Literaturbetrieb der
Bundesrepublik lange eine Provokation dar, die ihm das Verdikt eintrugen: So
geht das nicht!
Die Lebensstationen des Autors sind eng mit dem Verlauf der Historie des 20.
Jahrhunderts verbunden. 1926 wurde er in Leipzig geboren, wo bald das Erstarken
der Nationalsozialisten die Existenz der wohlhabenden jüdischen Familie
überschattete. 1938 brachte Anni Hilsenrath sich und ihre Söhne in ihrer
Heimatstadt Siret in der Bukowina in Sicherheit, während der Vater versuchte,
die Firma aufzulösen und Einwanderungsvisen in die USA zu beschaffen. Mit
Ausbruch des Weltkriegs brach die Verbindung ab. Siret wurde im Juni 1941 von
den deutschen Truppen zusammen mit ihren rumänischen Verbündeten überrollt.
Zwei Monate später kam der Befehl zur Deportation aller Juden nach
Transnistrien.
Der Kampf ums Überleben bis zur Befreiung durch die sowjetische Armee im März
1944 wird Thema von Hilsenraths erstem Roman. Er beginnt in New York daran zu
schreiben, wo er sich nach längeren Aufenthalten in Israel und Frankreich 1951
niederlässt und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält.
Nacht klagt die Regisseure des Massenmordes an, aber da sie nicht in
Erscheinung treten, kann der Leser seine Anklage nicht auf einen einzelnen
Vertreter des Bösen verschieben, sondern muß ertragen, wie die verelendeten
Menschen gezwungen werden, zum Peiniger ihrer Mit-Opfer zu werden. Mit dieser
Darstellung verletzt Hilsenrath die stillschweigende Übereinkunft, dass
jüdische Figuren moralisch ausschließlich makellos darzustellen seien, und
löst im Kindler-Verlag eine Kontroverse aus, ob das Buch nicht "Beifall
von der falschen Seite" provoziere. Die Vertreter dieser Sicht setzen sich
durch und das Buch verschwindet alsbald in der Versenkung.
Die Lizenzausgaben seines Erstlings, die in den USA, in Holland und im
Commonwealth erscheinen, lösen jedoch ein so positives Echo aus, dass der
renommierte Verlag Doubleday 1967 ein zweites Buch mit Hilsenrath machen will.
Der Autor schlägt den Stoff von Der Nazi & der Friseur vor.
Während diese tiefschwarze Groteske über die Maskerade des deutschen
Massenmörders Max Schulz, der aussieht wie die Karikatur eines Juden aus dem Stürmer,
bereits ein internationaler Bestseller ist, sammelt Hilsenrath in Deutschland
Absagen dafür.
Trotzdem entschließt er sich 1975 zur Rückkehr, weil ihm die Sprache fehlt,
"die Sprache, die ich als Kleinkind gestottert hatte", aber auch die
Sprache seiner Vorbilder, unter ihnen Erich
Maria Remarque. Er geht nach Berlin, denn das sei die Kontaktstadt für
Schriftsteller, wurde ihm gesagt, und tatsächlich lernt er hier den jungen
Verleger Helmut Braun kennen. Der ist restlos von dem Werk überzeugt und
leistet so erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit, dass alle wichtigen Printmedien
dem "Nazi" eine ausführliche Besprechung widmen und der Erstauflage
von 10.000 Exemplaren bald eine zweite und eine dritte in gleicher Höhe folgen.
Verräterisch das Bekenntnis eines FAZ-Kritikers: "Welcher
Rezensent kritisiert schon gern einen Roman, der so viel an noch immer
Unbewältigtem aufrührt?" Ebenso verräterisch die etwas ratlose, wenig
aussagekräftige Rezension des Büchnerpreis- und Literaturnobelpreisträgers Heinrich
Böll in der Zeit, der in genau jenem moralisch-ideologischen Feld
gefangen ist, das Hilsenrath konsequent als Heuchelei bloßstellt. Der Tabubruch
verunsichert und so tun sich Teile des Feuilletons auch bei den folgenden Werken
Hilsenraths schwer, ihre Aggressionen in wohlfeilen Sätzen zu verstecken.
Wirklich angekommen, wenn man denn die Ehrung durch eine Reihe von
Literaturpreisen als Ankunft nimmt, ist Hilsenrath seit der Veröffentlichung
seines Romans über den Genozid an den Armeniern durch die Türken, Das
Märchen vom letzten Gedanken im Jahr 1989. Aber selbst wenn der
Bildungsroman hierzulande eine längere Tradition aufweist als der schwarze
Humor: Weltweit über fünf Millionen verkaufte Exemplare von sieben Romanen
lassen auf eine treue Lesergemeinde schließen. Als Abschluss des im
Dittrich-Verlag vorbildlich edierten Gesamtwerks wird bald ein neuer Roman
erscheinen: Endstation Berlin - so der Arbeitstitel - wird die
ideologischen wie ästhetischen Bruchstellen der Zeit nach Hilsenraths Rückkehr
historisch präzise, aber herrlich boshaft und ironisch gebrochen aufgreifen.
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