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Maja Haderlap aus Klagenfurt hat den diesjährigen, mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Ihr herausragender Text thematisiert den slowenischen Widerstand in Kärnten gegen die nationalsozialistische Unterdrückung und die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.
Die Autorin ist im südlichsten Ort Österreichs geboren, in
Bad Eisenkappel oder, wie es auf dem zweisprachigen Ortseingangsschild auch
steht, in Železna Kapla. Heute lebt sie in Klagenfurt, wo sie 15 Jahre lang
Chefdramaturgin am Stadttheater war; bei ihrem Gewinner-Text handelt sich um
einen Auszug aus dem Roman „Engel des Vergessens“, einen bewegenden Text über
den slowenischen Widerstand gegen den deutsch-österreichischen Naziterror
während des Zweiten Weltkrieges, der heute bei Wallstein erscheint. Er ist aus
der Perspektive eines etwa zwölfjährigen Kindes erzählt.
Der zweitwichtigste Preis (10 000 Euro) ging an Steffen Popp, 1978 in Greifswald geboren Seine poetische „Spur einer Dorfgeschichte“ führt als Prosagedicht in ein verlassenes Dorf in Mecklenburg. Dritte wurde Nina Bußmann, die den 3sat-Preis (7 500 Euro), die 1980 in Frankfurt/Main geboren ist und einen Auszug aus ihrem im nächsten Jahr bei Suhrkamp erscheinenden Roman „Große Ferien“ las, der im Schulmilieu spielt.
Der Ernst-Willner-Preis mit 7000 Euro ging an Leif Randt (Jg. 1983) für einen Auszug aus dem ironischen Lifestyle-Roman „Schimmernder Dunst über CobyCounty“, der in zwei Wochen im Berlin Verlag erscheint. Der per Internetabstimmung ermittelte Publikumspreis-Träger wurde mit großer Mehrheit Thomas Klupp (Jg. 1977). Sein Romanauszug „9to5 Hardcore“ bot eine sehr witzige Satire auf den Universitätsbetrieb.
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2.)
Bachmann-Preis
an
Maja
Haderlap
Nach Jahren wieder ein
österreichischer Sieg:
Maja
Haderlap, 50, ließ sich viel Zeit für ihre Geschichten mit Geschichte.
Von Peter
Pisa aus
Kurier,
Wien, vom 11.7.2011:
Der
deutsche Wallstein Verlag hat Stress. Gesunden Stress. Er muss ganz schnell
Aufkleber für Maja Haderlaps bereits fertiges Buch "Engel des Vergessens"
drucken lassen. Schon in den nächsten Tagen soll der Roman in den Handel kommen.Unter der Intendanz von Dietmar Pflegerl war sie 15 Jahre Chefdramaturgin im
Stadttheater Klagenfurt. Dann war "es" reif genug. Dann musste "es" geschrieben
werden. Gepflückt. Maja Haderlap: "Ich kenne die Geschichten zeit meines Lebens.
Sie haben mich immer beschäftigt. Man braucht emotionale Kraft, um sie zu
schreiben. Deshalb hat es gedauert."
Der Text namens "Im Kessel", den sie vorlas, ist Bestandteil des Romans "Engel
des Vergessens". Ein Waldspaziergang. Vater mit Tochter. Ganz ruhig. Ohne Hast.
Der Wald ist eine historische Landschaft.
Unaufdringlich schreibt die Kärntnerin die alte, aber vor allem im Grenzland
noch immer lebendige Geschichte durch Geschichten. Der Zweite Weltkrieg. Die
Partisanenkämpfe. Die Verfolgung der Slowenen durch die Gestapo. Das
Konzentrationslager. Ein Zitat: "In den Wald zu gehen bedeutet in unserer
Sprache nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heißt
auch, wie immer erzählt wird, sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem
Hinterhalt anzugreifen."
Jurorin Daniela Strigl hatte sie für den
Bewerb vorgeschlagen. Das Publikum applaudierte lange. Die Kritiker fanden in
den Schilderungen des Waldes Parallelen zu
Stifter. Der "gemächliche Rhythmus" fand Lob, das "makellos Nostalgische".
"Ich schreibe die Erzählungen der anderen", ist Maja Haderlaps bescheidene
Antwort, wenn man sie lobt.
Es gab bei diesem 35. Wettbewerb nie einheitliches Lob. Auch bei der Siegerin
nicht. Die Entscheidung war knapp. Was der eine Teil der Jury "lustig" fand,
empfand der andere als "witzlos". Wohl deshalb hat Jury-Vorsitzender
Burkhard Spinnen am Ende gesagt, Demut
empfehle sich, wenn man sieht, "wie Überzeugungen, die Granitblöcke waren, zu
Sand zerrieben werden. Kaum ein Text, der nicht verschieden aufgefasst und
kommentiert wird."
