Heinrich Heine, Stahlstich 19. Jhdt., aus Privatsammlung; Reproduktion und Copyright: foto-poklekowski

Heinrich Heine, Repro: Doris Poklekowski
www.foto-poklekowski.de

1.) - 2.)

Verfasser unbekannt
Vor 150 Jahren, am 17. Februar 1856, starb Heinrich Heine in Paris. Er war den Deutschen immer eher suspekt als lieb - dabei kennen sie ihn kaum. Nur das Lied von der Loreley ist Allgemeingut

Von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 4.2.2006:

Fast ist es ein bisschen unheimlich, dass Heinrich Heine in Deutschland jetzt so stürmisch gefeiert wird. Bekommt die Liebe Flügel, weil der Dichter des Anstoßes schon so lange tot ist? Weil seine politischen Spitzen nur bedingt zu aktualisieren sind? Heine war den Deutschen immer suspekt: ein Mann, der merkwürdige Gedichte schrieb; elegisch und tränensüchtig die einen, andere witzig frech. Dann aber auch wieder Verse, die analytisch die Gesellschaftsordnung in Frage stellen. Politik im Gedicht! Das haben wir noch nie gemocht.

Er war ein Jude, ein Konvertit, und schon deshalb fragwürdig. Einer, der die Waldesmondnacht so schön zu besingen wusste wie jeder Romantiker, und war trotzdem keiner; er konnte seine innigsten Verse mit einer einzigen spöttischen Wendung in den Boden rammen, und hatte seine Freude dran.

Was lieben die Deutschen an Heinrich Heine? Ich glaube, leider: Sie lieben nicht ihn, sie lieben die Loreley. "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" - darin liegt eine ganze Welt. Oder vielmehr zwei. Denn nicht nur die Komponisten, auch die Nazis erkannten die reine Schönheit dieses Gedichts. Seine wüste Wahrheit verdrängten sie. Die Nazis waren es, die zur völkischen Rettung der wundersamen Verse den infamen Hinweis "Verfasser unbekannt" erfanden. Mancher glaubt bis heute, Heine habe ein Märchen aus alten Zeiten neu geformt.

Das ist aber nicht wahr, auch wenn er selbst es in seinem Gedicht behauptet. Die Lore Lay, das zauberhaft schöne Naturwesen, das den Männern zum Verhängnis wird, hat Clemens von Brentano dem Rheinfelsen bei Sankt Goarshausen angedichtet. Heine hat das Motiv später aufgegriffen und, man muss wohl sagen: Er hat es unsterblich gemacht.

Hätte er solche Worte geschätzt? Aber sicher. Er war als Intellektueller bereit, sich einer überwältigenden, ja, maßlosen Emotion hinzugeben. Schon diese Doppeldeutigkeit macht ihn einzigartig in der deutschen Literatur. "Die Sentimentalität ist ein Produkt des Materialismus. Der Materialist trägt nämlich in der Seele das dämmernde Bewusstsein, dass dennoch in der Welt nicht alles Materie ist . . . Sentimentalität ist die Verzweiflung der Materie, die sich selber nicht genügt und nach etwas Besserem ins unbestimmte Gefühl hinausschwärmt." Dieser Satz charakterisiert den Dichter wunderbar. Heine war zu klug, um sich ganz ins Gefühl zu verlieren, aber immer wieder bereit, scharfe Reflexion in Emotion und sogar in Larmoyanz aufzulösen. Das macht ihn angreifbar, aber auch bewundernswert.

Was kann unsere Welt mit all dem anfangen? Wenig. Wir sind weder so sentimental noch so gedankenversessen wie frühere Generationen. Wir wollen Unterhaltung. Gute Unterhaltung. Die bietet Heine nicht.

Zwar beherrscht er den amüsanten Ton vollendet, wie in der Geschichte vom Tanzbären Atta Troll, der räsonierend seine Kulturgeschichte erinnert: "Also vor der Bundeslade/ Tanzte weiland König David;/ Tanzen war ein Gottesdienst,/ War ein Beten mit den Beinen!" Oder, in "Deutschland, ein Wintermärchen": "Noch immer das hölzern pedantische Volk,/ Noch immer ein rechter Winkel/ in jeder Bewegung, und im Gesicht/ der eingefrorene Dünkel." Doch das Leichte, Süffisante schlägt bei Heine schnell um ins scharf Kritische, und da ist es gar nicht mehr lustig.

