Die
schreibenden Arbeiter der „Gruppe 61“
Die Dortmunder
„Gruppe 61“ um Bibliotheksdirektor Fritz Hüser und Schriftsteller
Max von der Grün
wollte den Arbeitern eine Stimme geben – und revolutionierte so die Literatur.
Von Britta Heidemann
in der
WAZ
vom
24.03.2011:
Um den Skandal verstehen zu können, muss man sich eine Welt vorstellen, in der nicht jeder Zweite ein Internetblog betreibt. Eine Welt ohne Talentshows, in der die Kunst noch unbestritten den Künstlern gehörte.
Am 31. März 1961 aber luden der Dortmunder Bibliotheksdirektor Fritz Hüser, der Gewerkschaftssekretär Walter Köpping, der Arbeiter Max von der Grün und der Verwaltungsangestellte Heinz Kosters „Autoren und Publizisten“ ein: Es ging um die „Möglichkeiten und Formen moderner Arbeiter- und Industriedichtung“.
Ein Arbeiter, der schreibt? Gedichte vom Fließband? Prosa, zu Tage gefördert von schwieligen Händen? Die Gründung der „Gruppe 61“ kam einer Revolution gleich.
gewogen sei der bohrmaschine/ und ihren frechen chansons/ teile Dein brot mit der fräse/Deine lust mit der thomasbirne/sei gut zu den maschinen! (aus Peter-Paul Zahl: panhumanismus)
Der Frühling vor 50 Jahren: Willy Brandt wollte den Himmel über der Ruhr wieder blau sehen. Die Kumpel aber fürchteten insgeheim genau das, nämlich ein Zechensterben: Erste „Feierschichten“ markierten den Beginn der Kohlekrise. Sie rüttelten am Selbstvertrauen des Reviers als Herz des Wirtschaftswunders. Wie der Stolz schrumpfte, so wuchs der Verdruss: über Staub, Ruß, Gefahren. Menschen wie Fritz Hüser, der den Stimmen der Arbeiter Gehör verschaffen wollte und früh leidenschaftlicher Sammler von „Arbeiterliteratur“ war, fanden immer mehr Mitstreiter.
Stumm liegt der Schacht, auf den in jäher Trauer/ Nacht ihre Tränen weint, indes Gelächter/ aus naher Kneipe schallt. Musikbox röhrt. (aus Josef Büscher: Zechensterben)
Max von der Grüns Romane und auch die Reportagen Günter Wallraffs, den Hüser als Gast einlud, verschafften der „Gruppe 61“ ein frühes Medienecho. Vor allem aber kam ihr zugute, dass die Zeit der Anthologien angebrochen war, wie Gottfried Benn treffend formulierte: ein „Zeitalter der Offerte, des Reizangebots, der Schmackhaftmachung“. So konnten Autoren der Gruppe schon 1966 beim Luchterhand-Verlag unterkommen: „Aus der Welt der Arbeit“ hieß der Almanach.
Sie bürstet das Rauchhaar nach oben,/reckt den Schlothals ins Sternbild Schwan/und die Luftröhre über die Langeweile. (aus Hildegard Wohlgemut: Industriestadt Sonntags abends)
Vielleicht war es der Erfolg, der der „Gruppe 61“ ein frühes Ende bescherte? Fehlte der Kampfgeist, der Wille zur Missionierung, zur Schreibschulung der Arbeiter? Aus der Gruppe heraus formierte sich der „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“, dessen viele Ableger es bis heute gibt. Radikal wollte man der Literatur den bürgerlichen Bildungsdünkel austreiben. Aus Schreibwettbewerben wurden wieder Anthologien (diesmal im Piper-Verlag, die erste hieß „Ein Baukran stürzt um“), doch kamen in Kritiken Zweifel am literarischen Gehalt auf, das böse Wort „Erlebnisbericht“ fiel.
Es knirscht der Stein,/es droht der Berg,/Das Holz, es ächzt,/ Hangendes bricht ein./Nun, Kumpel, lauf!/ Kumpel! Glück auf! (aus Max von der Grün: Unter Tag)
Jeder Mensch ein Künstler? In der liebevoll präsentierten Ausstellung, mit der Dortmund der „Gruppe 61“ zum Geburtstag gratuliert, dürfen Besucher am Ende selbst schreiben und Geschriebenes ausstellen: Krimis, Liebesgeschichten, Reportagen.
Selbst Max von der Grün aber (berichtet der Leiter des Gladbecker Literaturbüros Gerd Herholz aus eigener Anschauung) ließ sich später ungern als „Arbeiterdichter“ bezeichnen: Sein Beruf sei Schriftsteller, den habe er sich hart erarbeitet.
Was bleibt der Literatur vom Frühling vor 50 Jahren? Der Anspruch, übers eigene Ich hinaus in die (Arbeits-)Welt zu blicken. Der Wille zur gesellschaftlichen Relevanz. Der Mut zum Kunstversuch, auch ohne Studium. Diese Knospen stammen aus dem Revier! Dass die Ernte später anderswo gefeiert wurde, ist ja ebenfalls typisch.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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