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1.) - 3.)

Slowenischer Widerstand in Kärnten
Maja Haderlap aus Klagenfurt hat mit dem Roman „Engel des Vergessens“ den diesjährigen, mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Ihr herausragender Text thematisiert den slowenischen Widerstand in Kärnten gegen die nationalsozialistische Unterdrückung und die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.
Besprechung von Harald Loch in der NRZ vom 11.07.2011:

Maja Haderlap aus Klagenfurt hat den diesjährigen, mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Ihr herausragender Text thematisiert den slowenischen Widerstand in Kärnten gegen die nationalsozialistische Unterdrückung und die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Engel des Vergessens von Maja Haderlap, 2011, WallsteinDie Autorin ist im südlichsten Ort Österreichs geboren, in Bad Eisenkappel oder, wie es auf dem zweisprachigen Ortseingangsschild auch steht, in Železna Kapla. Heute lebt sie in Klagenfurt, wo sie 15 Jahre lang Chefdramaturgin am Stadttheater war; bei ihrem Gewinner-Text handelt sich um einen Auszug aus dem Roman „Engel des Vergessens“, einen bewegenden Text über den slowenischen Widerstand gegen den deutsch-österreichischen Naziterror während des Zweiten Weltkrieges, der heute bei Wallstein erscheint. Er ist aus der Perspektive eines etwa zwölfjährigen Kindes erzählt.

Der zweitwichtigste Preis (10 000 Euro) ging an Steffen Popp, 1978 in Greifswald geboren Seine poetische „Spur einer Dorfgeschichte“ führt als Prosagedicht in ein verlassenes Dorf in Mecklenburg. Dritte wurde Nina Bußmann, die den 3sat-Preis (7 500 Euro), die 1980 in Frankfurt/Main geboren ist und einen Auszug aus ihrem im nächsten Jahr bei Suhrkamp erscheinenden Roman „Große Ferien“ las, der im Schulmilieu spielt.

Der Ernst-Willner-Preis mit 7000 Euro ging an Leif Randt (Jg. 1983) für einen Auszug aus dem ironischen Lifestyle-Roman „Schimmernder Dunst über CobyCounty“, der in zwei Wochen im Berlin Verlag erscheint. Der per Internetabstimmung ermittelte Publikumspreis-Träger wurde mit großer Mehrheit Thomas Klupp (Jg. 1977). Sein Romanauszug „9to5 Hardcore“ bot eine sehr witzige Satire auf den Universitätsbetrieb.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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2.)

Bachmann-Preis an Maja Haderlap
Nach Jahren wieder ein österreichischer Sieg: Maja Haderlap, 50, ließ sich viel Zeit für ihre Geschichten mit Geschichte.
Von Peter Pisa aus Kurier, Wien, vom 11.7.2011:

Engel des Vergessens von Maja Haderlap, 2011, WallsteinDer deutsche Wallstein Verlag hat Stress. Gesunden Stress. Er muss ganz schnell Aufkleber für Maja Haderlaps bereits fertiges Buch "Engel des Vergessens" drucken lassen. Schon in den nächsten Tagen soll der Roman in den Handel kommen.

Mit Aufklebern, auf denen groß steht: "Bachmann-Preis 2011". Die 50-Jährige hat am Sonntag das Wettlesen gewonnen. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis bleibt sozusagen erstmals seit 2002 (Peter Glaser, geboren in Graz, aber nach Berlin ausgewandert ) bzw. 1995 (Franzobel) in Österreich.

Er bleibt sogar in Kärnten: Maja Haderlap wurde in Bad Eisenkappel/Zelesna kapla geboren. Ihre Erstsprache (und "meine Affektsprache") ist das Slowenische. Lyrik, mit der sie bekannt wurde, schrieb sie auf Slowenisch.

Pflücken

Unter der Intendanz von Dietmar Pflegerl war sie 15 Jahre Chefdramaturgin im Stadttheater Klagenfurt. Dann war "es" reif genug. Dann musste "es" geschrieben werden. Gepflückt. Maja Haderlap: "Ich kenne die Geschichten zeit meines Lebens. Sie haben mich immer beschäftigt. Man braucht emotionale Kraft, um sie zu schreiben. Deshalb hat es gedauert."
Der Text namens "Im Kessel", den sie vorlas, ist Bestandteil des Romans "Engel des Vergessens". Ein Waldspaziergang. Vater mit Tochter. Ganz ruhig. Ohne Hast. Der Wald ist eine historische Landschaft.

Unaufdringlich schreibt die Kärntnerin die alte, aber vor allem im Grenzland noch immer lebendige Geschichte durch Geschichten. Der Zweite Weltkrieg. Die Partisanenkämpfe. Die Verfolgung der Slowenen durch die Gestapo. Das Konzentrationslager. Ein Zitat: "In den Wald zu gehen bedeutet in unserer Sprache nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heißt auch, wie immer erzählt wird, sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem Hinterhalt anzugreifen."

