
Melancholie
& Komik
Der aktueller Erzählband von
Finn-Ole Heinrich heißt "Gestern
war auch schon ein Tag". Im FR-Interview verrät der deutsche Autor, dass er beim
Vorlesen auch schon mal weinen muss.
Das Gespräch führte Franziska Schubert in der Frankfurter
Rundschau, 14.10.2009:
Finn-Ole Heinrich, Sie haben am Mittwochabend mit lauter berühmten Autoren in den Frankfurter Römerhallen vorgelesen. Ist das für Sie aufregend gewesen?
Ich war extrem aufgeregt. Ich habe mit der
Nobelpreisträgerin Herta Müller, mit
Feridun Zaimoglu,
Lutz Seiler und
Therézia Mora gelesen. Da war ich der
allerkleinste und allerunbekannteste. Ich weiß gar nicht, wie das kam, dass ich
in der Auswahl war. Von 400.000 Büchern haben sie acht ausgesucht und meines war
dabei. Wow, und im Saal waren 600 Leute und Fernseh-Kameras.
Haben Sie Herta Müller gesehen?
Als sie auf der Bühne war, wurde ich nebenan gerade verkabelt.
Und hinter der Bühne?
Ja, kurz. Ich wollte auch hingehen, ihr herzlichen Glückwunsch sagen. Aber ich
habe mich nicht getraut. Es war auch nicht die passende Situation.
Herta Müller hat bei der Lesung im
Römer gesagt, sie brauche Distanz zum Stoff, um darüber schreiben zu können.
Geht Ihnen das auch so?
Ich brauche zuerst eine Nähe zum Stoff. Muss mich erstmal einfühlen in alles.
Die Figuren und ihre Sprache kennenlernen, sie sprechen hören. Aber auch ihre
Wünsche und Ängste und Ziele erkundschaften. Dann muss ich mich wieder davon
zurückziehen, um darüber erzählen zu können.
Sie erzählen Geschichten von Menschen, die nicht perfekt, sondern defekt
sind. Werden Sie melancholisch, wenn Sie darüber schreiben, oder sind Sie
einfach nur konzentriert bei der Sache?
Konzentrieren muss ich bei der Arbeit immer, aber ich versuche in eine bestimmte
Stimmung zu kommen, die dem Text angemessen ist. Das muss aber nicht unbedingt
Melancholie sein. Ich bemühe mich auch im Tragischen das Komische zu finden.
Dadurch werden die Texte spannender.
Als ich Ihre Erzählung "Wenn man gesungen sagt" gelesen habe, musste ich fast
weinen. Passiert Ihnen dasselbe bei Ihren Geschichten auch manchmal?
Ja, beim Vorlesen kommt es vor. Im Idealfall vergesse ich die Bühnensituation
und bin ganz bei dem Text und den Figuren. Das gelingt mir allerdings nicht so
oft. Aber wenn, dann kann ich auch bei einer richtig traurigen Erzählung
anfangen zu heulen.
Sie haben ein Filmstudium in Hannover gemacht. Warum?
Ich hatte Bilder im Kopf, die haben nicht als Geschichten funktioniert. Deswegen
wollte ich unbedingt dieses Handwerk lernen.
Sie haben schon mit 17 Ihre erste Erzählung geschrieben. Haben Sie das
Gefühl, dass das Geschichtenschreiben Sie reifer macht?
Das werde ich oft gefragt. Bei Lesungen kommen Zuhörer häufig nach vorn und
sagen zu mir, sie könnten nicht verstehen, wie so ein junger Mensch wie ich
solche Sachen erzählen kann. Woher kommt das? Das weiß ich auch nicht. Manchmal
trifft man Leute und denkt, die haben schon mehr Dinge in ihrem Kopf bewegt als
andere. Wahrscheinlich ist das so bei mir. Ich denke viel nach und setze mich
viel mit dem Leben auseinander, weil ich darüber schreibe.
Wenn Sie auf Gleichaltrige treffen, denken Sie da manchmal, was sind das für
Kinder?
Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, das denken andere oft von mir. Weil ich so
viel am Schreibtisch sitze, mache ich dafür viel Quatsch, wenn ich mit meinen
Freunden auf der Straße zusammen bin. Manchmal sagen die dann schon, jetzt mach
mal halblang, Finn.
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