Das Ende aller Imperien
"Pompeji": Gespräch mit
Bestsellerautor Robert
Harris
Von Rüdiger
Suchsland aus dem Münchner
Merkur, 25.2.2004:
Der frühere britische Journalist Robert Harris, geb. 1957, wurde durch seinen Roman "Vaterland" (1992) weltweit bekannt. Nach "Enigma" (1995) und "Aurora" (1998) erschien nun sein viertes Werk: "Pompeji". In einer rasanten Mischung aus historischen Fakten und Fiktion schildert Harris die Tage des Untergangs von Pompeji durch einen gewaltigen Ausbruch des Vesuvs (79 n.Chr.).
Zugleich taucht der Autor ein in die Welt der
Reichen und Schönen des antiken Rom. Auf der Höhe seiner Macht prägen
Korruption und Dekadenz das Leben im Kaiserreich. Der Held des Buches ist der
aus Rom entsandte Wasserbaumeister Attilius, der versucht, die mächtige
Wasserleitung in Süditalien, die "Aqua Augusta", zu reparieren, und
in die Wirren einer unvorstellbar großen Katastrophe gerät. Die Schilderung
der römischen Welt weist dabei verblüffende Parallelen zur Gegenwart der USA
auf.
"Man schreibt über unser eigenes Fundament." Robert Harris
Fiel es Ihnen - nach drei Romanen, die im 20.
Jahrhundert angesiedelt sind - sehr schwer, eine Geschichte in der Antike
spielen zu lassen?
Harris: Allerdings! Es war nicht so einfach, diese Welt
authentisch erscheinen zu lassen. Aber ich hatte eine Perspektive, die sich auf
die Parallelen zwischen antiker und moderne Welt konzentrierte, die diese
Ähnlichkeiten betonte. Dadurch erscheint diese Welt relativ modern. Was mir an
den Römern gefällt: Man schreibt über unser eigenes Fundament. Die Strukturen
und die Moral sind etwas übersichtlicher und einfacher, aber da fing doch alles
an.
Ihr Buch parallelisiert zwei Imperien, das römische und das amerikanische, und
beschreibt eine Katastrophe. Worin besteht für Sie die Aktualität von
"Pompeji"?
Harris: Zivilisation - das ist ein ständiger Kampf gegen die
Natur. Die Geschichte des Vulkanausbruchs erzählt davon, wie dieser Kampf in
einem bestimmten Moment radikal verloren wird. Das erinnert uns daran, dass
alles Menschenwerk eines Tages wieder verschwinden wird - einschließlich,
fürchte ich, des amerikanischen Empire. Alle Imperien gehen zu Ende -
vielleicht gerade dann, wenn sie am mächtigsten erscheinen. Die Probleme kommen
immer von innen. Es ist schwer, alle eigenen Kräfte zu kontrollieren.
Zivilisation heißt nicht nur Technik, sondern auch Menschenrechte, Moral.
Müssen wir auch auf dieser Ebene ständig gegen die Natur ankämpfen?
Harris: Das "Tier in uns" ist zweifellos ziemlich
stark. Wir tendieren dazu,die Römer für grausam zu halten, für
vergleichsweise primitiv, nicht besonders ethisch. Aber sie produzierten nie
eine Hiroshima-Bombe oder ein Auschwitz. Das interessiert mich an ihnen. Es ist
einfach, sich ihnen überlegen zu fühlen, aber ich denke, wir sind es nicht.
Worin bestehen Ihrer Ansicht nach die Parallelen zwischen Rom und unserer Zeit?
Harris: Es gibt zumindest starke Ähnlichkeiten zwischen dem
Rom der damaligen Zeit und den heutigen USA. Die sind auch eine Plutokratie,
Geld bestimmt alles - etwa jetzt die Präsidentenwahlen. Und die Geldnot: Der
Staatsbankrott war in Rom ständige Drohung - wie in den USA. Die Verhältnisse
sind von wenigen Familien dominiert - auch wenn es sich formal um eine
Demokratie handelt: zwei Bushs in einem Jahrzehnt, bald vielleicht Frau Clinton.
Schließlich können wir auch in unserer öffentlichen Kultur Anzeichen einer
römischen Dekadenz entdecken. Die USA haben übrigens diese Parallelen schon
seit der Revolution vor über 200 Jahren gesehen - allerdings nicht alle.
(lacht)
Wie haben Sie an dem Stoff gearbeitet?
Harris: Ich habe viel gelesen. Historische Arbeiten, auch die
Werke von Plinius, um ein Gefühl für die Zeit zu bekommen. Ich habe mir die
Ruinen Pompejis genau angesehen. Am Anfang steht erst einmal eine vage Idee, ein
Interesse an Situationen. Und die Figuren müssen mich beim Schreiben
überraschen - sonst wären sie tot. Die eigentliche Kunst besteht dann darin,
den Stoff "einzudicken". Ich mag keine überflüssigen Längen - ein
Buch ist auch eine Frage der erzählerischen Ökonomie.
Wenn Sie selbst Zeitreisen unternehmen könnten: Wohin würden sie führen?
Harris: Es wäre toll, Rom zu sehen. Aber wenn ich dort mein
ganzes Leben verbringen müsste, dann wäre ich gern ein britischer Gentleman
von angemessenem Reichtum im Viktorianischen Zeitalter oder im 18. Jahrhundert.
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