Sucht
und Sehnsucht
Zum 50.
Todestag von Ernest Hemingway
Von Bernd Noack in den Nürnberger
Nachrichten vom 2.7.2011:
Im Juli 1945 schrieb
J.D. Salinger aus dem Amerikanischen
Militärhospital in Nürnberg einen Brief an Ernest Hemingway. Der Soldat
Salinger, der kurz darauf ins fränkische Gunzenhausen zog, war noch längst nicht
der berühmte Autor, und er klagte gegenüber dem weltbekannten Meister der Short
Story, den er ein Jahr zuvor in Paris kennengelernt hatte, über seine Krankheit,
über „battle fatigue“, womit nichts anderes als ein Nervenzusammenbruch in Folge
der schlimmen Kriegseindrücke gemeint war.
16 Jahre später, Salinger lebte geheilt wieder in den Staaten als
geheimnisumwitterter Literatur-Star, war es nun seinerseits Hemingway, dem die
Depressionen jegliche Lebensperspektive geraubt hatten. Gezeichnet von
Alkoholmissbrauch und seelischen Qualen erschoss sich der Nobelpreisträger im
Alter von erst 61 Jahren mit der Schrotflinte. Damit endete ein Leben, das sich
so abenteuerlich konsequent zwischen Höhenflug und Absturz bewegt hatte, das
Leben eines Mannes, dessen augenscheinliche und bis zur Selbstverleugnung
zelebrierte Raubeinigkeit mit der unstillbaren und unterdrückten Sehnsucht nach
Glück und Ruhepol nie wirklich zusammenpasste.
Aber irgendwie gehört dieser Tod, diese Art des
theatralischen Verschwindens aus der Öffentlichkeit (die Hemingway brauchte und
verachtete) heute zum Gesamtporträt des 1899 in Oak Park in Illinois geborenen
Schriftstellers wie dessen Bücher über einen alten Mann und das Meer, über
Schnee auf dem Kilimandscharo, über Revolution und Stierkampf; wie dessen Sucht
nach Gefahr, Grenzüberschreitung, Suff und Frauen. Hemingway war gerade auch für
die deutschen Leser der Nachkriegszeit (und die jungen Autoren, die seine
knappe, nackte, nichts wattierende Sprache recht und schlecht nachzuahmen nicht
müde wurden) die Inkarnation eines (oft falsch verstandenen) Freiheitssuchers
und -entdeckers.
Dabei übersah man im Blick des bärtigen Nonkonformisten gerne die tiefe
Melancholie, die sich auch nur für den erschloss, der zwischen den Zeilen der
kurzen Storys zu lesen vermochte: der pochende Schmerz der Einsamkeit quält die
Figuren so vieler Geschichten, die doch immer nur vom Leben einer einzigen
Person erzählen – von Ernest Miller Hemingway.
Vielleicht
war der am ehrlichsten zu sich und seinen Bewunderern in einem Buch, das
Fragment bleiben sollte (und jetzt erstmals in der Urfassung auf Deutsch
erschienen ist): „Paris, ein Fest fürs Leben“. Glaubt man Hemingway – und die
ungekünstelte, befreite Leichtigkeit dieser Prosa lässt eigentlich keinen
Zweifel zu –, dann war er nie so nah an seinem verzweifelt erträumten Lebensziel
wie in den Jahren, die er an der Seine, in kleinen Hotels und verrauchten Cafés,
mit so einmaligen Zeitgenossen wie James Joyce, Ezra Pound oder Gertrude Stein
verbrachte.
Das Pariser Boheme-Leben der 20er Jahre, das er in seinen eigenen Notizen, die
im Hotel Ritz aufbewahrt waren, 1956 wiederentdeckte und auf Kuba fortschrieb,
diese flirrende Mischung aus sehr erträglicher Leichtigkeit des Seins und
esprit-sprühender Gesellschaft, hat der Autor wie kaum ein anderer in „Cézanne-schen
Pastelltönen“ (Hanns-Josef Ortheil)
skizziert.
„Aber Paris war eine sehr alte Stadt, und wir waren jung, und nichts war dort
einfach, nicht einmal die Armut, nicht einmal unverhofftes Geld oder das
Mondlicht oder Recht und Unrecht oder das Atmen eines Menschen, der neben dir im
Mondlicht lag“, heißt es einmal in dem Buch, das Generationen von Menschen als
zerfledderte Taschenausgabe mit in die Stadt nahmen auf der Suche nach längst
verlorenen Zeiten. Dass ihn, Hemingway, dieses kleine, arme, einfach schöne
Glück aber nicht hatte am Über-Leben halten können, versteht man heute immer
noch nicht.
Zur Lektüre: Ernest Hemingway, „Paris, ein Fest fürs Leben“,
übersetzt von Walter Schmitz, Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 19,95 Euro.
Die vollständige Besprechung von Bernd Noack mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
[...diese und weitere
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