Thomas Hettche, 1999, Foto: cThomas Seufert/ZenitThomas Hettche über die Schönheit auf der "Pfaueninsel"
Vor 25 Jahren spazierte Schrifsteller Thomas Hettche erstmals über die Pfaueninsel, damals "der westlichste Punkt Westberlins, ein weltvergessener Winkel an der Zonengrenze". Warum ihn die Insel und die Figur eines kleinwüchsigen Schlossfräuleins seither nicht mehr losließ, erzählt er im Interview.
Drei Mal war Thomas Hettche für den Deutschen Buchpreis nominiert, drei Mal gewann er ihn nicht; diesmal, mit „Die Pfaueninsel“ war
Pfaueninsel von Thomas Hettche, 2014, KiWies wohl besonders knapp. Mehr als ein Trost dürfte der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis sein, den er am Wochenende entgegennahm – Ehrung für einen Autor auf der Höhe seines Schaffens und kurz vor seinem 50. Geburtstag.
Das Gespräch führte Britta Heidemann in der WAZ vom 5.11.2014:

Herr Hettche, was bedeuten Inseln für Sie? Schon ihr letzter Roman, „Die Liebe der Väter“, spielte ja auf einer Insel.

Thomas Hettche: Dass nacheinander zwei Romane erschienen sind, die auf Inseln spielen, heißt nicht viel, denn der Stoff der „Pfaueninsel“ hat mich 25 Jahre lang beschäftigt. Und was mich daran interessiert hat, war vor allem das Schicksal meiner Heldin, die nun mal auf der Pfaueninsel ihr ganzes Leben zugebracht hat.

Wie sind Sie auf die Frau gestoßen?

Hettche: Mit 24, noch vor Erscheinen meines ersten Romans, wohnte ich ein halbes Jahr im Literarischen Colloquium Berlin. Ich war Student und wusste noch gar nicht, ob ich nun Schriftsteller war. Das Colloquium liegt am Wannsee und ganz in der Nähe die Pfaueninsel. Damals, 1989, vor dem Mauerfall, war das der westlichste Punkt Westberlins, ein weltvergessener Winkel an der Zonengrenze, die DDR-Grenzboote patrouillierten in der Havel vor der Insel. Mich hat der morbide Charme der Insel fasziniert, ich begann zu recherchieren und stieß relativ schnell auf Maria Dorothea Strakon, von der man nur weiß, dass sie Schlossfräulein war und kleinwüchsig.

Was haben Sie bei Ihren Recherchen erfahren?

Hettche: Über die Insel weiß man natürlich sehr viel, man ist versucht zu sagen: alles. Im 17. Jahrhhundert hatte ein Alchimist sein Laboratorium dort, dann war sie ein Rokoko-Hideaway-für Wilhelm II. und seine Mätresse, schließlich baute Lenné sie in sein Preußisches Gartenreich ein. Über Marie gibt es außer den Lebensdaten auf ihrem Grabstein nur den Bericht einer Künstlergruppe, die die Insel einmal besuchte und in dem es heißt, man habe am Landungssteg auch das bekannte Zwergenpaar und den Riesen gesehen, alle drei noch etwas müde von der Feier am Abend davor.


Das sind doch Idealbedingungen, oder? Eine historische Figur, über die man fast nichts weiß.

Hettche: Ja, die Spannung zwischen dem unbekannten Leben dieser Frau und dem öffentlichen, dokumentierten Schicksal der Insel hat mich sehr gereizt. Wobei sich diese Spannung eigentlich in all meinen Roman findet, denn mich interessiert der Widerstand des konkreten Settings. Wenn ich in einer Beschreibung einen sonnigen Tag haben möchte, es an dem Tag, den ich beschreibe, aber nun mal grau war und geregnet hat – dann ist es immer produktiver, sich mit dem Regen auseinanderzusetzen, als den Himmel blau zu malen.

Ist Ihr Roman ein historischer Roman?

Hettche: Wenn man mal von der Unterhaltungsliteratur absieht, in der historische Stoffe wohl eher zur Fantasy gehören, glaube ich nicht, dass es so etwas wie historische Romane überhaupt gibt. Wo finge denn das Historische an? Muss die Geschichte zwei Tage vergangen sein oder zwanzig Jahre? Wir spiegeln uns in allen Geschichten, ganz egal, wann sie sich zugetragen haben sollen. Wichtig ist mir allerdings, dass Literatur nicht so tut, als könnten wir uns bei dieser Spiegelung immer erkennen. Es gibt das Fremde. Ich glaube nicht, dass wir wirklich verstehen können, wie Marie sich in ihrer Zeit, dem 19. Jahrhundert, gefühlt hat, in welchen Kategorien sie gedacht, welche anderen Bilder für Hoffnung, Freude oder Trauer sie gehabt hat. Mich hat interessiert, diese Fremdheit mitzuerzählen. Marie entstammt noch der Welt des Barock, den Wunderkammern und dem Glauben, dass die Vielfalt der Lebewesen Ausdruck von Gottes Allmacht ist. Erst im Laufe ihres Lebens entwickelte sich unser heutiges Schönheitsideal, man entdeckte die griechische Statue als Maß, mit Darwin und Mendel verstand man die biologischen Mechanismen von Zucht und Vererbung. Wie fühlte sich jemand, der in diesem Wandel plötzlich zur Missbildung, zum Monster wird? Das hat mich interessiert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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