Finn-Ole Heinrich, 2008, Foto: Lutz Edelhoff/www.mairisch.de (hf0410)Gestern war auch schon ein Tag von Finn-Ole Heinrich, 2009Melancholie & Komik
Der aktueller Erzählband von Finn-Ole Heinrich heißt "Gestern war auch schon ein Tag". Im FR-Interview verrät der deutsche Autor, dass er beim Vorlesen auch schon mal weinen muss.

Das Gespräch
führte Franziska Schubert in der Frankfurter Rundschau, 14.10.2009:

Finn-Ole Heinrich, Sie haben am Mittwochabend mit lauter berühmten Autoren in den Frankfurter Römerhallen vorgelesen. Ist das für Sie aufregend gewesen?

Ich war extrem aufgeregt. Ich habe mit der Nobelpreisträgerin Herta Müller, mit Feridun Zaimoglu, Lutz Seiler und Therézia Mora gelesen. Da war ich der allerkleinste und allerunbekannteste. Ich weiß gar nicht, wie das kam, dass ich in der Auswahl war. Von 400.000 Büchern haben sie acht ausgesucht und meines war dabei. Wow, und im Saal waren 600 Leute und Fernseh-Kameras.

Haben Sie Herta Müller gesehen?

Als sie auf der Bühne war, wurde ich nebenan gerade verkabelt.

Und hinter der Bühne?

Ja, kurz. Ich wollte auch hingehen, ihr herzlichen Glückwunsch sagen. Aber ich habe mich nicht getraut. Es war auch nicht die passende Situation.

Herta Müller hat bei der Lesung im Römer gesagt, sie brauche Distanz zum Stoff, um darüber schreiben zu können. Geht Ihnen das auch so?

Ich brauche zuerst eine Nähe zum Stoff. Muss mich erstmal einfühlen in alles. Die Figuren und ihre Sprache kennenlernen, sie sprechen hören. Aber auch ihre Wünsche und Ängste und Ziele erkundschaften. Dann muss ich mich wieder davon zurückziehen, um darüber erzählen zu können.

Sie erzählen Geschichten von Menschen, die nicht perfekt, sondern defekt sind. Werden Sie melancholisch, wenn Sie darüber schreiben, oder sind Sie einfach nur konzentriert bei der Sache?

Konzentrieren muss ich bei der Arbeit immer, aber ich versuche in eine bestimmte Stimmung zu kommen, die dem Text angemessen ist. Das muss aber nicht unbedingt Melancholie sein. Ich bemühe mich auch im Tragischen das Komische zu finden. Dadurch werden die Texte spannender.

Als ich Ihre Erzählung "Wenn man gesungen sagt" gelesen habe, musste ich fast weinen. Passiert Ihnen dasselbe bei Ihren Geschichten auch manchmal?

Ja, beim Vorlesen kommt es vor. Im Idealfall vergesse ich die Bühnensituation und bin ganz bei dem Text und den Figuren. Das gelingt mir allerdings nicht so oft. Aber wenn, dann kann ich auch bei einer richtig traurigen Erzählung anfangen zu heulen.

Sie haben ein Filmstudium in Hannover gemacht. Warum?

Ich hatte Bilder im Kopf, die haben nicht als Geschichten funktioniert. Deswegen wollte ich unbedingt dieses Handwerk lernen.

Sie haben schon mit 17 Ihre erste Erzählung geschrieben. Haben Sie das Gefühl, dass das Geschichtenschreiben Sie reifer macht?

Das werde ich oft gefragt. Bei Lesungen kommen Zuhörer häufig nach vorn und sagen zu mir, sie könnten nicht verstehen, wie so ein junger Mensch wie ich solche Sachen erzählen kann. Woher kommt das? Das weiß ich auch nicht. Manchmal trifft man Leute und denkt, die haben schon mehr Dinge in ihrem Kopf bewegt als andere. Wahrscheinlich ist das so bei mir. Ich denke viel nach und setze mich viel mit dem Leben auseinander, weil ich darüber schreibe.

Wenn Sie auf Gleichaltrige treffen, denken Sie da manchmal, was sind das für Kinder?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, das denken andere oft von mir. Weil ich so viel am Schreibtisch sitze, mache ich dafür viel Quatsch, wenn ich mit meinen Freunden auf der Straße zusammen bin. Manchmal sagen die dann schon, jetzt mach mal halblang, Finn.

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