Die Vorkämpferin
Schon lange vor dem 17. Juni probten DDR-Bürger den Aufstand. Elisabeth Graul wurde 1951 vom Staatssicherheitsdienst verhaftet und verbrachte elf Jahre im Zuchthaus. Nun ist ihr eine Heldenrolle zugedacht, als Siegerin der Geschichte. Ist sie das wirklich?
Von Evelyn Finger in DIE ZEIT, 12.6.2003:

Gestern war Elisabeth Graul vorübergehend lebensmüde. Sie erwähnt das nur nebenbei, und die Betonung liegt auf »vorübergehend«, denn Elisabeth Graul hat für Lebensmüdigkeit keine Zeit. Am 17. Juni soll sie eine Rede im Magdeburger Landtag halten, darum kann sie jetzt nicht auf ihren Arzt hören und sich operieren lassen. Sie kann jetzt auch nicht einfach sterben, denn am 16. Juni ist ihr 75. Geburtstag, und vorher kommen noch die Reporter vom Rundfunk. Elisabeth Graul ist ein Opfer des Stalinismus und deshalb zu lebenslanger Heldenhaftigkeit verdammt. Sie hat bei Frost in einem Verlies gesessen, sie ist mit Schlafentzug gefoltert worden und verbrachte eine Ewigkeit in Einzelhaft. Als sie nach 375 Tagen Stille in die Gemeinschaftszelle verlegt wurde, platzte ihr fast der Kopf. Es war zum Verrücktwerden. Aber sie ist nicht verrückt geworden. Sie hat den Staat, der sie zur Staatsfeindin erklärte, überdauert.

Nur manchmal sitzt der Schmerz frühmorgens an ihrem Bett und wartet auf die längst überfällige Kapitulation. Elisabeth Graul steht trotzdem auf – wobei man das Wort aufstehen nur behelfsmäßig auf jemanden anwenden kann, der einen kaputten Rücken, eine kaputte Hüfte, ein krankes Herz und noch dazu einen schlechten Tag hat. Training des aufrechten Gangs müsste es heißen. Langsam. Mit zusammengebissenen Zähnen. Auf dem Weg vom Schlafzimmer ins Bad bekommt die verschlissene Metapher wieder Bedeutung. Das Über-sich-Hinauswachsen findet in einer gewöhnlichen Dachgeschosswohnung in einem Dorf namens Barleben statt: als gewaltsame Anstrengung, sich wenigstens so weit aufzurichten, dass man eine Schmerztablette schlucken kann.

Wenn Elisabeth Graul jetzt noch aufgeben würde, ergäbe ihre Tragödie keinen Sinn. Weder für sie selbst noch für uns, das Publikum der Geschichte. Wir wollen von den Zeitzeugen und ihren Schreckensbiografien erschüttert, vor allem aber geläutert werden. Wir wollen die Erniedrigten siegen sehen und in nachträglicher Komplizenschaft selbst ein bisschen Sieger sein.

Heute sitzt sie auf ihrer Terrasse, und weil die Sonne scheint, isst sie ein Eis. Blick über die Baumwipfel, 360 Grad Horizont. Offenbar kann sie von der Welt nicht genug bekommen. Sie hat sich einen neuen Brockhaus gekauft, 24 Bände, Millionen von Wörtern, denn sie erinnert sich noch genau, wie es war, monatelang ohne ein Buch zu sein. Oder wie der einzige Baum im Gefängnishof abgeholzt wurde. Auf ihrer Terrasse stehen die Pflanzen dicht an dicht, von der blauen Trichterwinde bis zur Birke. Auf dem Tisch liegt Walter Kempowskis Tagebuch aus dem Wendejahr. Normalerweise würde man nichts dabei denken, hier denkt man: Natürlich Kempowski, wer, wenn nicht er, der manische Aufbewahrer, der Dokumentensammler, Hüter der Zeit. 1948 bis 1956 war er wegen angeblicher Spionage in Bautzen inhaftiert.

