Peter Härtling, 1998, Foto: Anita Schiffer-Fuchs, www.poklekowski.de

Peter Härtling
Foto: Anita Schiffer-Fuchs

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Er liebte die Zerrissenen
Und die Kinder liebten ihn: Der große Roman- und Jugendbuchautor, der Lyriker und Essayist Peter Härtling ist im Alter von 83 Jahren gestorben.

Von Jens Dirksen in der NRZ vom 11.07.2017:

Wer ihn erlebte, wenn er las, vor Kindern, für Kinder, wie diese Kinder erst an seinen Lippen und dann an seiner Jacke hingen, ahnte, dass die Kindernasen den Teddy in Peter Härtling gewittert haben. Dem Umstand allerdings, dass Peter Härtling selbst immer wieder gegen diesen Verdacht anschrieb, haben wir einige der besten Romane der Nachkriegszeit zu verdanken, neben einem Regal voller kluger, warmer Kinderbücher.

Das wiederum hat wohl verhindert, dass der vielfach ausgezeichnete Peter Härtling je einen der großen Literaturpreise des Landes bekam. Zu viele Talente sind nicht gut für die Vermarktung, zumal Härtling ja zuerst mit Gedichten an die Öffentlichkeit getreten war und darin zum eigenen, subtilen Ton fand.

Der Romancier Härtling wiederum liebte die zerrissenen Figuren, unter den Dichtern, unter Komponisten. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war so etwas wie seine geistige Heimat. Mit dem melancholischen Dichter und Amerikaheimkehrer Lenau begann Härtlings Roman-Karriere, in einer ästhetisch balancierten Mischung aus Biografie, Collage und Roman, die stilbildend für seine Lebensgeschichten wurde.

Es folgten Bücher über das Wahnsinns-Genie Hölderlin, den vom Leben geknickten Mörike und den viel zu unbekannt gebliebenen Wilhelm Waiblinger; aber auch über Komponisten wie Schubert, den jungen Mozart, den alten Verdi oder die Menschen im Schatten von Robert Schumann.

Das ausgestellte Kind von Peter Härtling, 2007, Kiepenheuer & WitschHärtling, 1933 in Chemnitz geboren, wurde in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, die 1946 seinen Vater und dann, durch Freitod, seine Mutter das Leben kosteten, nach Nürtingen verschlagen. Der Krieg, erinnerte sich Härtling, habe ihm die „Nichtigkeit“ seines Ichs vor Augen geführt; daher rühre seine „Sehnsucht, in ein anderes Wesen zu schlüpfen“. Im Schwäbischen jedenfalls, in der kleinen Bürgerlichkeit, in der aus hoher Bildung oft tiefe Melancholie wird, wurde Härtling geprägt.

Von hier aus kreisen seine Romane um die Erinnerung, um das Scheitern von Künstlern im wirklichen Leben, deren Kunst zum Widerstand wurde und am Anspruch eines gelingenden Lebens, einer Gesellschaft von Freien und Gleichen festhielt. Härtlings Kunst lag darin, das zum Fundament seiner großen Bücher für die Kleinen zu machen: „Ben liebt Anna“, „Das war der Hirbel“,,,Theo haut ab“. Sie sind getragen von praktischer Ethik, der es um Abbau von Vorurteilen ging, um Toleranz und Solidarität, Kritikfähigkeit und selbstverantwortliches Handeln, um die Erziehung zu Mündigkeit und Demokratie. Härtling bekam von Jugendlichen und Kindern Berge von Post, die er stets selbst beantwortete, mit Hilfe seiner Frau.

Er war ein engagierter Rüstungs- und Atomkraftgegner und ein denkender Schriftsteller, für den die Gestaltung von Literatur auch Aussage war. Seine Poetik-Vorlesungen und Essays zeugen vom unaufhörlichen Nachdenken darüber. Gelegentlich führte es Härtling in die Irre, wie in seinem Buch über Fanny Mendelssohn, das sich spreizt zwischen Faktenfülle und dick aufgetragener Einfühlung. Häufiger aber brachte Härtlings Arbeitsweise Meisterwerke wie die Novelle „Das ausgestellte Kind“ über den jungen Mozart hervor.

Mit Peter Härtling, der nach über 60 Schaffensjahren gestern einer kurzen schweren Erkrankung in Rüsselsheim erlegen ist, starb ein Großer der Deutschen Nachkriegsliteratur, in dessen Herz viele und vieles Platz hatten.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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