Langweiler und Genies
Bestseller-Autor Robert Harris über Politik und Macht
Von Juliane Lutz in den Nürnberger Nachrichten vom 11.12.2006:

„Robert Harris ist ein Genie“ titelte die britische Sunday Times einmal. Schreiben kann der 1957 in Nottingham geborene Ex-Journalist auf jeden Fall bestens. Seit dem großen Erfolg seines ersten Romans „Vaterland“ reiht sich Bestseller an Bestseller, die zum Teil auch verfilmt wurden. Nach „Pompeji“ hat er sich in seinem aktuellen Buch „Imperium“ (Heyne) wieder der Antike zugewandt: Dieses Mal widmet er sich dem Leben des Philosophen, Redners und Politikers Cicero. Der promovierte Cambridge-Absolvent lebt mit seiner Frau - der Schwester von Nick Hornby - und vier Kindern in Berkshire.

Herr Harris, woher rührt Ihr Interesse für die Antike?

Robert Harris: Das Leben war damals sehr intensiv. Und man entdeckt gewisse Parallelen zur heutigen Zeit. Das finde ich sehr reizvoll.

Sie sagten einmal, „Imperium“ wäre Ihr persönlichstes Buch. Warum?

Harris: Politik ist für mich das Spannendste überhaupt und ich habe lange nach einer Möglichkeit gesucht, dieses Interesse auszudrücken. Irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich meine Leidenschaft in einem Roman über die römische Republik verarbeiten könnte. In meiner Karriere als Journalist habe ich viel über Politiker geschrieben und viel Zeit mit ihnen verbracht. Dieses Wissen ist in „Imperium“ eingeflossen.

Während andere Jungs auf den Fußballplatz gingen, schauten Sie sich als Teenager lieber politische TV-Debatten an. Warum sind Sie nicht selbst in die Politik gegangen?

Harris: Weil ich immer schreiben wollte. Politik fasziniert mich sehr, aber ich wollte nie ein Amt übernehmen. Mich interessieren vielmehr die Persönlichkeiten der Politiker, die Höhen und Tiefen im politischen Geschäft und das ganze Drama, das damit verbunden ist. Überhaupt: Verglichen mit der Zeit von Cicero ist die Politik heute sehr langweilig. Es fehlt an Leidenschaft und Stil. Damals ging jeder, der Talent hatte, in die Politik. Heute ist es umgekehrt: Wer fähig ist, wird bestimmt nicht Politiker.

Warum zog es im antiken Rom alle Talente in den Senat?

Harris: Nur als Politiker konnte man sich einen Namen machen und berühmt werden. Damals gab es ja noch keine Popstars wie heute. In der Politik konnte man Ruhm und Macht erlangen. Darum ging es und keiner hätte sich dafür entschuldigt. Macht ist noch immer der Antrieb, in die Politik zu gehen, aber heute würde das kein Politiker mehr zugeben. Das war auch ein Grund für mich, dieses Buch zu schreiben.

Aus Ihrer Zeit als politischer Kolumnist kennen Sie sehr viele englische Politiker aus nächster Nähe. Wer kommt nach Tony Blair?

Harris: Ich nehme an, dass Gordon Brown Premierminister wird. Aber der ist verwundbar.

Warum? Weil er sich nicht so gut in Szene setzen kann wie Tony Blair?

Harris: Brown gilt als verschroben. Er ist hochintelligent, aber seltsam im Umgang mit Menschen. Es heißt, er wäre sehr nachtragend. Mit Zahlen kann er sehr gut arbeiten, aber was die kommunikativen Fähigkeiten angeht, kann er Tony Blair nicht das Wasser reichen.

Wird sich die englische Politik nach Blair verändern?

Harris: Nein. Es ist ja seit langem ein bestimmter Kurs vorgegeben. Die Revolution fand in England in den 1980er Jahren statt. Alles was danach kam, diente nur der Konsolidierung. Der Raum für politische Manöver ist also sehr eng. Vielleicht erklärt das auch, warum sich heute nur noch wenige Leute für Politik interessieren. Mein aktuelles Buch handelt von politischen Genies wie Caesar oder Cicero. Und was haben die letztendlich gebracht? Zerstörung, Chaos und Bürgerkrieg. Vielleicht ist es ganz gut, dass heute nur noch Langweiler in die Politik gehen. Die führen ein Land wenigstens nicht in den Untergang, sondern versuchen einfach, den Alltag am Laufen zu erhalten.

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