Jurorin Daniela Strigl hatte sie für den Bewerb vorgeschlagen. Das Publikum applaudierte lange. Die Kritiker fanden in den Schilderungen des Waldes Parallelen zu Stifter. Der "gemächliche Rhythmus" fand Lob, das "makellos Nostalgische". "Ich schreibe die Erzählungen der anderen", ist Maja Haderlaps bescheidene Antwort, wenn man sie lobt.

Es gab bei diesem 35. Wettbewerb nie einheitliches Lob. Auch bei der Siegerin nicht. Die Entscheidung war knapp. Was der eine Teil der Jury "lustig" fand, empfand der andere als "witzlos". Wohl deshalb hat Jury-Vorsitzender Burkhard Spinnen am Ende gesagt, Demut empfehle sich, wenn man sieht, "wie Überzeugungen, die Granitblöcke waren, zu Sand zerrieben werden. Kaum ein Text, der nicht verschieden aufgefasst und kommentiert wird."

Dem Publikum gefiel Porno

Jury-Vorsitzender Burkhard Spinnen hatte am Sonntag noch mehrmals zu gratulieren: Den zweiten Preis holte sich der Deutsche Steffen Popp, der wie Haderlap aus der Lyrik kommt. Er bekam den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis für die bruchstückhafte Geschichte einer Spurensuche in einem thüringischen Dorf.

Der 3sat -Preis (7500 Euro) ging an die junge Frankfurterin Nina Bußmann - für einen Romanauszug, der das schwierige Verhältnis eines alternden Lehrers und eines aufmüpfigen Schülers beschreibt.

Der Ernst-Willner-Preis (7000 Euro) ging an Leif Randt, der sich mit vier zu drei Stimmen gegen die Österreicherin Julya Rabinovich durchsetzte. Den Publikumspreis bekam Thomas Klupp aus Erlangen, der von einem Porno-Forscher erzählte.

Infos zu Haderlap

Maja Haderlap wurde 1961 in der Südkärntner Gemeinde Bad Eisenkappel/Zelesna kapla geboren. Sie studierte Theaterwissenschaften und Deutsche Philologie an der Universität Wien, danach arbeitete sie als Dramaturgie- und Produktionsassistentin in Triest und in Ljubljana.

Seit 1989 hat sie immer wieder Lehraufträge an der Universität Klagenfurt, sie gab die slowenische Literaturzeitschrift "mladje" (Jugend, Anm.) heraus (von 1989-1992). Im Jahr 1992 holte sie Intendant Dietmar Pflegerl als Chefdramaturgin ans Stadttheater Klagenfurt, sie blieb 15 Jahre, die gesamte Ära Pflegerl. Haderlap hatte, wie Insider betonen, wesentlichen Anteil am Erfolg des Theaters unter Pflegerl, als sie nach dessen Tod aus dem Theaterbetrieb ausstieg, hatte sie "endlich Zeit zu schreiben".

Haderlap, die von Daniela Strigl für den Lesewettbewerb nominiert worden ist, hat bisher vor allem Lyrik veröffentlicht, und zwar auf Deutsch und auf Slowenisch, "Engel des Vergessens" ist ihre erste Prosaarbeit, die ab Montag im Wallstein-Verlag in den Buchhandel kommt.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.kurier.at]

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3.)

In waldreicher Gegend
Es war eine knappe Entscheidung, doch wird sie für die Autorin zum Heimspiel: Die Klagenfurterin Maja Haderlap wird für ihren Text "Im Kessel" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.
Von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 11.7.2011:

Engel des Vergessens von Maja Haderlap, 2011, WallsteinAm Ende machte Maja Haderlap das Rennen, nach einer komplizierten und auch die Juroren zwischendurch etwas überfordernden Abstimmung (da versteht man endlich einmal, warum ein Jurist anwesend ist): Für einen Auszug aus ihrem Debütroman „Engel des Vergessens“, der in Kürze bei Wallstein erscheinen wird, erhielt sie am Sonntagmittag den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Das erfolgreiche Heimspiel der 50-jährigen Klagenfurterin, die sowohl Slowenisch als auch Deutsch schreibt, fiel knapp aus. Ihr Preistext ist eine waldreiche Vater-Tochter-Geschichte, die in die slowenisch-kärntnerische Partisanenbewegung während des Zweiten Weltkriegs zurückführt. Wie von ungefähr treffen Vater und Tochter bei ihrer Waldwanderung auf jeder Seite weitere Personen, die ihnen lehrreiche und erschütternde Auskünfte geben.

Schon die Diskussion über den Text, durch den es nach Peter Wawerzinek zum zweiten Mal in Folge einen auch nach Jahren lebenserfahrenen Hauptpreisträger gibt, hatte eine markante Aufteilung gebracht: Enthusiasmierte Österreicher trafen auf wohlwollende Schweizer und skeptische, zumal Handkes stärkere Vorlagen heranziehende Deutsche. Alain Claude Sulzers Urteil, das sei ein „makelloser“ Text, konnte einem in der Mitte des Wettbewerbs zudem vorkommen, als sei es die Hauptaufgabe der Autoren, keinen Fehler zu machen. Auch eine kluge Jury, die zu Recht die Seminarhaftigkeit des einen oder anderen Beitrags beklagt, läuft Gefahr, zum Seminar zu werden. Die Preisträgerin war fast schon bleich vor Glück.