Heine wird deshalb gern lukullisch genossen - wie Mozart. Ein Lyrikbröckchen hier, ein Arienhäppchen da. Ernsthafte Beschäftigung: nein, danke. Es wäre so verdammt mühsam.

Und, wie kann man denn heute Heine lesen? Und sollte man? Ja, man soll. Unbedingt. Es gibt zwei Möglichkeiten.

Meist griff er schreibend an: die Schriftsteller, die Politiker, den Zeitgeist. Die spießige Bürgerlichkeit. Den Kommunismus; aber nur, wenn es ihm passte und Karl Marx nicht in der Nähe war. Der politische Dichter Heine, vor allem seine Aufsätze, sind etwas für Liebhaber. Für Menschen, die bereit sind, sich mit den historischen Zusammenhängen zu befassen. Dann sind diese Texte ein scharfsinniger Genuss.

Man kann Heine aber auch einfach so lesen. Das "Buch der Lieder", die "Reisebilder". "Die Nordsee". Was immer man will. Vom intellektuellen Anspruch darf niemand sich abschrecken lassen; für alle Kunst gilt: Man kann sie verstehen oder mit dem Herzen erleben. Oder beides.

Wer Heine liest, wird wunderbare Stunden haben. Wer sich einlässt auf diese spröde, verwundete Sprache; wer die soziale Kritik dieser Worte so ernst nimmt, wie sie geschrieben steht, ohne alle politische Utopie, aber voll tiefer Menschlichkeit - wer das unglücklich Liebende in diesen Worten erkennt und aufnimmt: Der hat seinen Heine gefunden. Er wird ihn nicht mehr verlieren. Er muss ihn nur erst kennenlernen - also: Heine lesen.

Er starb in der "Matratzengruft"

Am 13. Dezember 1797 wurde Harry Heine in Düsseldorf geboren. Den Namen Heinrich nahm er an, als er zum evangelischen Glauben übertrat. Heine betrieb einen Tuchhandel, machte aber Bankrott; später studierte er Jura und suchte Kontakt zu den Denkern seiner Zeit. Mit 20 veröffentlichte er erste Gedichte, unterstützt von seine Bankiers-Familie. Die Pariser Julirevolution faszinierte ihn, 1831 ging er nach Frankreich, wo er als politischer Emigrant eine Pension erhielt. In Deutschland wurden seine Schriften verboten. Heine litt an Rückenmarkschwindsucht. Er verbrachte die letzten acht Jahre in seiner "Matratzengruft".

[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0206 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine

***

Heinrich Heine auf einer DDR-Briefmarke, 1956

2.)

Kleine Lieder aus großen Schmerzen "Ich hatte einst ein schönes Vaterland . . .":
Zum 150. Todestag von Heinrich Heine
Von Sabine Dultz aus dem Münchner Merkur, 17.02.2006:

"Es ist mir nichts geglückt in dieser Welt, aber es hätte mir doch noch schlimmer gehen können. So trösten sich halbgeprügelte Hunde." Das schreibt drei Jahre vor seinem Tod der schwerkranke Dichter Heinrich Heine aus Paris an seine Mutter nach Hamburg. 1856, am 17. Februar, hat seine Lebensqual ein Ende. Nach achtjährigem Lager auf seiner "Matratzengruft" schließt er für immer die Augen. Heute jährt sich sein Todestag zum 150. Mal.

Heine, der protestantische Jude aus Düsseldorf, zu Lebzeiten schon ein berühmter Mann, ist der bedeutendste Lyriker des 19. Jahrhunderts. Seine Dichtung beflügelt die Generationen nach ihm. Sein Freigeist und seine Freizügigkeit machen ihn zum Schriftsteller der Moderne.

