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Das Handke-Verbot
und die Zensur
Was zählt: Werk oder Künstler? Beispiele
aus Paris und München
Von Sabine Dultz aus dem Münchner
Merkur, 06.05.2006:
Hat ein Theaterchef das Recht, ein geplantes Stück aus dem Spielplan zu nehmen, weil ihm die politische Meinung des Autors missfällt? Gemeint ist hier die persönliche Haltung des Autors, nicht die Aussage seines Stücks. Die Frage ist, ob nicht konsequent Werk und Schöpfer getrennt voneinander zu beurteilen sind. Denn: Das Kunstwerk spricht für sich. Niemand würde doch, weil der Maler wegen Mordes gesucht wurde, ein Caravaggio-Gemälde entfernen.
In Frankreich schlagen derzeit die Wellen hoch.
Es wird gestritten um Peter
Handke und sein Stück "Spiel vom Fragen oder Die Reise ins sonore
Land", das vor wenigen Jahren auch im Münchner Residenztheater zu sehen
war. Der Text des Dichters ist in keiner Weise verdächtig. Aber der Dichter
selbst. So jedenfalls befand jetzt Marcel Bozonnet (62), der Chef der Pariser
Comédie Française.
Eine Zeitungsnotiz über Peter Handkes Rede beim Begräbnis des ehemaligen
jugoslawischen Präsidenten Milosevic im März habe ihm die grauenvollen Bilder
von der "ethnischen Säuberung" im Bosnien-Krieg in Erinnerung
gerufen. "Über Wochen hinweg bin ich wieder in diesen Horror
eingetaucht", so der Theatermann. Dann entschied er, das Handke-Drama aus
dem Spielplan für 2007 zu streichen. Nun wird Bozonnet mit Zensur-Vorwürfen
beidseits des Rheins überhäuft. Dabei ging es dem Theaterintendanten nicht um
den Inhalt des Stücks, sondern um Handkes politische Haltung.
"Es ist verboten, Handke zu verbieten": Mit diesem Satz machte am
Freitag der Gründer des Internationalen Parlaments der Schriftsteller (IPW),
Christian Salmon, seiner Empörung über die Absetzung des Stücks "aus
politischen und ideologischen Gründen" Luft. Aufgabe eines Theaters sei
es, ein Ort der Offenheit zu sein. An den Comédie-Chef gerichtet: "Sie
haben nicht das Recht, Handke zu verbieten." Bozonnet, der ehemalige
Schauspieler, wehrt sich theatralisch: "Es war für mich unmöglich, diese
Person in meinem Theater zu empfangen, denn das ist immer ein Akt der
Anerkennung und der Liebe."
Das Stück ist abgesetzt, und die Grenze zwischen Literatur und Politik wird
weiter ausgelotet. Bozonnet will sich im Sommer als Intendant der Wiederwahl
stellen.
Dieser Fall ist nicht einmalig. Ohne so viel Aufhebens zu machen, hat sich
Ähnliches auch in München ereignet. Als Dramatiker Peter
Hacks in Ost-Berlin öffentlich Beifall klatschte zur Ausweisung Wolf
Biermanns und scharfe Kritik an jenen furchtlosen DDR-Künstlern übte, die
sich mit Biermann solidarisch erklärt hatten, nahm der damalige Intendant der
Münchner Kammerspiele, Hans-Reinhard Müller, im Sommer 1978 empört Hacks'
"Gespräch im Hause Stein . . ." aus dem Repertoire. Und es gingen
auch die Münchner Bühnen zu den Werken Ludwig
Thomas auf Distanz, als dessen antisemitische Zeitungs-Ausfälle bekannt
wurden.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
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