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Haslinger-Roman: Nahe am Verzweifeln
Interview: Der gebürtige Niederösterreicher
Josef Haslinger war selbst überrascht,
als er in die tschechoslowakische Nachkriegsgeschichte schaute.
Von Peter Pisa im Kurier,
Wien, 5.08.2011:
Das
sind zwei Gespenster, so lebendig können die gar nicht beschrieben sein:
Das eine Gespenst ist Verleger. Es nimmt uns von Wien mit in den tschechischen
Kurort Jáchymov (Joachimsthal). Das radioaktive Wasser im ehemaligen
Uranerzbergwerk könnte dem steifen Rückgrat guttun.
Dort trifft es das andere Gespenst. Eine Tänzerin, die nicht Heilung sucht,
sondern der Vernichtung nachspürt: die Stollen, in denen ihr Vater gequält
wurde. Denn nach dem Krieg hatten die Kommunisten in Jáchymov Lager errichtet,
nach Vorbild der Nazis.
Vor dem Tor stand: Durch Arbeit zur Freiheit. Der Apellplatz hieß Apel Plac.
1950!
Die Gespenster bleiben, bis man sich zornig die Frage stellt: Wieso hat denn
schon wieder niemand etwas "davon" gewusst?
Dann verschwinden Verleger und Tänzerin, abrupt, und es bleibt die wahre
Geschichte von Bohumil Modrý (1916 - 1963), der ein großer Sportler war. Ein
Star.
Der Tormann jenes Teams, das die Russen gelehrt hatte, wie man (schnelles
kanadisches) Eishockey spielt und dann zwei Mal Weltmeister wurde.
Dem Regime war's gewiss unangenehm wegen der Niederlagen der Russen. Unter dem
Vorwand, die Spieler wollten sich in den Westen absetzen, wurden mehrere
eingesperrt. Modrý, der studierte Bauingenieur, am längsten. Urteil: 15 Jahre.
Mit Händen musste er Uranerz schaufeln. Nach der Begnadigung war er tot.
Seine Tochter ist in Wirklichkeit Schauspielerin, nicht Tänzerin. Dass sie Vater
sehr geliebt hat, dass sie schweres Gepäck durch Leben trägt, kann man dem
genauen, eindrucksvoll bedrückenden Erzähler Josef Haslinger - Professor für
literarische Ästhetik in Leipzig - glauben; und ihm für "Jáchymov" überaus
dankbar sein.
KURIER : Gab es eine ähnlich zufällige
Begegnung zwischen Ihnen und Modrýs Tochter wie im Roman?
Josef Haslinger: Ich habe Blanka Modra
vor etwa 20 Jahren kennengelernt. Sie spielte in meinem Stück "Karfreitag, 1.
Mai", das damals in der "Kulisse" uraufgeführt wurde. Nach den Proben kamen wir
ins Gespräch, und schon damals erzählte sie mir vom Schicksal ihres Vaters.
Seither hat mich der Stoff nicht losgelassen.
Hätte einer Ihrer Schüler Modrýs Geschichte ohne die Hilfsmittel Verleger und
Tochter geschrieben - hätten Sie ihm eine Standpauke gehalten? Hätte es
scheitern müssen?
Standpauke? Es bleibt niemandem erspart, selbst herauszufinden, wie er zu
schreiben hat. Außerdem gibt es gelungene historische Romane. Mir persönlich war
freilich der gegenwärtige Blick auf das Geschehen sehr wichtig.
Der Verleger sagt sinngemäß, die Geschichte
müsse ein Buch werden, weil sie zeigt, was Europa ist ... die Tochter entgegnet,
es gehe ihr nur um ihren Vater. Ihnen ging es um beides?
Die Generation unserer Eltern war froh, mit viel historischem Glück der Diktatur
entwischt zu sein, und uns Kindern waren die autoritären Verhältnisse im
Elternhaus, im Internat, in der Schule näher als die Schikanen in den östlichen
Nachbarländern. Mag sein, dass auch unser Status als neutraler Staat die Bürger
ermuntert hat, nicht so genau hinzuschauen, schließlich schauten die Politiker
und Gewerkschafter ja auch nicht so genau hin. Wir haben die Teilung Europas mit
erstaunlicher Gelassenheit hingenommen.
Sie sind ja ein geschichtsbewusster und
-kundiger Mensch. Waren Sie trotzdem überrascht?
Mir war das Ausmaß der Zwangsarbeit in den Uranminen nicht bekannt. Ich habe den
für deutschsprachige Leser vielleicht etwas sperrigen Titel "Jáchymov" auch
deshalb gewählt, weil das Wort im ersten Jahrzehnt der tschechoslowakischen
Nachkriegsgeschichte zum Synonym für die brutale Behandlung politisch
Andersdenkender wurde. Sie wurden gleichsam der sowjetischen Atomindustrie
geopfert.
Ohne diesen Roman wäre der Prager Ing. Bohumil Modrý a) nur eine
Wikipedia-Eintragung oder/und b) völlig egal. Mit Josef Haslingers Buch wird er
geehrt, und wir sind nahe am Verzweifeln.
Wieder einmal.
KURIER-Wertung: ***** von *****[...diesen und weitere
Berichte finden Sie unter kurier.at]
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