“AN STAUBKÖRNERN AUFGESPANNTE DRACHEN.”
ÜBER DEN DICHTER MANFRED
PETER HEIN
Von Peter
Horst Neumann, Gesellschaft
der Germanisten Rumäniens
(GGR), 1993:
Manfred Peter Hein ist in diesen Jahrzehnten eine der exponiertesten Dichter-Existenzen deutscher Sprache. Dies nicht im Sinne öffentlicher Reputation und eines ehrenhaften Herausgehobenseins, sondern als ein außerhalb Situierter. Er lebt nicht im Land seiner Sprache, sondern, nach des Wortes mittelhochdeutscher Bedeutung, im sprachlichen Elend. Was dies für einen Dichter, einen schlechthin einsprachigen, nur selten mehrzüngigen Menschen bedeutet, dazu mag jeder für sich ein paar Ahnungen haben; der auf nur einen Dichter gerichtete Blick wird kaum erfassen, was einem anderen im Sprach-Exil widerfuhr. Heinrich Heines Pariser Poesie hat aus der Tatsache, daß Mathilde, geborene Mirat, sein Deutsch nicht verstand, mit Sicherheit keinen Schaden erlitten. Mein schlesischer Landsmann Max Hermann-Neiße ist im Londoner Exil zu früh an Heimweh gestorben, als daß eine Sprachverstörtheit seine Gedichte schon hätte befallen können. Und was Paul Celan betrifft, so sind die Voraussetzungen seines Dichtertums derart extrem, daß man nicht-jüdische Biographien mit seiner nicht zu vergleichen wagt. Er dichtete in Hölderlins und Eichmanns Sprache, und zugleich war im selbstgewählten Sprach-Exil von Paris sein Deutsch der trivialen Alltäglichkeit entzogen; dies mußte für seine Gedichtsprache Folgen haben. Darüber mit einiger Überzeugungskraft zu sprechen, ist außerordentlich schwer. Denn die Entmächtigung der traditionellen Syntax in Celans Gedichten, das Vorherrschen des Anakoluthes und die Verlagerung der poetischen Sensation ins einzelne Wort, Bildverknappungen und Bedeutungsschichtungen, wie eigensinnig sie auch sind, bleiben zugleich doch auch Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die in Deutschland von Klopstock und Hölderlin über George, Loerke und Rilke zu Celan, Huchel, Eich, Bobrowski, Erich Arendt und Ernst Meister reicht. Es sind die “schwierigen”, die “reinen” Poeten, die Dichter ohne Alternative. Zu ihnen gehört Manfred Peter Hein.
Aber sind die Bedingungen dessen, der in Finnland im geographisch realen Sprach-Exil lebt, von denen, die etwa für Ernst Meister galten, nicht grundverschieden? Die dichtungssprachliche Radikalität Ernst Meisters - ich übersetze das Wort mit “Wurzelgläubigkeit” - legt den Gedanken nahe, daß zwischen in- und finnländischen Sprach-Exilen der Unterschied nicht allzu groß sein kann. Fremdlinge im eigenen Land hat Hölderlin die Dichter genannt. Die Lage hat sich inzwischen verschärft, derart, daß heute jeder in dieser Tradition mit Recht “Gedicht” genannte Text einem Sprach-Elend abgewonnen werden muß. Ich sage “heute” und meine damit unsere sprach- und zivilisationsgeschichtliche Situation, die bestimmt wird durch eine dramatisch sinkende muttersprachliche, vor allem schriftsprachliche Kompetenz und Sprachbewußtheit und eine zunehmende Laxheit in allen die Sprachstilpflege betreffenden Bereichen, dies auch im Zeichen einer wildwüchsigen unreflektierten Multikulturalität.
Ob da etwa das Gründen wohlmeinender Sprachgesellschaften und Akademien noch einmal fruchten könnte, wie einst nach dem 30jährigen Kriege, ist nicht sehr wahrscheinlich. Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Finnland. Von dorther kommen Gedichte, nicht alle, aber die besten vielleicht. Und man merkt es ihnen an: an ihrer Sperrigkeit und der Art, wie sie sich der nachsprechenden Aneignung entziehen. Natürlich weiß man, daß die Entfernung der modernen Lyrik von komoder Verständlichkeit zumindest in Deutschland - und dies bei einer Dichtungstradition, die im 19. Jahrhundert der europäischen Kultur einmal die Gattungsbezeichnung “le lied” geschenkt hat - irreversibel ist oder für lange Zeit es voraussichtlich sein wird. Ich will auch nur nebenbei daran erinnern, daß es für die Poesie eine Reihe traditioneller Aufführungspraktiken gibt, deren älteste, der Gesang, der Lyrik einst ihren Namen gab. Eine andere ist die Rezitation, eine dritte das Gespräch über Gedichte. Für die Lyrik im 20. Jahrhundert ist eine vierte Aufführungspraxis hinzugekommen. Sie wird von den Dichtern nicht uneingeschränkt geschätzt, denn sie deutet auf einen prinzipiellen Mangel des modernen Gedichts an Verständlichkeit hin. Ein bedeutender Anteil neuerer Poesie, darunter Gedichte von oberstem Rang, ist kommentierungsbedürftig und muß in seiner vollen Bedeutung selbst geneigtesten Lesern durch Kommentar und Exegese, durch eine philologische Aufführungspraxis, erst erschlossen werden.