Jury-Vorsitzender Burkhard Spinnen hatte
am Sonntag noch mehrmals zu gratulieren: Den zweiten Preis holte sich der
Deutsche
Steffen Popp, der wie Haderlap aus
der Lyrik kommt. Er bekam den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis für die
bruchstückhafte Geschichte einer Spurensuche in einem thüringischen Dorf.
Der 3sat -Preis (7500 Euro) ging an die junge Frankfurterin
Nina Bußmann - für einen
Romanauszug, der das schwierige Verhältnis eines alternden Lehrers und eines
aufmüpfigen Schülers beschreibt.
Der Ernst-Willner-Preis (7000 Euro) ging an
Leif Randt, der sich mit vier zu drei
Stimmen gegen die Österreicherin Julya
Rabinovich durchsetzte. Den Publikumspreis bekam Thomas
Klupp aus Erlangen, der von einem Porno-Forscher erzählte.
Maja Haderlap wurde 1961 in der Südkärntner Gemeinde Bad Eisenkappel/Zelesna
kapla geboren. Sie studierte Theaterwissenschaften und Deutsche Philologie an
der Universität Wien, danach arbeitete sie als Dramaturgie- und
Produktionsassistentin in Triest und in Ljubljana.
Seit 1989 hat sie immer wieder Lehraufträge an der Universität Klagenfurt, sie
gab die slowenische Literaturzeitschrift "mladje" (Jugend, Anm.) heraus (von
1989-1992). Im Jahr 1992 holte sie Intendant Dietmar Pflegerl als
Chefdramaturgin ans Stadttheater Klagenfurt, sie blieb 15 Jahre, die gesamte Ära
Pflegerl. Haderlap hatte, wie Insider betonen, wesentlichen Anteil am Erfolg des
Theaters unter Pflegerl, als sie nach dessen Tod aus dem Theaterbetrieb
ausstieg, hatte sie "endlich Zeit zu schreiben".
Haderlap, die von Daniela Strigl für den
Lesewettbewerb nominiert worden ist, hat bisher vor allem Lyrik veröffentlicht,
und zwar auf Deutsch und auf Slowenisch, "Engel des Vergessens" ist ihre erste
Prosaarbeit, die ab Montag im Wallstein-Verlag in den Buchhandel kommt.
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3.)
Am
Ende machte Maja Haderlap das Rennen, nach einer komplizierten und auch
die Juroren zwischendurch etwas überfordernden Abstimmung (da versteht man
endlich einmal, warum ein Jurist anwesend ist): Für einen Auszug aus ihrem
Debütroman „Engel des Vergessens“, der in Kürze bei Wallstein erscheinen wird,
erhielt sie am Sonntagmittag den mit 25 000 Euro dotierten
Ingeborg-Bachmann-Preis. Das
erfolgreiche Heimspiel der 50-jährigen Klagenfurterin, die sowohl Slowenisch als
auch Deutsch schreibt, fiel knapp aus. Ihr Preistext ist eine waldreiche
Vater-Tochter-Geschichte, die in die slowenisch-kärntnerische Partisanenbewegung
während des Zweiten Weltkriegs zurückführt. Wie von ungefähr treffen Vater und
Tochter bei ihrer Waldwanderung auf jeder Seite weitere Personen, die ihnen
lehrreiche und erschütternde Auskünfte geben.
Schon die Diskussion über den Text, durch den es nach Peter Wawerzinek zum zweiten Mal in Folge einen auch nach Jahren lebenserfahrenen Hauptpreisträger gibt, hatte eine markante Aufteilung gebracht: Enthusiasmierte Österreicher trafen auf wohlwollende Schweizer und skeptische, zumal Handkes stärkere Vorlagen heranziehende Deutsche. Alain Claude Sulzers Urteil, das sei ein „makelloser“ Text, konnte einem in der Mitte des Wettbewerbs zudem vorkommen, als sei es die Hauptaufgabe der Autoren, keinen Fehler zu machen. Auch eine kluge Jury, die zu Recht die Seminarhaftigkeit des einen oder anderen Beitrags beklagt, läuft Gefahr, zum Seminar zu werden. Die Preisträgerin war fast schon bleich vor Glück.
