Lars Gustafsson, 2004, Foto: Ekko von Schwichow

Lars Gustafsson
Foto: Ekko von Schwichow

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Rochaden der Leichtigkeit
Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers Lars Gustafsson
Besprechung von Thomas Fechner-Smarsly in Neue Zürcher Zeitung vom 17.5.2006:

Er hiess stets Lars. Sein Nachname tat wenig zur Sache. Er war Studienrat, Wirtschaftswissenschafter oder Schriftsteller. Und er war immer am 17. Mai 1936 geboren. Das Datum erfuhr man eher beiläufig, aber man erfuhr es in jedem der fünf Romane von Lars Gustafssons Zyklus «Risse in der Mauer». Im ersten Band fährt «Herr Gustafsson persönlich» zu «[s]einem Freund E.» nach Westberlin. Noch im Flugzeug über der Frontstadt verliebt er sich in eine marxistische Philosophiedozentin, die über einschlägige Erfahrung im unmittelbaren Kontakt mit Polizeigummiknüppeln verfügt, was den Luftreisenden beeindruckt.

Eine unmögliche Liebe in Zeiten der Revolte beginnt, und mit ihr eine Trauerarbeit angesichts der Unfähigkeit, am «eigentlichen» Leben teilzunehmen. Umgekehrt wird das Erzählen zur Ermutigung und zum Antrieb, ausgesprochen im ersten, fortan ebenso trotzig wie leitmotivisch wiederholten Satz des Romans «Wollsachen» (1974): «Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.» In diesem zweiten Teil sowie den folgenden Romanen «Familientreffen» (1976) und «Sigismund» (1977) verschob Lars Gustafsson zwar die Perspektive manchmal aus der ersten in die dritte Person, doch selbst dann blieb die Distanz des Erzählers gering und seine Haltung wohlgesinnt. Und immer litt einer an der erotischen Verstrickung oder an der Einsamkeit im Kollektiv, mochte dieses auch noch so weich gepolstert sein.

Die andere Seite des Herbstes

Was man in und aus diesen Büchern erfuhr, war ein Lebensgefühl – das Lebensgefühl der siebziger Jahre und gewissermassen die andere Seite des deutschen Herbstes. Hier schrieb einer an der Melancholiegeschichte des beiseite stehenden und beiseite sprechenden Intellektuellen, an dem die Revolution irgendwie vorbeigefahren war, ohne anzuhalten und den Helden mitzunehmen. Mit seinem Erzählen erfasste Gustafsson aber nicht nur die Nahtstelle im Umbruch zwischen Aufruhr und Innerlichkeit, er brachte auch einen neuen Ton in die Literatur der deutschsprachigen Länder, eine ungekannte Leichtigkeit, ja beinahe Heiterkeit, die gepaart war mit einer ungewohnten Verspieltheit. Es war ein Ton, der noch die zahlreichen philosophischen Reflexionen in eine Art Schwebe versetzte.

Eingeschmuggelt hatte den Autor, der in den sechziger Jahren Redaktor der einflussreichen schwedischen Literaturzeitschrift «BLM» war, eben jener Freund E., wobei eine legendäre Tagung der Gruppe 47 im schwedischen Sigtuna eine nicht geringe Rolle gespielt hat. Hinter dem Kürzel verbarg sich übrigens kein anderer als Hans Magnus Enzensberger, der auch als früher Übersetzer des Schweden hervortrat.

Gustafssons Erfolg im deutschen Sprachraum blieb weit grösser als in seiner Heimat, und er erklärt sich womöglich daher, dass ihm gelang, was man hierzulande kaum einem zutraute, nämlich das Schwere mit Leichtigkeit vorzutragen. Später folgten dann Italo Calvino, Milan Kundera oder Cees Nooteboom – und wie diese darf man ihn eher als europäischen denn als nationalen Autor bezeichnen.

Es wird freilich nicht nur an der Diskrepanz der Wahrnehmung gelegen haben, dass Schweden Gustafsson zu eng wurde. Seit den achtziger Jahren lebt er im texanischen Austin, wo er an der Universität Literatur unterrichtet, ausserdem konvertierte er schon 1981 zum Judentum. Die amerikanische Offenheit hatte es ihm offenkundig angetan. Sie spiegelt sich in der lebenslangen Neugier für Wissenschaft und Technologie, die das Werk und das Denken Lars Gustafssons kennzeichnet. Dieser poeta doctus, dessen Essays und Gedichte nach wie vor unterschätzt werden, hat seine Bewunderung für Künstler wie Borges oder Piranesi nie verhehlt. Nicht umsonst stellt das Labyrinth – der Sprache, der Architektur, der Erzählung – eine wiederkehrende Figur dar, eine Figur ja nicht nur des Verirrens und der Verwirrung, sondern auch eine, in der alles mit allem zusammenhängt.

Eine gewisse Verflachung

Der Dekan von Lars Gustafsson, 2004, HanserPhantastisch durchbuchstabiert hat Gustafsson dies in einem postmodernen Roman reinen Wassers namens «Die dritte Rochade des Bernhard Foy» (1986). Als vielleicht grösster Nachteil seines narrativen Plaudertons erwies sich indes, dass er sich nicht steigern lässt. Im Gegenteil tendiert er zu einer gewissen Verflachung. So wirken Romane wie «Geständnisse unter Liebenden» und «Der Dekan» doch manchmal ein wenig altherrenhaft. Am besten erscheint der Autor in seinen späteren Büchern dort, wo er das grosse Gelächter zwischen Groteske und Zufall, Alltag und Aberwitz anstimmen kann, sei es in «Die Sache mit dem Hund» oder im «Nachmittag eines Fliesenlegers».

Aber auch sie dienen nur jener Vorbereitung, die Gustafsson bereits im letzten Teil der «Risse in der Mauer», im «Tod eines Bienenzüchters» (1978), angestimmt hat. Darin zieht sich der krebskranke Protagonist, den der Leser schon aus dem mittleren Band «Das Familientreffen» kannte, von der Welt zurück, ein Stoiker, der sich mit seinen Aufzeichnungen in verschiedene Notizbücher auf den Tod vorbereitet nach dem Motto: Erzählen heisst sterben lernen. Dafür ist es freilich noch zu früh. Zunächst wollen wir Herrn Gustafsson persönlich zu seinem 70. Geburtstag gratulieren an diesem 17. Mai 2006.

Zum Jubiläum ist erschienen Lars Gustafsson: Risse in der Mauer. Fünf Romane (Herr Gustafsson persönlich; Wollsachen; Das Familientreffen; Sigismund; Der Tod eines Bienenzüchters). Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Verlag Carl Hanser, München 2006. 960 S., Fr. 52.90.

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