|
|
| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Jetzt eher das Lamm als
der Wolf
Schriftsteller Hein
sagt Intendanz ab
Von Sabine Dultz aus dem Münchner
Merkur, 29.12.2004:
Ich bin am geistigen Klima gescheitert." Durch die massive öffentliche Kritik an seiner Nominierung fühle er sich "vorverurteilt" und "abgestraft". Mit diesen Worten gab gestern Schriftsteller Christoph Hein seinen Rücktritt von der Intendanz des Deutschen Theaters Berlin bekannt. Hein, hochgelobt und zu Recht gerühmt als Autor - u. a. von "Landnahme", "Von allem Anfang an", "Tangospieler", "Horns Ende", "Der fremde Freund" - sollte ab 2006 die vielleicht traditionsreichste aller deutschen Bühnen leiten.
Nun gab er auf, noch bevor er angefangen hat. Und
Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS) muss sich erneut auf die Suche nach
einem Nachfolger des jetzigen Theaterchefs Bernd Wilms begeben.
"Insgesamt eine kulturpolitische Pleite, die nicht ausschließlich ein
Berliner Problem darstellt. Sondern ein gesamtdeutsches. Denn was sich jetzt in
Berlin, an der Nahtstelle des einst geteilten Landes, manifestiert, ist Beleg
dafür, dass erst jetzt, 15 Jahre nach der Wiedervereinigung, der wirkliche
tiefe ideologische Graben zwischen Ost und West offenbar wird.
Christoph Hein ist in dieser Angelegenheit gewiss mehr Lamm als Wolf. Seine
Berufung zum Intendanten war in der Presse auf heftigste Kritik gestoßen. Seine
Fähigkeit, ein Haus zu führen, wurde bezweifelt, die mangelnde
Theatererfahrung ihm vorgeworfen. Nun könnte man sagen, dass der Dichter, indem
er den Ruf angenommen hatte, Opfer seiner eigenen Eitelkeit oder
Selbstüberschätzung geworden sei. Aber gerade das sind Eigenschaften, mit
denen es sich heute an Theatern trefflich Karriere machen lässt. Und nicht
jeder so genannte erfahrene Theatermann ist Garant dafür, ein Haus gut zu
führen. Nein, wer Christoph Hein, wie geschehen, schon zwei Jahre vor
Amtsantritt madig geschrieben hat, meinte weniger ihn selbst. Getroffen werden
sollte die Politik, sollte das rot-rote Berliner Bündnis, sollte PDS-Flierl.
Denn der Kultursenator hatte nicht zuletzt auch mit der Berufung Heins den
Verdacht genährt, alte Ost-Seilschaften wieder mit Pöstchen und Posten zu
versehen.
"Ich habe gedacht, man könnte es 15 Jahre nach der Wende doch mal
versuchen."
Christoph Hein
Ein Verdacht, der nicht zu Unrecht besteht -
siehe die jüngst, durchaus nicht reibungslos verlaufene Inthronisierung des
stasiverdächtigen Michael Schindhelm zum Oberaufseher über die Berliner
Opernhäuser. Und Hein handelte den Vorurteilen entsprechend, setzte auf die
alte Garde von einst, auf die Regisseure Alexander Lang bis Leander Haußmann.
Hein betreibe "Ostalgie" am ehemaligen DDR-Staatstheater, so der
Vorwurf.
Dabei hatten diese Kritiker vergessen, dass die vom Dichter berufenen Regisseure
genau jene waren, die sich noch zu DDR-Zeiten der Westen geholt hatte, um mit
ihnen ihre verstaubten Stadt- und Staatstheater wieder flott zu kriegen.
Christoph Heins Entschluss verdient Respekt. Er durfte sich nicht weiter von der
PDS politisch benutzen und in Misskredit bringen lassen. Die bejammernswerte
Berliner Kulturpolitik aber wird so zum Lehrbeispiel dafür, dass die Leute der
PDS ihre alten DDR-Plan- und Kaderspiele noch längst nicht aufgegeben haben. Um
es mit Brecht zu sagen:
"Der Schoß ist fruchtbar noch."
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © Münchner Merkur