Da es einen dichtungssprachlichen Konsens moderner Poeten kaum mehr gibt, eine
Verbindlichkeit selbst von Grammatik, Syntax, Groß- und Kleinschreib-Regeln und
eine Formenlehre der Dichtung nicht mehr erkennbar ist, hat die
Auslegungsbedürftigkeit von Gedichten generell zugenommen. Dies gilt, je
entschiedener sich in den Schulen und im allgemeinen kulturellen Bewußtsein
eine Art Analphabetisierung im Umgang mit Dichtung vollzieht, nicht nur für
einen Großteil der modernen Poesie, sondern bereits auch für ehemals
kanonisierte literaturgeschichtliche Bestände.
In diesem Sinne kommentierungsbedürftig sind auch die Gedichte von Manfred
Peter Hein. Daß sie die Wirkung, die ihnen nach ihrem Range zusteht, bis heute
nur bei wenigen gefunden haben, liegt also gewiß auch daran, daß es kaum
Interpretationen und Kommentierungen dieser Gedichte gibt. Ich empfinde dies als
ein Versäumnis, das auch mich selbst betrifft. Als Mitglied der Jury, die ihm
1984 den Peter-Huchel-Preis
verlieh, las ich ihn damals zum ersten Mal, seither immer wieder. Das Preisgeld
reichte damals wohl gerade aus, dem Autor die selbst bezahlten Druckkosten
seiner Gedichtsammlung “Gegenzeichnung” zu ersetzen. Frage ich mich, weshalb
ich nie ein vermittelndes Wort über ihn geschrieben habe, muß ich mir
eingestehen, daß ein gewisser Gestus des Für-sich-bleiben-wollens mich
faszinierte und zugleich hemmte, meine Selbstgespräche mit Heins Gedichten
aufzuschreiben. Ja, Selbstgespräche mit seinen Gedichten. Tatsächlich bewegt
sich die Exegese in dieser Art Paradoxie. Und wenn ich die folgenden Sätze von
Manfred Peter Hein aus dem Jahre 1962 richtig verstehe, bezeichnen sie just
diese Paradoxie und verweisen den Interpreten auf eine Selbstbesinnung entlang
der Sprachgestalt des Gedichts: “Alle Fragen zum Gedicht bewegen sich vor
einer Zone des Schweigens [...] Die Zugänge zum Gedicht sind zugleich die
Zugänge zur Wirklichkeit des Fragenden.”
Wenn es sich so verhält, wird man guttun, auch von den folgenden Anmerkungen zu
Heins Gedicht An Staubkörnern ausgespannte Drachen keine großen Erleuchtungen
zu erwarten. Vielleicht ist es mir deshalb besonders wert, weil es sich einer
zudringlichen Fremderhellung entzieht.
AN STAUBKÖRNERN AUFGESPANNTE DRACHEN
jemand hat sich erhoben jemand mir
/gegenüber
im Gespräch das sein Ende sucht
ich erinnere mich
an das einfachste Anagramm
nie )( ein
nicht darstellbare Bilder
etwas das unsichtbar in Erscheinung tritt
an Staubkörnern aufgespannte Drachen
und so begann dieser quer durch die
/leere Gegend
gezogene Strich eine Reise
die eure gestaute Sehnsucht schluckt
Silben bleiben und halten sich in der Luft
umgeben von Licht
wie Beduinenzelte
einer Sippe von hundert Seelen
die nicht mehr weiterziehn
nichts findet mich
an der toten Seite des Abschieds
ich frag mich
des Abschieds von wem
jemand mir gegenüber
ein Gespräch das ein Ende sucht
und es beginnt was ich sehe
taghell im Nichts
(Manfred Peter Hein,
Ausgewählte Gedichte, Ammann
Verlag: Zürich 1993, S. 154. - Das Gedicht auf S. 75.)
Das Gedicht hat einen gewissen erzählerischen Duktus, wie er in späteren
Gedichten bei Hein kaum mehr vorkommt. Aber auch hier gewinnen die Verse
durchaus keine verständigungsfreudigen Prosaqualitäten.
