Elke Heidenreich (hf0907)Geschwätz von gestern.
Chapeau, Madame Heidenreich!
Von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS, 17.10.2008:

Chapeau, Madame Heidenreich! Es erfordert Mut, sich derart beherzt HINTER einen fahrenden Zug zu werfen, wie Sie zu Beginn dieser Woche. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erzählen Sie in breiter Ausführlichkeit, dass Sie eigentlich auch sehr gerne auf der Bühne gestanden wären, bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in Köln. Dass Sie ihm eigentlich gerne beigestanden wären, dem großen alten Mann Marcel Reich-Ranicki, der mit spontaner Wut die prämierten Sendungen als „Blödsinn“ verdammte. Oh ja, auch einem Fernsehprofi wie Ihnen, der seine Wirkung im Unterschied zu MRR nur diesem Medium zu verdanken hat, ist erst bei der Verleihung aufgegangen, „wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich“. Schon klar.

Sie hätten eigentlich die Lobrede auf den zu Ehrenden halten sollen, finden Sie. Nicht dieser Gottschalk mit seinen „paar lächerlichen, banalen und eher demütigenden Sätzen, die wohl die Laudatio sein sollten“. Weil Sie viel näher dran seien an Reich-Ranicki, viel mehr mit ihm zu tun hätten. Klar, wer sich ranschmeißt, der steht nahe. Ach hätten Sie doch reden dürfen, seufzen Sie, „es wäre etwas sehr Eisiges daraus geworden“ – ist es aber nicht.

Schmollende Hinterbänklerin

Ach hätten Sie doch in Reihe vier gesessen, klagen Sie (was Sie aber ausdrücklich auf keinen Fall wollten). Dann – oh ja, bestimmt – wären Sie auf die Bühne gestürmt und Reich-Ranicki beigesprungen und hätten gesagt: „Bitte lass dir das nicht bieten.“ Stattdessen saßen Sie schmollend ziemlich weit hinten im Publikum und dachten sich Ihren Teil. Dort ist Ihnen dann aufgegangen: „Er braucht mich nicht.“ Und das, immerhin, ist eine Erkenntnis.

Er braucht auch Ihren Unterstützungstext vom nächsten Tag nicht. Er braucht niemand, der versucht, ihn zu toppen, indem er die Veranstaltung „hirnlose Scheiße“ nennt (einen Ausdruck, den Reich-Ranicki nie verwenden würde). Der die Programmdirektoren und Intendanten (die Ihnen doch immerhin den Sendeplatz geben, auf dem Sie sich als Epigonin versuchen dürfen) als „verknöcherte Bürokarrieristen“ beschimpft, „die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso“.

Mitschwimmen im Kielwasser

Sie schämten sich, „in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten“, schreiben Sie. Und: „Von mir aus schmeißt mich jetzt raus. Ich bin des Kampfes eh müde.“ Sie könnten, wenn es so ernst ist, allerdings auch selber gehen. Stattdessen nahmen Sie schon am nächsten Tag in Stuttgart den Hans-Bausch-Medienpreis des SWR entgegen, gingen auf die Bühne und man hatte durchaus nicht den Eindruck, dass Ihnen der Auftritt zuwider war. Sie hätten den Preis ablehnen, Ihre Kritik am Fernsehen herausschimpfen, richtig auf den Putz hauen können. Aber Sie forderten die Fernsehverantwortlichen bloß dazu auf, Ihrer schwächelnden Sendung „Lesen!“ einen besseren Sendeplatz zu geben.

Ging es am Ende darum? Die eigene Quote hochzufahren? Mitzuschwimmen im Kielwasser des alten Schlachtschiffs MRR, um sich selbst ein paar Vorteile zu erbeuten? Ihre Erklärung in Stuttgart war eine küchenpsychologische: Manchmal, abends im Bett, dächten Sie bei sich: „Ach hätte ich doch die Klappe gehalten. Und dann wird es wieder hell.“ Wie gesagt, Chapeau! Es gehört Mut dazu, sich so gar nicht ums eigene Geschwätz von gestern zu scheren.

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