traenen lachen von Andrea Grill, 2086, Otto Müller„Das sind wahre Geschichten, die passiert sind“
Andrea Grill über ihren neuen Roman „tränen lachen“, ihren Beruf als Biologin und Schmetterlingsforscherin und die Politik
Von Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten, 11.9.2008:

Andrea Grill ist Biologin, die es zum Schreiben drängt. Soeben ist ihr drittes Buch, der Roman „Tränenlachen“, im Otto Müller Verlag erschienen. Eine junge Frau schreibt an den Mann, den sie geliebt hat und der aus ihrem Leben verschwunden ist. Stück für Stück fügt sie die Vergangenheit zweier Menschen, einer Österreicherin und eines Albaners, zusammen, eine Flaschenpost ins Ungewisse.

SN: Sie sind Biologin, haben über Schmetterlinge auf Sardinien geforscht. Im neuen Roman „tränen lachen“ ist auch eine junge Forscherin die Erzählerin. Ist sie eine Spielfigur der Schriftstellerin Andrea Grill?
Grill: Ich habe nie den Schwermetallgehalt von Gewässern erforscht, aber zu dieser Figur im Buch passt es gut, eine Forscherin zu sein. Sie ist die Erzählerin, deshalb erfährt man viel über sie, aber eigentlich geht es um die anderen, um den Mann, dem sie schreibt und dessen Großvater. Im neuen Buch ist die Vernetzung der Figuren untereinander größer als im Buch „Der gelbe Onkel“. Aber alle meine Bücher haben miteinander zu tun. Die Figuren von früher tauchen im neuen Buch wieder auf.
SN: Sie haben gesagt, dass Sie das Manuskript Ihre Mutter nicht haben lesen lassen .
Grill: Meine Mutter wird sich erkennen. Aber sie bekam es nicht zu lesen, weil man leicht beeinflusst wird. Die Grundgeschichte vom Albaner Galip, dem Großvater, der österreichische Vorfahren hat, kenne ich aber. Er heißt nicht Galip, meine Figur ist aus verschiedenen Persönlichkeiten zusammengesetzt. Auch die Geschichte des Geliebten der Erzählerin ist nicht ganz erfunden: Er kommt mit Müh und Not nach Österreich, bekommt endlich den Pass und muss dann als Soldat die Grenze bewachen, über die er gekommen ist. Das sind wahre Geschichten, die passiert sind.
SN: Ihr Buch spielt in Österreich und Albanien. Dabei handelt es sich um das wilde Kurdistan.
Grill: Ich habe sehr lange schon einen intensiven Albanien-Bezug. Albanien steht bei mir auch für das Fremde. Das ist für mich deshalb ein wichtiges Thema, weil die Ausländerproblematik in der österreichischen Politik eine derart große Rolle spielt.
SN: Es gibt schreckliche Szenen im Buch, wenn Soldaten in Wohnungen eindringen und töten und foltern. Wo kommen diese Geschichten her?
Grill: So etwas habe ich leider im Kopf. Im Buch bezieht man diese Szene auf Albanien, aber es gab ja auch die Balkankriege. Die beiden, die Erzählerin und ihr Liebhaber, führen ihren eigenen Kampf im Wohnzimmer, nicht einmal diese beiden Leute vertragen sich. Und dann sehen sie im Fernsehen die fürchterliche Kriegswirklichkeit. Der Mann bekommt Gräuel mit über seine Übersetzertätigkeit und bekommt es zu tun mit Flüchtlingen, wie er selbst einmal einer war.
SN: Und dann gibt es diese Liebe, die vorwiegend aus Konflikten besteht.
Grill: Die beiden bemühen sich ja. Es geht darum, dass man auf gar keinen Fall aufgeben darf. Vielleicht klingt es etwas moralisch, wenn ich sage, dass es ihnen die Umwelt nicht leicht macht. Man kann ja nicht alles abschieben auf die Verhältnisse, wie man miteinander umgeht. Aber wenn man sich vorstellt, die beiden wären reich, hätten eine Villa, wohnten in Ligurien, vielleicht hätten sie dann weniger Probleme gehabt.
SN: Sehen Sie sich als politischen Kopf?
Grill: Ich würde sagen: als einen politischen Menschen. Als Wissenschafter sieht man manches in geologischen Zusammenhängen, dann ist die Politik vollkommen egal. Aber trotzdem ist mir das Bedürfnis nicht genommen worden, politisch etwas einzugreifen.
SN: Und wenn Sie auf Sardinien Schmetterlinge beobachten, ist das das Gegenprogramm zum politischen Anspruch?
Grill: Einerseits ist das natürlich auf den ersten Blick nicht politisch. Aber andererseits habe ich gemerkt, als ich in Nordgriechenland an der Grenze zur Türkei und zu Bulgarien gearbeitet habe, dass dieses Naturschutzgebiet die Gegend stabilisiert hat, auch wirtschaftlich. Auf Umwegen kann man politisch sein, ich habe mich auch mit roten Listen beschäftigt.
SN: Vladimir Nabokov war Schmetterlingsforscher, das ist doch eine schöne Vorgabe.
Grill: Ich habe sogar vor, in Zukunft über eine Schmetterlingsgruppe zu arbeiten, an Bläulingen, an der er auch gearbeitet hat. Er hat in Amerika über sie geforscht, ich in Europa.

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