Die Gedenktagshysteriker sind entschlossen, ihr zu applaudieren

Elisabeth Graul wirkt, als sei sie der Vergangenheit tatsächlich entronnen. Die Wandteller hängen an der Wand, die Bücher stehen im Bücherregal, und das Kalenderblatt verkündet den richtigen Monat. Nur dass nirgendwo ein Klavier zu sehen ist, obwohl sie mit Anfang 20 eine begabte Pianistin war, noch im Gefängnis komponierte sie mehrstimmige Chorsätze. Nach der Haft hat sie dreizehn Jahre am Puppentheater Magdeburg gearbeitet, doch in der Wohnung hängt keine einzige Marionette. In ihrer Jugend ist ihr die Kälte tief in die Knochen gefahren, jetzt sind die Finger zu steif zum Klavierspielen. Ansonsten scheint alles in Ordnung. Und wo Ordnung herrscht, herrscht Vernunft, wo Vernunft ist, ist Freiheit. So einfach könnte das sein: Wenn es Abend wird, geht sie schlafen. Wenn es Herbst wird, holt sie die Kübelpflanzen rein. Und von Zeit zu Zeit liest sie, begleitet von einem Jazz-Quintett, aus ihren Gefängnisgedichten.

So einfach ist das natürlich nicht. Wann endet der Ausnahmezustand? Und was heißt Aufarbeitung, wenn einer Albträume hat? Elisabeth Graul hat schreibend und Musik unterrichtend irgendwie weitergemacht. Sie engagiert sich im Verein gegen das Vergessen. Mehrere Lyrikbände sind in den Nachwendejahren erschienen, Erzählungen, Essays, ein Roman. Die neuen Manuskripte hat sie für ihren Verleger bereits sortiert – nach den Stichwörtern Politik, Humor, Liebe, Haftfolgeschäden.

Vielleicht ist es ja ein Glück, dass Elisabeth Graul ein bisschen krumm geht, sonst würde man ihr womöglich noch zu einem gelungenen Leben gratulieren. Je näher der 17. Juni rückt, desto häufiger begegnet man Politikern, die Kränze durch die Gegend schleppen, und man hofft, dass sie sie leise vor ein Gefängnistor legen, aber man fürchtet auch, dass sie sie einem so genannten Betroffenen um den Hals hängen wie nach einem gewonnenen Autorennen. Am lautesten applaudieren die Nachgeborenen immer dann, wenn ein Zeitzeuge sagt, dass die Demokratie zwar eklatante Mängel habe, man so etwas jedoch nun, Gott sei Dank, aussprechen dürfe, ohne ins Zuchthaus zu kommen. Es stimmt, und Frau Graul sagt es auch, da oben auf der Terrasse, wo man an einem blauen Tag die Freiheit mit Händen greifen kann.

Aber sie sagt es in einer Tonlage zwischen Erleichterung und Missmut. Dass die unzulängliche Gegenwart weniger unzulänglich als die Vergangenheit ist, darüber kann sie nicht triumphieren. Wer vom Unbehagen an den politischen Verhältnissen auf direktem Weg in die Gefangenschaft gelangte, der gibt sich hinterher nicht mit alten Legitimationsstrategien zufrieden. Die Gedenktagshysteriker hingegen sind entschlossen, sich auf das Richtige im Falschen zu konzentrieren. Auch deshalb muss Elisabeth Graul bis zum 17. Juni durchhalten. Sie verkörpert das verloren geglaubte Prinzip Hoffnung. Deshalb muss sie, wenn wir uns nach ihrem Befinden erkundigen, dem Schlimmsten immer schon entronnen sein. »Gestern war ich etwas lebensmüde.« Sie sagt das fast spöttisch.

Elisabeth Graul und der Schmerz sind alte Bekannte, seit Jahrzehnten liefern sie sich einen Kampf, den sie fast immer gewinnt. Kennen gelernt haben sie sich 1951 im Keller des Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen, dem geheimen Zentrum politischer Repression in Ostdeutschland. Hierher holte man sich bis 1989 die wichtigsten Dissidenten zum Verhör, Wolfgang Harich, Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs. Als eine der ersten Gefangenen des Staatssicherheitsdienstes, der damals noch kein Ministerium war, kam im heißen Juli 1951 auch die Musikstudentin Graul hier an. Seit Stunden hatte sie in einem getarnten Lieferwagen gehockt, in einer winzigen Kabine, unfähig, sich zu rühren. Den ganzen weiten Weg von Thüringen nach Berlin brannte die Sonne aufs Blechdach, durch die winzige Lüftungsklappe zog nur der Zigarettenqualm vom Fahrerhaus herein.