Interessanterweise war es just der zweite in die Vergangenheit zurücktauchende Text, der den zweiten Preis bekam: Für seine Thüringen-Dorf-Erkundung, den poetisch ambitioniertesten Beitrag des Wettbewerbs, erhielt der 1978 in Greifswald geborene Lyriker Steffen Popp den kelag-Preis (10 000 Euro). Wem Maja Haderlaps Beitrag literarisch konventionell erschien, bekam hier ein stilles Feuerwerk geboten, auch in der Literatur kein alltägliches Ereignis. Drei Leute reisen nach Thüringen für die Recherche in einem abgewrackten Ort, der einmal von der Glasherstellung lebte. „Kommunismus ne super Sache sei, hört Berthold, Besitz für Idioten sei, vernimmt er.“
Die Popp-Wahl traf sich gut, denn wer sich von Literatur erhofft, dass sie eben doch verblüfft wie neu, obwohl der Schriftsteller mit einem Alles-schon-Geschrieben zurechtkommen muss, der erlebte keine Klagenfurter Wundertage. Dabei gab es viele gute Texte, ein richtig gutes Mittelfeld. Der 3sat Preis (7500 Euro) etwa ging an die 1980 in Frankfurt geborene, in Berlin lebende Nina Bußmann und ihre sorgsam erzählte Lehrer-Schüler-Geschichte. Der Lehrer, einer jener Zwangsneurotiker, die die Jury in den drei Wettbewerbstagen identifizierte, macht die Jury selbst darauf aufmerksam, dass sie zu schnell urteilte. „ Er zeigte die Hacke, zeigte einen Stein, wie man es erwartet von einem, der natürlich immer wunderlicher wird, ohne Frau, ohne Kind, und nicht einmal ein Hund. Aber dafür war es jetzt noch zu früh.“ Im Laufe der Erzählung kommt es zu einer Eskalation mit dem Schüler, oder es kommt nicht dazu: Immer wieder bot die Diskussion unterhaltsame Beispiele dafür, wie ein Text selbst auf der einfachsten Inhaltsebene unterschiedlich verstanden werden kann. „Große Ferien“ soll 2012 bei Suhrkamp erscheinen.
Auch Julya Rabinovichs leer ausgegangene „Erdfresserin“, in der die Autorin eine fleißige osteuropäische Putzfrau, Pflegerin, Prostituierte, Vampirin, Spinne, Gorgo, Diana in eine ungemütliche Wohngemeinschaft mit einem sterbenden Mann steckt, erfrischte in einem Wettbewerb, in dem die solide geschriebene Genre-Erzählung dominierte – wobei auch nach einer Frühjahrssaison der starken Erzählungsbände erneut zehn der vierzehn Beiträge Romanauszüge waren: Familien- und Paargeschichten, Kriegsgeschichten, die erwähnten Vergangenheitsbewältigungen, Satiren. Auffallend eine Neigung zur überinstrumentalisierten Schlussgedankenvolte, die rasch noch vergrößert, was einem vorher gar nicht so groß vorkam. Auch dies ein Problem, das man mit Maja Haderlaps Text haben konnte. Natürlich ist im Roman Gelegenheit, das nachträglich einzulösen.
Das Wort vom „Existenziellen“ fiel häufig, aber meistens, weil die Autoren aus Sicht der Jury es eher suchten als fanden. Überraschend schwach in diesem Zusammenhang die Kriegsgeschichten. Linus Reichlin etwa, als Autor von Kriminalromanen längst etabliert, kam kaum über ein routiniert geschriebenes Männerabenteuer hinaus. Juror Paul Jandl machte sich darüber lustig, dass die in Afghanistan als Arzt eingesetzte Hauptfigur Martens heißt. Ist der Aufsatz über die Namenswahl im Kriminal- und Actionroman schon geschrieben? Vermutlich.
In einem Jahrgang, der sich mit dem Existenziellen also nicht leicht tat, entstand Platz für satirische Versuche. Und, das ist das eigentlich Komische daran, über diese Hintertür kam das Existenzielle dann bisweilen ganz zwanglos herein. Leif Randt, 1983 in Frankfurt geboren, heute Berliner, bot mit seinem Auszug aus dem demnächst im Berlin Verlag erscheinenden Roman „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ eine prächtige und unheimliche Posse über eine Welt, in der es viel Widererkennungseffekt und wenig Tragik gibt: fast unsere Welt. Dafür erhielt er den Ernst-Willner-Preis (7000 Euro).
Ganz die Welt vieler Saalbesucher und Fernsehzuschauer schilderte offenkundig Thomas Klup in „9to5 Hardcore“. Der Autor des Romans „Paradiso“ war als einer der Favoriten ins Rennen gegangen und ließ einen zynischen, aber angepassten Doktoranden Lehre und Forschung (hier: „Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie“) durch den Kakao ziehen. Der Jury war es dann aber doch zu witzig. Dem Publikum nicht. Es gab Klupp offenbar mit dem klarstem Votum des Tages den mit 7000 Euro Villi-Publikumspreis. Zu witzig, was soll das auch überhaupt sein?
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