1.) - 2.)
Ein
verwunderter Wunderknabe.
Der umjubelte Auftritt des jungen Pop-Poeten Adam Green im Erlanger E-Werk
Von Steffen Radlmaier aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 21.02.2005:
Der Typ ist zweifellos ein Phänomen: Mit gerade
mal 23 Jahren wird Adam Green als seltenes Genie gefeiert, als veritabler
Pop-Poet und legitimer Nachfolger von Jim Morrison, Frank Sinatra und Boby Dylan
in einer Person. Das Erstaunlichste daran ist die Tatsache, dass der smarte Sänger
aus New York quasi über Nacht everybody’s darling geworden ist. Junge schätzen
ihn ebenso wie Alte, Männlein wie Weiblein, Lobeshymnen finden sich in Bravo
ebenso wie in der Zeit, Intellektuelle haben ihn ebenso ins Herz geschlossen wie
Rockfans. Adam Green hat was. Aber was?
Zumindest Sinn für Humor und Skurrilitäten und eine schöne, sonore Stimme.
Nicht zu vergessen ein Händchen für einfach unwiderstehliche Melodien.
Ungeniert bedient sich Adam Green in der amerikanischen Musikgeschichte, bei
Folk, Rock und Country. Aber er ist kein bloßer Nostalgiker oder Wiederholungstäter.
Er benutzt den Sound der Sixties als Sprungbrett für eigene Songideen.
Das gewisse Etwas zeigte sich beim Konzert im Erlanger E-Werk, das schon lange
im voraus ausverkauft war. Im Vorprogramm spielen „The Gnomes“, wie sich
Adam Greens Begleitband nennt. Ohne ihren Chef wirken die vier Musiker wie eine
x-beliebige Revivalband, die von den „Doors“ bis zu den „Eagles“ alles mögliche
verwurstet. Dann kommt Adam Green auf die Bühne, und schlagartig bekommt die
Sache Hand und Fuß. Der Sänger mit dem Wuschelkopf und dem Schmollmund schaut
ein bisschen aus wie Arlo Guthrie. Starallüren sind ihm fremd. Ein ebenso
sympathischer wie origineller Typ, der sich selbst nicht so ganz ernst nimmt.
Die geballte Zuneigung seines begeisterten Publikums scheint ihn immer noch zu
verwundern, gut gelaunt schüttelt er die Hände in den ersten Reihen.
Adam Green kann singen, keine Frage. Lässig und souverän zieht er sein
Programm durch wie ein Alter. Kaum ein Song dauert länger als drei Minuten,
aber wer „Friends of Mine“ oder „Jessica“ einmal gehört hat, wird ihn
nicht mehr vergessen. Die Stücke seines neuen Albums „Gemstones“ sind, wie
der Titel nahelegt, kleine musikalische Edelsteine und werden eher beiläufig
ins Programm gestreut. Mittendrin kommt ein Solo-Teil, den Green allein mit der
akustischen Gitarre bestreitet. Dabei zitiert er quer durch die Popgeschichte,
kombiniert seine Songs immer wieder neu oder singt auch schon mal einen Oldie
wie „Proud Mary“.
Die Songs handeln von den Abnormitäten und Banalitäten des Alltags und den Rätseln
der Liebe. Sie sind jedenfalls weit leichter zu verstehen als die kryptischen,
surrealen Gedankensplitter und Momentaufnahmen in Greens „Sudelbuch“, das
gerade unter dem Titel „magazine“ in der renommierten edition suhrkamp
erschienen ist. Um die „Blumen des Kapitalismus“ geht es da und um eine
„Gefrorene schwule Schildkröte“.
Nach einer Stunde ist das Konzert schon wieder vorbei, doch dann dauern die
Zugaben fast noch einmal genau so lang. Die Stimmung im Saal könnte kaum besser
sein. Für die Älteren garantiert der Sänger mit dem Faible für Folk und
Beatniks jede Menge Déjà-vu-Erlebnisse, für die Jüngeren einfach Spaß. Könnte
es sein, dass er so aussieht, der „King of the Future“, wie sich Adam Green
selbstironisch nennt? Die Zukunft wird’s zeigen.
Aktuelle CD: Adam Green, „Gemstones“ (Rough Trade)
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Leseprobe I Buchbestellung 0205 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten
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2.)
Leben zwischen Genie und Wahnsinn
Über Adam Green von Judith
Taudien im Goon-Magazin,
März 2005:
„A trinket from God is what swings from
everyone’ s brain“
In den schwer fassbaren Sekunden zwischen Schlaf und Aufwachen zerrt unser
Unterbewusstsein zum Teil recht surrealistische Traumbilder an die Oberfläche,
an die man sich später nur noch schwer erinnern kann. Adam Green hat versucht,
dieses Phänomen in Worte zu fassen und es geschafft. In seinem Buchdebüt
„Magazine“ erzählt er von Innereien eines Käfers, die nach Erdbeeren
schmecken, gibt zu, dass er mit allen Leuten, die er kennt, sexuelle Erfahrungen
machen möchte und meint, wenn James Brown nach Indien reist, steige dort die
Geburtenrate pro Familie um 0,09 Prozent. Er schreibt über bösartige
Vergewaltigungen, den Wunsch, ein Pferd mit Krücken zu reiten, und manchmal möchte
er einfach nur seinen Schwanz in einen Revolver stecken. Adam Green hat die
besten Chancen, Liebling des Jahres zu werden.
„The beast in me (has found a place in society)“
Schon Wochen vor dem offiziellen Erscheinen seines Buches bei Suhrkamp legte
eine Welle der Hysterie aufgeregter Teenager die Telefone des Verlages lahm.
Erstmals in der Geschichte Suhrkamps musste daraufhin eigens eine
Telefonseelsorge eingerichtet werden. Dabei sind Greens Gedichte und Kurzprosa
nicht einmal schön oder gar literarisch einzigartig. „Magazine” ist eine
bloße Aneinanderreihung von kurzen und thematisch zusammenhangslosen
Gedankenfetzen, irgendwo zwischen amerikanischem Alltag, sexueller
Orientierungslosigkeit und Religion, getrieben von einem seltsamen Hang zur
Perversion, die sogar einem Gottfried
Benn den Rang ablaufen könnte. Und trotzdem schafft es der 23jährige New
Yorker, sowohl Teenager als auch ein anspruchsvolleres Publikum zu begeistern.
Weil aus jedem Wort, aus jedem Satz, den er schreibt, die Ironie nur so tropft
und man trotz krankhafter Fantasien lachen muss. Darauf eine „knusprige
Zigarette“.
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Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Judith Taudien