Köpfe
der Woche
Brita Hempel:
Arbeitet mit Klischees
Von
Fred Keicher
aus dem
Schwäbischen Tagblatt, 5.12.2007:
Brita Hempels schmaler
Erzählungsband „Vorsicht im Erholungswald” versammelt 37 kurze Erzählungen,
manche sind kaum eine Seite lang. Sehr dicht geschrieben vermeiden sie weder das
Monströse noch das Anstößige. Hempel arbeitet mit Klischees, vermischt normalen
und medialen Erfahrungshorizont, Alltag und Traumfabrik. Ihr Motto nimmt sie von
Clint Eastwood, der von sich sagt, er spiele genau die Rollen, die er sehen
wollte, würde er immer noch Löcher für Swimmingpools ausbaggern.
Die Titelgeschichte beschreibt den Wald unter Gesichtspunkten des
Fuchsbandwurms, der Borrelien, des Borkenkäfers, der „wollüstig brummend“ in der
Hormonfalle verendet. „Das Losungswort des Försters, wenn der die Dunghäufchen
des Waldwildes betrachtet, müsste immer noch lauten: Mist.“
Warum diese Ökonomie der kurzen Geschichte? Sie seien das Ergebnis gescheiterter
Romane. Da fehle ihr das Durchhaltevermögen, 1000 Seiten Roman, in die der Leser
sich versenken kann, wie ihr Lieblingsroman „Sein eigener Herr“ von Haldor
Laxness. „Da muss man mehr an den Figuren hängen.“ Aber nach drei Seiten ist
alles über einen Serienmörder gesagt. Noch nicht über das Opfer: „Ihr dank
diversester Fitnessübungen überhaupt nicht vierzigjährig wirkender Körper
zitterte, die unvermeidlichen Brustwarzen stellten sich in der unvermeidlichen
Seidenwäsche unter der zart ramponierten Geschäftsfrauenbluse auf, und gleich
würde sie sinnlos schluchzen und kreischen, denn sie war ja ein Weib, das diesen
babygesichtigen Lustmörder mit dem IQ von 260 im Grunde abartig erregend fand.
Sie schluckte und fragte ruhig: ,Warum, Frank?’“
Was sich liest wie Trash-Literatur ist allerdings hoch artifiziell. Brita Hempel
verortet sich nicht zwischen, sondern in Barock und Spätmoderne. Die Epochen,
die das Spiel mit Stimmen und Rollen herauskitzelten. Wissenschaftlich widmet
sie sich der Epoche dazwischen. „Der gerade Blick in einer schraubenförmigen
Welt: Deutungsskepsis und Erlösungshoffnung bei
J. M. R. Lenz“ heißt die Dissertation der
Anglistin und Germanistin. 2003 erschienen, über den „frommen Rebellen“ Lenz,
Goethes Sturm-und-Drang-Vorläufer, der in alle seine Stücke „Brüche einbauen
musste“, was heute künstlerisch sehr modern wirke. Der Verlag hat dann drei
Jahre später auch noch ihre Magisterarbeit gedruckt. „Sara, Emilia, Luise: drei
tugendhafte Töchter: das empfindsame Patriarchat im bürgerlichen Trauerspiel bei
Lessing und Schiller“.
Für Brita Hempel, 35, war das nicht der Anfang einer akademischen Laufbahn. Sie
hat reichlich Erfahrungen auf einem prekären Arbeitsmarkt gesammelt, derzeit
arbeitet sie im Vorbereitungsdienst für das Lehramt an beruflichen Schulen in
Friedrichshafen.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.tagblatt.de/]
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