„In
der Wahrheit leben“: Zum Tod von
Václav Havel13 Jahre lang herrschte der „kleine König von Böhmen“, wie sie ihn liebevoll nannten, auf „seiner Burg“, dem Prager Hrádschin. Dann aber, am 2. Februar 2003, räumte Tschechiens Präsident Vaclav Havel unwiderruflich seinen Amtssitz. Gestern nun starb der Dichter-Politiker im Alter von 75 Jahren in einem Ferienhaus im Norden des Landes.
Dem
glanzvollen Beginn seiner Präsidentschaft nach dem Sieg der „samtenen
Revolution“ (1989) über das kommunistische Regime stand freilich am Ende
keineswegs eine strahlende Bilanz gegenüber. In Havels Amtszeit fiel die
Spaltung der Tschechoslowakei in die Tschechische und Slowakische Republik
(1993). Brüchig blieb auch Havels Versuch, zu einer stabilen Aussöhnung mit dem
deutschen Nachbarn zu kommen. Dabei stieß Havel immer wieder auf den Widerspruch
auch von Regierungsmitgliedern. Vaclav Havel indes, durch das Rauchen
gesundheitlich schwer angeschlagen, kehrte an den Schreibtisch des Dichters und
Dramatikers zurück – wie so viele aus der legendären Unterzeichnergruppe der
„Charta 77“, mit der die Prager Intellektuellen Menschenrechte gegen die
Allmacht der Kommunisten eingeklagt hatten. Im Oktober 1979 wurde er, damals 43
Jahre alt, zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, wegen „staatsfeindlicher
Tätigkeit“. Besuch darf er nur von seiner Ehefrau Olga („Briefe an Olga“) und
seinem Bruder empfangen. Wie soll der Einzelne fertigwerden mit der Erinnerung
an die Zeit im Gefängnis?
Der Dramatiker Havel suchte sich einen eigenen Weg, etwa in seinem Bühnenstück „Der Fehler“, das im Gefängnis spielt und dessen Dialoge die Verhörsprache und den zwischen den Häftlingen üblichen Slang wiedergeben. Zunächst aber interessierten sich Polizei und Geheimdienst der damaligen CSSR für Havel. Mit dem Beharren auf dem Anspruch, die Wahrheit zu sagen, die Diagnose der gesellschaftlichen Verhältnisse im Lande nicht durch Ergebenheitsadressen an Staat und Partei zu verharmlosen, hatte Havel die Prager Führung gegen sich aufgebracht. Nach dem Scheitern des Prager Frühlings im Sommer 1968 riss die Kette der Verfolgungen und Demütigungen nicht mehr ab. Es entstand jene düstere Atmosphäre, in der Havel ständig neuen Einschüchterungsversuchen und Haftstrafen unterworfen wurde. Dieser Scheinwelt versuchte er mit der Wirklichkeit des Theaters zu begegnen. Und dabei zeigte sich in seinen Stücken, dass die vom Dramatiker diagnostizierte Entfremdung nur aufgehoben werden kann, wenn das Individuum wieder Zutrauen zu sich selbst fasst.
Schlüsselthema von Havels Schauspielen – so sein langjähriger Freund und Lektor Jan Grossmann – wurde die „Mechanisierung des Menschen“. Es sind satirische Texte, die freilich auch immer wieder den Dialektiker Havel erkennen lassen. Etwa das 1965 uraufgeführte Stück „Die Benachrichtigung“. Hier geht es um eine unverständliche Sprache – „Ptydepe“, die in einer Behörde eingeführt wird, um die amtliche Korrespondenz zu präzisieren und ihre, wie es heißt, „Terminologie“ neu zu ordnen. Sprache als Herrschaftsmittel zur Abrichtung und Gängelung – für Havel stellte sich das Problem in besonderer Schärfe. Als Schriftsteller hatte er ein Gespür für die Funktion des öffentlichen Wortes in einer kollektiv organisierten Gesellschaft.
Havel, von „bourgeoiser Herkunft“ durfte nicht auf Gymnasium und Universität. Er musste sein Abitur auf einem Abendgymnasium nachmachen, ging zum Theater, war Bühnenarbeiter, Beleuchter, Regieassistent, Dramaturg. Und schließlich – seit Mitte der Sechzigerjahre – war er Hausautor. Der Durchbruch gelang ihm 1963 mit dem Theaterstück „Das Gartenfest“, einer bizarren Komödie zur Mechanisierung des Menschen in einer total verwalteten Welt. Damit erregte Havel auch die Aufmerksamkeit ausländischer Theaterleute. Im Westen lernte man zunächst den Dramatiker und erst später den Bürgerrechtler kennen.
Der Übergang vom Theater zur Politik hatte sich bei Havel aber schon früher angekündigt, als der Avantgarde-Autor vom Theater abgeschnitten, seine Karriere zerstört, für eine Zeit von insgesamt 21 Jahren zum Schweigen verurteilt wurde. Vaclav Havel hat in den drei Einaktern seiner „Vanek“-Trilogie wichtige Lebenserfahrungen seines Protagonisten zusammengefasst, der diesen „aufrechten Gang“ zu gehen versucht, das, was Havel „in der Wahrheit leben“ nennt. Es war die Verschränkung von persönlicher Erfahrung und theatralischer Ausdrucksfähigkeit, die den Autor Havel von vielen seiner Kollegen im Westen unterschied. Die tragikomische Darstellung absurder Lebensumstände spiegelte die Ohnmacht des Menschen – aber immer auch die Hoffnungen.
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