Peter Handke, 2007, ©Foto: Marko Lipus

Peter Handke, Foto: Marko Lipus
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Das Handke-Verbot und die Zensur
Was zählt: Werk oder Künstler? Beispiele aus Paris und München

Von Sabine Dultz aus dem Münchner Merkur, 06.05.2006:

Hat ein Theaterchef das Recht, ein geplantes Stück aus dem Spielplan zu nehmen, weil ihm die politische Meinung des Autors missfällt? Gemeint ist hier die persönliche Haltung des Autors, nicht die Aussage seines Stücks. Die Frage ist, ob nicht konsequent Werk und Schöpfer getrennt voneinander zu beurteilen sind. Denn: Das Kunstwerk spricht für sich. Niemand würde doch, weil der Maler wegen Mordes gesucht wurde, ein Caravaggio-Gemälde entfernen.

In Frankreich schlagen derzeit die Wellen hoch. Es wird gestritten um Peter Handke und sein Stück "Spiel vom Fragen oder Die Reise ins sonore Land", das vor wenigen Jahren auch im Münchner Residenztheater zu sehen war. Der Text des Dichters ist in keiner Weise verdächtig. Aber der Dichter selbst. So jedenfalls befand jetzt Marcel Bozonnet (62), der Chef der Pariser Comédie Française.

Eine Zeitungsnotiz über Peter Handkes Rede beim Begräbnis des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Milosevic im März habe ihm die grauenvollen Bilder von der "ethnischen Säuberung" im Bosnien-Krieg in Erinnerung gerufen. "Über Wochen hinweg bin ich wieder in diesen Horror eingetaucht", so der Theatermann. Dann entschied er, das Handke-Drama aus dem Spielplan für 2007 zu streichen. Nun wird Bozonnet mit Zensur-Vorwürfen beidseits des Rheins überhäuft. Dabei ging es dem Theaterintendanten nicht um den Inhalt des Stücks, sondern um Handkes politische Haltung.

"Es ist verboten, Handke zu verbieten": Mit diesem Satz machte am Freitag der Gründer des Internationalen Parlaments der Schriftsteller (IPW), Christian Salmon, seiner Empörung über die Absetzung des Stücks "aus politischen und ideologischen Gründen" Luft. Aufgabe eines Theaters sei es, ein Ort der Offenheit zu sein. An den Comédie-Chef gerichtet: "Sie haben nicht das Recht, Handke zu verbieten." Bozonnet, der ehemalige Schauspieler, wehrt sich theatralisch: "Es war für mich unmöglich, diese Person in meinem Theater zu empfangen, denn das ist immer ein Akt der Anerkennung und der Liebe."

Das Stück ist abgesetzt, und die Grenze zwischen Literatur und Politik wird weiter ausgelotet. Bozonnet will sich im Sommer als Intendant der Wiederwahl stellen.

Dieser Fall ist nicht einmalig. Ohne so viel Aufhebens zu machen, hat sich Ähnliches auch in München ereignet. Als Dramatiker Peter Hacks in Ost-Berlin öffentlich Beifall klatschte zur Ausweisung Wolf Biermanns und scharfe Kritik an jenen furchtlosen DDR-Künstlern übte, die sich mit Biermann solidarisch erklärt hatten, nahm der damalige Intendant der Münchner Kammerspiele, Hans-Reinhard Müller, im Sommer 1978 empört Hacks' "Gespräch im Hause Stein . . ." aus dem Repertoire. Und es gingen auch die Münchner Bühnen zu den Werken Ludwig Thomas auf Distanz, als dessen antisemitische Zeitungs-Ausfälle bekannt wurden.

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