„Das
sind wahre Geschichten, die passiert sind“
Andrea Grill über ihren neuen Roman
„tränen lachen“, ihren Beruf als Biologin und Schmetterlingsforscherin und die
Politik
Von
Anton Thuswaldner in
den Salzburger Nachrichten, 11.9.2008:
SN: Sie sind Biologin, haben über
Schmetterlinge auf Sardinien geforscht. Im neuen Roman „tränen
lachen“ ist auch eine junge Forscherin die Erzählerin. Ist sie
eine Spielfigur der Schriftstellerin Andrea Grill?
Grill: Ich habe nie den Schwermetallgehalt von Gewässern
erforscht, aber zu dieser Figur im Buch passt es gut, eine
Forscherin zu sein. Sie ist die Erzählerin, deshalb erfährt man
viel über sie, aber eigentlich geht es um die anderen, um den
Mann, dem sie schreibt und dessen Großvater. Im neuen Buch ist
die Vernetzung der Figuren untereinander größer als im Buch „Der
gelbe Onkel“. Aber alle meine Bücher haben miteinander zu tun.
Die Figuren von früher tauchen im neuen Buch wieder auf.
SN: Sie haben gesagt, dass Sie das Manuskript Ihre Mutter nicht
haben lesen lassen .
Grill: Meine Mutter wird sich erkennen. Aber sie bekam es nicht
zu lesen, weil man leicht beeinflusst wird. Die Grundgeschichte
vom Albaner Galip, dem Großvater, der österreichische Vorfahren
hat, kenne ich aber. Er heißt nicht Galip, meine Figur ist aus
verschiedenen Persönlichkeiten zusammengesetzt. Auch die Geschichte des Geliebten der
Erzählerin ist nicht ganz erfunden: Er kommt mit Müh und Not
nach Österreich, bekommt endlich den Pass und muss dann als
Soldat die Grenze bewachen, über die er gekommen ist. Das sind
wahre Geschichten, die passiert sind.
SN: Ihr Buch spielt in Österreich und Albanien. Dabei handelt es
sich um das wilde Kurdistan.
Grill: Ich habe sehr lange schon einen intensiven
Albanien-Bezug. Albanien steht bei mir auch für das Fremde. Das
ist für mich deshalb ein wichtiges Thema, weil die
Ausländerproblematik in der österreichischen Politik eine derart
große Rolle spielt.
SN: Es gibt schreckliche Szenen im Buch, wenn Soldaten in
Wohnungen eindringen und töten und foltern. Wo kommen diese
Geschichten her?
Grill: So etwas habe ich leider im Kopf. Im Buch bezieht man
diese Szene auf Albanien, aber es gab ja auch die Balkankriege.
Die beiden, die Erzählerin und ihr Liebhaber, führen ihren
eigenen Kampf im Wohnzimmer, nicht einmal diese beiden Leute
vertragen sich. Und dann sehen sie im Fernsehen die
fürchterliche Kriegswirklichkeit. Der Mann bekommt Gräuel mit
über seine Übersetzertätigkeit und bekommt es zu tun mit
Flüchtlingen, wie er selbst einmal einer war.
SN: Und dann gibt es diese Liebe, die vorwiegend aus Konflikten
besteht.
Grill: Die beiden bemühen sich ja. Es geht darum, dass man auf
gar keinen Fall aufgeben darf. Vielleicht klingt es etwas moralisch, wenn
ich sage, dass es ihnen die Umwelt nicht leicht macht. Man kann
ja nicht alles abschieben auf die Verhältnisse, wie man
miteinander umgeht. Aber wenn man sich vorstellt, die beiden
wären reich, hätten eine Villa, wohnten in Ligurien, vielleicht
hätten sie dann weniger Probleme gehabt.
SN: Sehen Sie sich als politischen Kopf?
Grill: Ich würde sagen: als einen politischen Menschen. Als
Wissenschafter sieht man manches in geologischen Zusammenhängen,
dann ist die Politik vollkommen egal. Aber trotzdem ist mir das
Bedürfnis nicht genommen worden, politisch etwas einzugreifen.
SN: Und wenn Sie auf Sardinien Schmetterlinge beobachten, ist
das das Gegenprogramm zum politischen Anspruch?
Grill: Einerseits ist das natürlich auf den ersten Blick nicht
politisch. Aber andererseits habe ich gemerkt, als ich in
Nordgriechenland an der Grenze zur Türkei und zu Bulgarien
gearbeitet habe, dass dieses Naturschutzgebiet die Gegend
stabilisiert hat, auch wirtschaftlich. Auf Umwegen kann man
politisch sein, ich habe mich auch mit roten Listen beschäftigt.
SN: Vladimir Nabokov war Schmetterlingsforscher, das ist doch
eine schöne Vorgabe.
Grill: Ich habe sogar vor, in Zukunft über eine
Schmetterlingsgruppe zu arbeiten, an Bläulingen, an der er auch
gearbeitet hat. Er hat in Amerika über sie geforscht, ich in
Europa.
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