Mit 23 wurde die Musikstudentin verhaftet – als sie frei kam, war sie 34

Eigentlich hätte ihr das gar nicht passieren dürfen, denn Elisabeth Graul ging damals in West-Berlin zur Uni. Für einen Tag war sie aber zu Hause in Erfurt auf Besuch gewesen. Dort hatten zwei Geheimdienstler sie gekidnappt. Weswegen? Wegen ein paar Flugblättern und wegen Ausplauderns des offenen Geheimnisses, dass man bei freien sozialistischen Wahlen keine Wahl habe. Sie war Mitglied in einem studentischen Widerstandskreis – in einer »faschistischen Bande«, bellte der Oberstaatsanwalt, in der »Söldnerarmee des Adenauer-Regimes«, geiferte die Presse. Was wirklich geschah, ist im Nachlass des Staatssozialismus nur andeutungsweise dokumentiert. Man wusste ja Bescheid, bevor man zu ermitteln begann, und kannte die Wahrheit, ehe sie sich ereignete. Das angewandte DDR-Recht der frühen Fünfziger glich einem Wald der Fiktionen, wer hineingeriet, fand so schnell nicht heraus.

Als Elisabeth Graul an jenem Sommertag aus dem Transporter in einen Gefängnishof taumelte, kreuzlahm und halb erstickt, hatte sie keine Ahnung, wo sie sich befand. Das Schattenreich Hohenschönhausen lag mitten in Berlin, war aber auf keinem Stadtplan verzeichnet. Nur nach stundenlanger Irrfahrt gelangten die Delinquenten dorthin. Manchmal wussten sie nicht einmal, warum sie hergebracht wurden, geschweige denn, ob sie je wieder rauskämen. Kein Angehöriger ahnte, in welchem Keller sie saßen, sie gingen verloren in Zeit und Raum bis zum Tag der Erlösung durch einen Urteilsspruch. Der lautete im Fall von Elisabeth Graul 15 Jahre Zuchthaus. Da war sie 23 und hatte seit sieben Monaten in U-Haft gesessen. Da hatte sie Kafka noch nicht gelesen, aber schon erfahren, was eine kafkaeske Situation ist: vor dem Gesetz stehen und keinen Einlass erlangen. Daran zweifeln, ob überhaupt ein Gesetz waltet. Manches sprach dafür, vieles dagegen.

Irgendwann im Jahr 1950 war sie einem Freund ihres Cousins begegnet, der Kontakte zum Bund Deutscher Jugend hatte. Der BDJ war ein neofaschistischer Verein mit Sitz in Frankfurt am Main und wurde 1952 für verfassungsfeindlich erklärt. Damals versuchte die Gruppe, junge Ostdeutsche anzuwerben. Die BDJler wirkten zunächst harmlos, vor allem wegen ihrer dilettantischen Vorstellungen von Widerstand. Als der BDJ-Chef Paul Lüth seinen Partisanen vorschlug, die Weltjugendfestspiele in Ost-Berlin mit Brechmittel zu sabotieren, da tippten die Partisanen sich bloß an die Stirn. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis sie die Weltverbesserungspläne des BDJ haarsträubend fanden. Damit war der »Widerstandskreis der Jugend der Sowjetzone« nach kaum einem Jahr am Ende.