"Beruhigt Euch, ich liebe das Vaterland ebenso wie Ihr. Wegen dieser Liebe habe ich 13 Jahre im Exil verlebt, und eben wegen
dieser Liebe kehre ich wieder zurück ins Exil." Heinrich Heine, aus dem Vorwort zu "Deutschland. Ein Wintermärchen"

Doch zwölf Jahre Nationalsozialismus schafften es, den Autor von "Deutschland, ein Wintermärchen" totzuschweigen. Zwar konnten die Nazis die "Lorelei" nicht verbieten, aber die Autorenschaft schrieben sie frech dem "Volksmund" zu.

Heute ist Heinrich Heine als Autor so spannend, aber auch so geheimnisvoll wie eh und je. Was sagen seine Gedichte über ihn selbst aus? War er ein so großer Erotiker wie es uns seine Verse weismachen wollen? Ist denn das literarische Ich identisch mit dem Verfasser? Und muss immer für bare Münze genommen werden, was der Autor am Ende oft genug selbst mit einem ironischen Schlenker in Frage stellt?

Heinrich Heine und die Frauen - das ist ein viel diskutierte Thema der Gegenwart. Und Spezialistin Edda Ziegler hat anlässlich seines Todestages dazu ein Buch veröffentlicht: eine differenzierte Analyse seines Werkes, seines Lebens und seiner Persönlichkeit. Dies vor allem anhand seiner Briefe.

Was man zum besseren Verstehen wissen sollte, das sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ziegler: "Die bürgerliche Gesellschaft ist damals in Frankreich - und mit einer gewissen Verzögerung - auch in Deutschland, den beiden Ländern, in denen Heine lebt und schreibt, voll entwickelt. Nach Herkunft, Ausbildung und Selbstverständnis gehört er dieser neuen, nun gesellschaftlich tonangebenden Schicht an. Und bleibt dennoch zeitlebens ein Außenseiter. Stigmatisiert durch sein Judentum, das er als Makel empfindet, trotz aller Integrationsmöglichkeiten, die das napoleonische Zeitalter und der Assimilationswille seiner Mutter ihm eröffnen und obwohl er sich christlich hat taufen lassen."

"Dies war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Heinrich Heine, aus "Almansor"

Wenngleich im politischen und sozialen Bereich ein Mann der Gegenwart, ist Heine doch, was Frauen betrifft, in der Tradition des Machotums verhaftet. Das erklärt seine Reserviertheit gegenüber den sehr in Mode geratenen, zeitgenössischen Schriftstellerinnen und anderen weiblichen Intellektuellen, die er entweder als Konkurrentinnen empfindet - wie George Sand - oder als mütterliche Gönnerin - wie Rahel Varnhagen. "Ich bin freylich nicht einverstanden mit dem Weiber-Emanzipations-Enthusiasmus." Und: "Im Allgemeinen ist Denken nicht der Frauen Sache."

Dabei ist Heinrich Heine zumindest von einer "denkenden" Frau geprägt und sein Leben lang abhängig: von seiner Mutter. Aus der tiefen Bindung zu ihr erklärt Heine-Forscherin Edda Ziegler die problematischen Beziehungen des Dichters zu Frauen, sein Hin- und Hergerissensein zwischen hehrer Liebessehnsucht und ernüchternder Liebesrealität. Die Liebe bezeichnet Heinrich Heine als "die Pocken des Herzens". Als eine Seuche also, von der er sich nie befreien kann. Aus ihr allerdings speist sich seine dichterische Kreativität.

Dabei weiß er, dass diese Krankheit tödlich verlaufen wird. Nach eigenen Aussagen nämlich hat er sich in jungen Jahren bei Hamburgs Huren mit Syphilis infiziert. Ob dies denn auch wirklich die Ursache seines langen Siechtums und qualvollen Todes gewesen ist, wird allerdings von der aktuellen Forschung in Zweifel gezogen. Vieles spricht eher dafür, dass Heinrich Heine an einer Rückenmark-Tuberkulose litt und schließlich daran starb.

Nun aber zu seinen Frauen. Der ganz große, erfolgreiche Liebhaber, für den man ihn nach der Lektüre seiner Lyrik halten könnte, ist er offenbar nicht.

