Elke Heidenreich, 2007, Foto: Hans Weingartz, http://www.Hans-Weingartz.de

Elke Heidenreich
Quelle: Hans Weingartz
www.Hans-Weingartz.de

Elke Heidenreich zwischen Qual und Qualität
"Ein wunderbares Buch“ – kaum hatte Elke Heidenreich diesen Satz in ihrer Sendung „Lesen!“ ausgesprochen, ging das Buch schon tausendfach über die Ladentheke. Ein Gespräch mit der einstigen „Literaturpäpstin“ über aktuelle Bestseller.
Von Maren Schürmann in der WAZ, vom 1.7.2011:

Ich habe Ihnen die Bestseller-Liste mitgebracht. Was sagen Sie dazu?

Elke Heidenreich: Soll ich mal durchgehen? „Schutzpatron“, kenne ich nicht. Susan Elizabeth Philips – kenn ich nicht. Donna Leon ist immer ganz gut. Karen Rose, „Todesstoß“ – Quatsch. Carlos Ruiz Zafón hat mit „Schatten des Windes “ einen großen Erfolg gehabt, ob das noch mal daran anschließt, weiß ich nicht. Arno Geiger, habe ich schon zuhause liegen: „Der alte König in seinem Exil“ über die Demenz von seinem Vater – das will ich lesen. „House of Night“ – Quatsch. „Schändung“ – ich würde kein Buch lesen, das „Schändung“ heißt. Horst Evers: „Für Eile fehlt mir die Zeit“ – ist das nicht ein Sachbuch?

Klingt zwar so, ist es aber nicht.

Simon Beckett, „Verwesung“, würde ich wegtun. „Die Heilerin“ interessiert mich nicht. „Dampfnudelblues“ ist auch nichts, was ich lesen möchte, „Winterkartoffelknödel“ auch nicht. Fallada, Punkt 14, endlich haben sie mich, „Jeder stirbt für sich allein“, das kenne ich und das ist wunderbar. Siri Hustvedt auch, Alex Capus’ „Léon und Louise“ auch – schönes Buch. „Hummeldumm“ würde ich schon wieder nicht lesen. „Göttlich verdammt“ – Quatsch. Dora Heldt brauche ich nicht und Paulo Coelho würde ich unter Kitsch abhaken.

Ihr Fazit?

Eine entsetzliche Liste, man merkt, dass die Sendung „Lesen“ bitter fehlt. Es gibt wunderbare Bücher und keins davon ist hier drauf, sondern viel Schrott. Es werden viel zu viele Bücher produziert, die Hälfte könnte man wegschmeißen.

Produziert da nicht die Nachfrage das Angebot?

Mitunter, aber wenn man den Leuten nur Schrott vorsetzt, dann werden sie Schrott lesen. Man kann das ein bisschen steuern. Ich habe das mit „Lesen“ sechs Jahre lang gezeigt. Und das hier sind die Billigsachen, die in den Bahnhofsbuchhandlungen liegen. Und noch ein Vampirroman. Das liest man nie wieder.

Es fehlt die Hand, die leitet?

Es müsste jemand da sein, der mit Leidenschaft und Liebe und ohne zu schlau zu tun, über Bücher redet. Die wenigen Literatursendungen sind zu spät. Und nicht besonders gut gemacht, außer Denis Scheck, aber der ist auch verbannt auf halb 12 nachts. Und das Feuilleton bleibt weitgehend unter sich.

Und Sie würden den Leser gerne wieder leiten?

Ich würde das gerne wieder machen. Aber nicht unter den Bedingungen, unter denen ich es gemacht habe. Was soll so eine Sendung freitagnachts, wenn alle im Bett liegen?

Haben Sie Pläne, gibt es Gespräche mit Sendern?

Nein, mit dem ZDF nicht, das hat keinen Sinn. Die ARD ist eine föderalistische Anstalt, 16 Sender, die einigen sich nie, und die haben ja auch Denis Scheck. Ins Dritte will ich nicht, das reicht nicht. Zum Privaten gehe ich nicht, da müsste ich mich zu sehr arrangieren, mit der Werbung drum herum.

Damals hat Sie das ZDF rausgeschmissen, als sie öffentlich erklärt haben, Sie schämten sich, für diesen Sender zu arbeiten. Wie sehen Sie das aus heutiger Sicht, haben Sie einen Fehler gemacht?

Ach, ich hatte in der Sache ziemlich recht. Aber in der Form hätte ich mich diplomatischer verhalten können. Aber so wie ich in meiner Begeisterung bin, so bin ich halt auch in meinem Zorn. Ich habe dem ZDF geschrieben, es tut mir leid. Aber ich war auch sehr verärgert. Es war Oktober 2008 und ich hatte noch keinen Termin für 2009 und wir mussten planen. Dann ging es schneller als ich dachte. Hinterher tat es mir leid, denn es war eine schöne Sendung.

Und wenn das ZDF Sie jetzt fragen würde . . .

Nero Corleone kehrt zurück von Elke Heidenreich, 2011, HanserWird es nicht, da können Sie ganz sicher sein. Sie haben gerade einen neuen Literaturchef gekürt, der das ab Herbst selber machen will (Wolfgang Herles). Der fragt ganz sicher nicht nach einer Literatursendung. Ich hätte jetzt auch keine Zeit mehr, ich habe genug mit meiner Edition zu tun. Das sind wunderschöne Bücher über Musik. Leider verkaufen sie sich schlecht. Das macht mir großen Kummer. Bertelsmann ist ein Gemischtwarenladen mit 51 Verlagen, das habe ich vorher nicht bedacht. Sie behandeln mich gut, sie reden mir nicht rein, doch sie werben nicht. Wir brauchen jetzt mal einen Knaller.

Ein Knaller war Ihr erstes Buch über den Kater Nero, über eine Million Mal wurde es verkauft. Ist der zweite Band nun ein Kinder- oder ein Erwachsenenbuch?

Ich weiß es auch nicht. Nero Eins, das ist jetzt 16 Jahre her, war noch eher ein Kinderbuch. Ich hab es nie fortsetzen wollen. Aber dann habe ich so viele Briefe gekriegt: Was ist aus Nero geworden? Und letztes Jahr dachte ich, warum schreibst du nicht Teil Zwei? Und der ist nun doch mehr für Erwachsene. Vielleicht brauchen Kinder Erwachsenenbücher und Erwachsene Kinderbücher. Sie wollen groß sein und wir wieder klein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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