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Autor
Lukas Hartmann über Glück und Glauben
Der Schweizer Autor Lukas
Hartmann schreibt seit den 80er Jahren Bücher für Erwachsene und Kinder,
historische Romane ebenso wie zeitgenössische.
Über seinen soeben erschienen Roman „Finsteres Glück“ spricht der 65-Jährige mit
WAZ-Redakteurin
Britta
Heidemann, 23.8.2010:
Herr Hartmann, Sie beschreiben in ihrem Roman einen tragischen Autounfall, der nach der totalen Sonnenfinsternis im Jahr 1999 geschah und die Familie des achtjährigen Yves vollständig auslöschte… Gab es ein reales Ereignis, das der Anlass war für den Roman?
Lukas Hartmann:Am Anfang stand eine Zeitungsnotiz, die berichtete von einem Unfall an diesem 11. August 1999, im Strom der vielen Tausend Heimkehrenden aus Süddeutschland und dem Elsass. Um diese Notiz herum, die meine Fantasie aktivierte, legten sich allmählich verschiedene Erlebnisse und verschmolzen zu dieser Geschichte.
Ihre Form des Erzählens ist sehr speziell, sie fügen verschiedene Textteile zusammen…
Hartmann:In Variationen habe ich das schon öfter gemacht; hier hat es sich aufgedrängt. Ich habe mich dazu entschieden, diesen Mittelteil über den Isenheimer Altar einzufügen, von dem ich wusste, dass er die Leser irritieren wird… Der Bezug zur Geschichte und Geschichtlichkeit, in der der Isenheimer Altar plötzlich aus einer Entfernung von 500 Jahren in unsere Zeit hineinleuchten kann, rückt die Ereignisse in ein anderes Licht.
Sind Sie religiös?
Hartmann:Nicht im eigentlichen Sinn, ich würde mich als suchenden Menschen bezeichnen. Für mich ist es wichtig, mich als Teil eines Ganzen zu sehen. In meinem Buch wird der Isenheimer Altar nicht gezeigt als christliches Hauptwerk – was mich fasziniert hat, ist, dass dieses Werk elementaren Fragen der menschlichen Existenz aufwirft. Der Ausdruck von Schmerz und die Hoffnung, von Schmerz erlöst zu werden, das ist ja nicht nur eine christliche Hoffnung.
Sie sind darin Ihrer Hauptfigur ähnlich, die ja ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis zur Religion hat.
Hartmann: Das stimmt. Eine andere Figur, der ich mich nahe fühle, ist der Junge selbst. Ich kann mich sehr gut zurückerinnern an die Verlassenheitsängste meiner Kindheit. Dies so weit zu treiben, wie ich es in meinem Buch mache, das führt einen ganz zu sich selbst. Diese Schwärze der Verlassenheit, das kennen doch sehr viele, denke ich, in unterschiedlichen Graden. Dazu kam, dass ich in den letzten Jahren zwei mir sehr nahe stehende Menschen in den Tod begleitet habe, das hat den Impuls verstärkt, mich mit dieser Grenze auseinanderzusetzen.
Ich hatte den Eindruck, Ihr Buch wäre auch ein Kommentar zur Situation heutiger Familienverbünde…
Hartmann:Ja.. Es sind ja eigentlich zwei Familiengeschichten. Eine würde man im heutigen Vokabular als dysfunktional bezeichnen, die andere als unvollständig, als Patchworkfamilie. Das sind zwei Familienmuster, die sich in der heutigen Gesellschaft sehr häufig zeigen. Mich hat zudem interessiert, im Schreibprozess herauszufinden, wie eine Patchworkfamilie bei allen Schwierigkeiten doch funktionieren kann. Eine überforderte Psychologin mit zwei nicht einfachen Töchtern von zwei Männern, dazu ihr Ex-Mann – die können sich aber eben doch verbünden. Und dazu beitragen, dass der Junge ganz schreckliche Dinge besser übersteht. Das ist eine Kraft, die auch ein solcher Familienverband aufbringen kann.
Sie schreiben auch Kinderbücher - inwieweit hat Ihnen das geholfen, sich in die Psyche des Jungen einzufinden?
Hartmann:Das hat auf jeden Fall geholfen. Ich habe mich immer wieder mit der kindlichen Psyche beschäftigt. Meine eigenen drei Kinder sind ja erwachsen, aber ich habe immer wieder sehr Anteil genommen an Kindern in meiner Nähe. Ich bin viel in Schulzimmern, spreche mit Kindern. Das ist für mich eine kreative Quelle.
Beim Lesen des Buches habe ich mich gefragt, ob ein Erwachsener die Auslöschung seiner ganzen Familie überleben könnte, so wie der Junge es ja doch schafft.
Hartmann:In Kriegsgebieten passiert das täglich, auch nach großen Katastrophen – es fragt sich dann, wie jemand überlebt. Ob er nur als Hülle existiert oder seine Gefühle wieder zum Leben erwachen können. Da zeigt die Forschung tatsächlich, dass Kinder, die sich in einer Beziehung wieder geborgen fühlen können, große Chancen haben, weiterzuleben.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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