"Du fragst mich, Kind, was Liebe ist? Ein Stern in einem Haufen Mist." Heinrich Heine, aus "Neue Gedichte"

Seine erste Liebe - nach der Mutter - gilt seiner Cousine Amalie, der Tochter seines reichen Onkels Salomon Heine in Hamburg, der ihn bis ans Lebensende unterstützt. Doch die smarte Amalie zeigt dem 18-jährigen Vetter die kalte Schulter. Das Ergebnis dieser Abfuhr mündet in Lyrik: "Das Buch der Lieder", Heines erste Gedichtsammlung. "Aus meinen großen Schmerzen mach ich die kleinen Lieder", so der junge Poet im "Lyrischen Intermezzo".

In Frankreich, dem Exil des Dichters, begegnet er der Frau, die er nach siebenjährigem Zusammenleben auch tatsächlich heiratet: die 18 Jahre jüngere Mathilde, bis zu seinem Tod seine Geliebte, Gefährtin, Peinigerin. Eine Pariser Grisette vom Land, ungebildet, Analphabetin, von üppiger Schönheit, mit einem "herrlich dicken Hintern". Ein Paar, das sich gegensätzlicher nicht denken lässt. Eine Frau, die er sich, wie er glaubt, à la Pygmalion bilden kann.

Zunächst gibt er ihr, die eigentlich Augustine Crescence Mirat heißt, den Namen Mathilde. Für Heine ein Synonym für Schönheit und Klugheit. In seinen "Reisebildern" (1828) hatte er eine englische Lady, die er im italienischen Lucca traf, so genannt. Edda Ziegler: "Mit der Überformung Mathildes zur literarischen Figur schafft Heine zugleich ein idealisiertes öffentliches Bild der Beziehung, hinter dem er die Wirklichkeit und damit auch das gesellschaftlich wohl wenig repräsentative reale Vorleben der Geliebten verschwinden lassen kann. An dessen Stelle soll - so der patriarchalisch-narzisstische Anspruch - das von ihm selbst geschaffene Geschöpf treten; Mathilde, Heines Besitz und weibliches Alter Ego."

"Wir männlichen Schriftsteller schreiben für oder gegen eine Sache, für oder gegen eine Idee, für oder gegen eine Partei; die Frauen jedoch schreiben immer für oder gegen einen einzigen Mann, oder besser gesagt, wegen eines einzigen Mannes." Heinrich Heine, aus "Geständnisse"

Aber so, wie es sich der Dichter gedacht haben mag, funktioniert es nicht. Mathilde erweist sich als nicht formbar. Und als Heine die Schöne seiner vornehmen Familie in Hamburg präsentiert, kommt's zum Eklat: Mathilde, einfach und unsensibel sowie des Deutschen nicht mächtig, reist vorzeitig nach Paris zurück; er kommt später nach.

". . . da ich wohl wusste, dass Kinderzeugen nicht meine Spezialität ist." Heinrich Heine über seine Ehe

Elise Krinitz ist die Frau, die Heinrich Heine die restlichen Monate seines Lebens versüßt - "letzte Blume meines larmoyanten Herbstes". Selbst nennt sie sich Margareth, für den maladen Dichter ist sie "die Mouche", seine letzte Liebe. Eine junge deutsche Publizistin, die in Paris lebt. Die Beziehung zum sie begehrenden, aber körperlich ohnmächtigen Heine dient ihr dazu, Fuß zu fassen in den elitären Kulturkreisen der Seine-Stadt. Und Heine stimulierte die rein psychische Hingabe der 30-jährigen Frau zu letzten Versen, den Gedichten "An die Mouche". Sie gelten als seine einzigen persönlichen Liebesgedichte. Dazu Heines von unverstellter Offenheit getragenen Briefe: "Wäre ich noch ein Mann, diese Phase bekäme minder platonische Tornüre. Aber ich bin nur noch ein Geist, was vielleicht Ihnen, aber nicht mir sonderlich zusagt . . . Ein Todter, lechzend nach den lebendigsten Lebensgenüssen!"
Die letzten Lebenstage verwehrt Mathilde der Freundin den Zutritt zur Wohnung. Am 17. Februar 1856 um 4. 45 Uhr stirbt Heinrich Heine. Die Wärterin weckt Frau Mathilde nicht einmal auf.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0206 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur