Peter Handke, 2007, ©Foto: Marko Lipus

Peter Handke, Foto: Marko Lipus
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Geburtstag eines innerlichen Außenseiters
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 6.12.2007:

Für jemanden, dem so viele Provokationen gelungen sind, der so viel Krawall ausgelöst hat, ist Peter Handke überraschend charmant, freundlich, höflich, sobald man ihm mal persönlich begegnet. Aber so ist das: Klischees passen am wenigsten auf Handke, Klischees packt er sich, um damit über den Intellektuellen-Stammtischen herumzufuchteln.

Das Widerständige ist das Leitmotiv seines Lebens, ein Leidmotiv auch. Aber wer schon mit einer sprichwörtlichen "Publikumsbeschimpfung" die Theaterbühne entert, wer als Neuling den Altvorderen von der Gruppe 47 "Beschreibungsimpotenz" vor den Kopf knallt, der darf sich auch mit einer gewissen Konsequenz die Ehrenrettung des pauschal verdammten Serbien auf die Fahne schreiben.

Warum tut er das?

Warum er das tut, bleibt ein Rätsel. Die Art und Weise, wie er es tut, mit einer großen Portion Sentiment und Schwarz-Weiß, lässt vermuten, dass die Gründe weit zurückliegen. Die triste, ärmliche Kindheit im dörflichen Kärnten, die slowenischen Wurzeln, die Mutter, die als Stubenmädchen arbeitet, ihr Mann, der sie schlägt, der trinkt und nicht sein Vater ist, wie Handke kurz vorm Abitur erfährt - all das lässt er nur scheinbar hinter sich, als er 1961 zum Jurastudium nach Graz geht. Vier Jahre später macht der Suhrkamp Verlag aus seinem Manuskript "Die Hornissen" ein Buch und ihn zum Autor. Dass die Mutter sich 1971 das Leben nimmt, lässt er nicht hinter sich, er schreibt das "Wunschlose Unglück". Da ist er längst der langhaarige Rebell in der deutschen Literatur. Später wird er immer weniger Schriftsteller sein und immer mehr den Dichter kultivieren. Er pflegt einen priesterlichen Ton, Botho Strauß nicht unähnlich, und mitunter wird es, vom dickleibigen Roman "Mein Jahr in der Niemandsbucht" bis zum Theaterstück "Die Fahrt im Einbaum", arg schwurbelig. Der beste Handke dürfte der Reiseschriftsteller sein, der mit wenigen, skizzenhaften Federstrichen Atmosphären und Geschichten so lebendig heraufbeschwört, wie es nur wenige können.
Schon deshalb hätte er den Düsseldorfer Heine-Preis verdient gehabt, um den sich im Sommer 2006 eine würdelose Lokalposse entwickelte, die den Preis nachhaltig beschädigte. Immerhin, es wäre ja auch fast ruhig geworden um Peter Handke, der noch nicht so genau weiß, wie das wird mit 65: "Ja man fühlt sich... Wie heißt das? Befristet", sagte er jüngst in einem Interview, "das Alter macht doch zunehmend Bedenken." Nicht, dass er sich am Ende noch zum Leisetreter entwickelt... (JD/NRZ)

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