Zweimal - in den Eck-Strophen - ist von einer Gesprächssituation die Rede:
jemand ist im Gehen begriffen, er hat sich erhoben, das Gespräch mit ihm sucht
sein Ende, wird aber fortdauern über den Schluß des Gedichtes hinaus. Dort
werden Worte des Anfangs wiederholt: das Gegenüber von Ich und Jemand hat
Bestand. Ob aber in die Suche nach dem Ende, in diesen Versuch eines Abschieds
hinein, zugleich etwas Neues “beginnt ... taghell im Nichts”, bleibt
ungewiß. Es scheint, als stehe hier alles in der Ungeschiedenheit von Ja und
Nein, als sei jenes “einfachste Anagramm” das Vorzeichen von allem in diesem
Gedicht.
Wenn die zweite Strophe von “nicht darstellbare[n] Bilder[n]” spricht,
danach von etwas, das in aberwitziger Weise “unsichtbar in Erscheinung
tritt”, und wenn dieser zweimal in begrifflicher Sprache vorgetragene
Wider-Sinn in der dritten Zeile der zweiten Strophe poetisch aufblüht, scheint
hier tatsächlich ein Unbeschreibliches getan: etwas, das keine Befestigung in
der begehbaren Welt der Dinge besitzt, das reine Poesie ist in einer durch
Prosarede nicht hintergehbaren Sprache: “an Staubkörnern aufgespannte
Drachen”. Als so eine Art Drachen - spielerisches Fluggerät, vielleicht aus
beschriebenem, Silben enthaltendem Papier - ein auffliegendes, sich in der Luft
und in einem höheren Lichte haltendes Ding - als so eine Art poetischen
Papierdrachen lese ich die dritte Strophe und meine damit nicht das, was sie
sagt, sondern den Gestus der poetischen Rede, jenes Etwas, “das unsichtbar in
Erscheinung tritt”, das sich nur im Gedicht zu zeigen vermag.
Die vierte Strophe bringt das Bild einer Beduinensippe ins Gedicht. Ein
Wüsten-Bild, in einem Wie-Vergleich präsentiert. Der bezieht sich auf die
“Silben” in Strophe 3; es könnten die Silben dieses Gedichtes oder jenes
Gesprächs zwischen Jemand und Ich sein, vielleicht des Gesprächs zwischen dem
lyrischen Ich und einem lesenden Jemand, der ich jetzt bin. Diese Silben, “sie
bleiben und halten sich in der Luft”, sind Sprachpartikel, die sich zu einem
Sinnvollen erst zusammenfügen müßten, was offenbar nicht geschieht. Dies
könnte das Vergleichsmoment sein, durch welches die Silben den Beduinen
nahekommen, “die nicht mehr weiterziehn” und somit aufgehört haben, Nomaden
zu sein. Auch für sie gilt die anagrammatische Gleichung von ein und nie.
Die vorletzte Strophe identifiziert jenes Gespräch, das “ein Ende sucht”,
als einen noch nicht vollzogenen, vielleicht nicht vollziehbaren Abschied:
“nichts findet mich / an der toten Seite des Abschieds”. Bleibt noch die
Frage: Abschied von wen? Das Ich stellt sie sich selbst, weiß also keine
Antwort. Wer aber wäre dann dieser Jemand, dieses Gegenüber, dieser Mensch
ohne Merkmal und Namen? Ist er - im Zeichen des “allereinfachsten Anagramms”
- Jemand und Niemand zugleich? Er hat “sich erhoben” zum Fortgehen, erhoben
“im Gespräch das ein Ende sucht” und noch längst nicht fand. Vielleicht
gar nicht finden will, wenn dies der Abschied, vielleicht, auch vom Leser wäre
- ein Abschied als Dauerzustand.
An dieser Stelle mag ich nicht weiterfragen. Man wird nicht erfahren, was das
sprechende Ich im Schlußvers “taghell im Nichts” zu sehen “beginnt”. Es
könnte jenem 'Etwas' gehören, das nur “unsichtbar in Erscheinung tritt”.
Frage ich mich am Ende meiner Lektüre, was mich an diesem Gedicht immer wieder
berührt, so ist es die präzise Artikulation eines abgründig untröstlichen
Weltgefühls. Daß aus einer mit zeitgeschichtlichen Gedächtnisdaten
gesättigten Untröstlichkeit Gedichte entstehen, von denen mir manche so
einleuchtend dunkel bleiben wie diese, dafür bewundere ich ihren Dichter mit
einem brüderlichem Respekt, der auch Abstand bedeutet.
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