Interessanterweise war es just der zweite in die Vergangenheit zurücktauchende Text, der den zweiten Preis bekam: Für seine Thüringen-Dorf-Erkundung, den poetisch ambitioniertesten Beitrag des Wettbewerbs, erhielt der 1978 in Greifswald geborene Lyriker Steffen Popp den kelag-Preis (10 000 Euro). Wem Maja Haderlaps Beitrag literarisch konventionell erschien, bekam hier ein stilles Feuerwerk geboten, auch in der Literatur kein alltägliches Ereignis. Drei Leute reisen nach Thüringen für die Recherche in einem abgewrackten Ort, der einmal von der Glasherstellung lebte. „Kommunismus ne super Sache sei, hört Berthold, Besitz für Idioten sei, vernimmt er.“

Die Popp-Wahl traf sich gut, denn wer sich von Literatur erhofft, dass sie eben doch verblüfft wie neu, obwohl der Schriftsteller mit einem Alles-schon-Geschrieben zurechtkommen muss, der erlebte keine Klagenfurter Wundertage. Dabei gab es viele gute Texte, ein richtig gutes Mittelfeld. Der 3sat Preis (7500 Euro) etwa ging an die 1980 in Frankfurt geborene, in Berlin lebende Nina Bußmann und ihre sorgsam erzählte Lehrer-Schüler-Geschichte. Der Lehrer, einer jener Zwangsneurotiker, die die Jury in den drei Wettbewerbstagen identifizierte, macht die Jury selbst darauf aufmerksam, dass sie zu schnell urteilte. „ Er zeigte die Hacke, zeigte einen Stein, wie man es erwartet von einem, der natürlich immer wunderlicher wird, ohne Frau, ohne Kind, und nicht einmal ein Hund. Aber dafür war es jetzt noch zu früh.“ Im Laufe der Erzählung kommt es zu einer Eskalation mit dem Schüler, oder es kommt nicht dazu: Immer wieder bot die Diskussion unterhaltsame Beispiele dafür, wie ein Text selbst auf der einfachsten Inhaltsebene unterschiedlich verstanden werden kann. „Große Ferien“ soll 2012 bei Suhrkamp erscheinen.

Auch Julya Rabinovichs leer ausgegangene „Erdfresserin“, in der die Autorin eine fleißige osteuropäische Putzfrau, Pflegerin, Prostituierte, Vampirin, Spinne, Gorgo, Diana in eine ungemütliche Wohngemeinschaft mit einem sterbenden Mann steckt, erfrischte in einem Wettbewerb, in dem die solide geschriebene Genre-Erzählung dominierte – wobei auch nach einer Frühjahrssaison der starken Erzählungsbände erneut zehn der vierzehn Beiträge Romanauszüge waren: Familien- und Paargeschichten, Kriegsgeschichten, die erwähnten Vergangenheitsbewältigungen, Satiren. Auffallend eine Neigung zur überinstrumentalisierten Schlussgedankenvolte, die rasch noch vergrößert, was einem vorher gar nicht so groß vorkam. Auch dies ein Problem, das man mit Maja Haderlaps Text haben konnte. Natürlich ist im Roman Gelegenheit, das nachträglich einzulösen.

Das Wort vom „Existenziellen“ fiel häufig, aber meistens, weil die Autoren aus Sicht der Jury es eher suchten als fanden. Überraschend schwach in diesem Zusammenhang die Kriegsgeschichten. Linus Reichlin etwa, als Autor von Kriminalromanen längst etabliert, kam kaum über ein routiniert geschriebenes Männerabenteuer hinaus. Juror Paul Jandl machte sich darüber lustig, dass die in Afghanistan als Arzt eingesetzte Hauptfigur Martens heißt. Ist der Aufsatz über die Namenswahl im Kriminal- und Actionroman schon geschrieben? Vermutlich.

In einem Jahrgang, der sich mit dem Existenziellen also nicht leicht tat, entstand Platz für satirische Versuche. Und, das ist das eigentlich Komische daran, über diese Hintertür kam das Existenzielle dann bisweilen ganz zwanglos herein. Leif Randt, 1983 in Frankfurt geboren, heute Berliner, bot mit seinem Auszug aus dem demnächst im Berlin Verlag erscheinenden Roman „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ eine prächtige und unheimliche Posse über eine Welt, in der es viel Widererkennungseffekt und wenig Tragik gibt: fast unsere Welt. Dafür erhielt er den Ernst-Willner-Preis (7000 Euro).

Ganz die Welt vieler Saalbesucher und Fernsehzuschauer schilderte offenkundig Thomas Klup in „9to5 Hardcore“. Der Autor des Romans „Paradiso“ war als einer der Favoriten ins Rennen gegangen und ließ einen zynischen, aber angepassten Doktoranden Lehre und Forschung (hier: „Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie“) durch den Kakao ziehen. Der Jury war es dann aber doch zu witzig. Dem Publikum nicht. Es gab Klupp offenbar mit dem klarstem Votum des Tages den mit 7000 Euro Villi-Publikumspreis. Zu witzig, was soll das auch überhaupt sein?

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