Zwei Monate später verhaftete man Elisabeth Graul trotzdem, und mit ihr elf weitere Leute. Was sie bereits begriffen hatten, spielte im Prozess keine Rolle. Man brauchte Gegner, die sich als Faschisten denunzieren ließen, denn Antifaschismus war in der DDR längst zum Vorwand für Staatsterror geworden: Erteile dem Abweichler eine Lehre, schlage das Volk in die Fesseln der Furcht, und dann gib dem Henker ein Zeichen. Dass keiner der Angeklagten zum Tode verurteilt wurde, war reines Glück. Das Politbüro der SED diktierte Urteile je nach politischer Großwetterlage, deshalb waren viele Strafen, die zwei Jahre später, nach dem 17. Juni, verhängt wurden, vergleichsweise milde. Die halbe Welt blickte ja auf Ost-Berlin, und so hat man allein im zweiten Halbjahr 1953 vorzeitig 24000 Gefangene entlassen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Elisabeth Graul jedoch keine Chance auf Amnestie, sie kam erst 1962 frei. Am 17. Juni sitzt sie in der Isolationszelle in Hoheneck, alle drei Wochen bekommt sie ein Buch, nie etwas zum Schreiben. Sie beginnt zu dichten, hebt die Verse im Gedächtnis auf. »In der Nacht ist das Gitter zweimal da. / Die Lampe auf dem Hof / wirft es an die Wand, / und die Lampe verlöscht nicht. / Ich liege still / und kann mich nicht befrein / von diesen Stäben.« In der Schriftenreihe der Gauck-Behörde kann man nachlesen, wie die DDR ihre Gefangenen quälte: wie man Menschen durch emotionalen Entzug dazu treibt, ihre Feinde zu lieben. Wie man sie so verunsichert, dass Hoffnung und Furcht ununterscheidbar werden. Aber wie man das alles überwindet, darüber kann die Gauck-Behörde keine Auskunft geben. Elisabeth Graul übrigens auch nicht.

Dass sie immer noch Beethovens Neunte Sinfonie liebt, dass sie mit Schülern über Moral debattiert, das sind so Versuche. Vor der Sehnsucht nach Rache hat sie sich immer gehütet. Aber wie viele andere Opfer kann sie nur mit Bitterkeit über die juristische Aufarbeitung des DDR-Unrechts sprechen. Erstens bietet der Einigungsvertrag kaum Möglichkeiten, gegen die Täter vorzugehen, und zweitens wurden die meisten der wenigen Möglichkeiten von Juristen verschenkt, die nicht einzuschätzen vermochten, wo ein DDR-Prozessprotokoll anfängt und wo es aufhört. Elisabeth Graul hat irgendwann einmal nachgezählt, in wie vielen Verfahren nach der Wende überhaupt Anklage erhoben wurde, und kam auf etwa zwei Prozent. Da muss sie gemerkt haben, dass es aus einer kafkaesken Situation kein Entrinnen gibt. Einmal vor dem Gesetz, immer vor dem Gesetz. Doch man kann die Opferrolle auch mit Heldenmut spielen, deshalb wird Elisabeth Graul sich am 17. Juni im Magdeburger Landtag nicht über ihr Schicksal beklagen, sondern sagen, was ihr an den herrschenden Verhältnissen nicht passt. Die Rede ist bereits fertig geschrieben. Einmal renitent, immer renitent.

Die Farce von Elisabeth Graul, 1991, imPulsDamals, vor fünfzig Jahren, ahnte sie noch nicht, wie schwer, ja unmöglich es später sein würde, vom Ausnahmezustand zu erzählen, und wie schwer, ja unmöglich, davon loszukommen. Die Euphorie, als sie nach Hoheneck transportiert wurde und endlich wieder nach draußen sehen konnte. Da glaubte sie, sie wäre schon glücklich, wenn sie nur jeden Tag ein Stück Himmel hätte. »So bescheiden bleibt man aber nicht«, sagt sie und deutet von einem Ende der langen Terrasse zum andern, eine selbstironische Geste, die das Wissen mit einschließt, dass erlittene Gewalt niemanden zu einem besseren Menschen macht. Ihrer Autobiografie gab sie den Titel Die Farce .

Wie also geht das Leben nach der Katastrophe? Wenn man weiß: Demut ist falsch. Aber Zorn ist auch falsch. Ihr Herz ist nach einer in der Haft unbehandelten Zahnentzündung schwer geschädigt. Sie habe Glück gehabt, dass das als Folgeschaden anerkannt wurde. Sie findet jedoch, dass man die eigene Leidensgeschichte nicht zu oft erzählen darf. Deshalb liest sie jetzt eines ihrer Gedichte aus der Abteilung Liebe vor: »Ich möchte alle roten Autos küssen, / weil du in einem solchen fährst, / doch werde ich mich wohl beherrschen müssen, / da du den Kuss aufs Blech verwehrst.« Wie sie zwischen den Zeilen aufblickt, mit großer Heiterkeit und einigem Ernst, ist typisch für Elisabeth Graul.

Das Lakonische scheint unter Exhäftlingen überhaupt ein beliebter Notbehelf zu sein. Einige führen jetzt Besucher durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen, und wenn sie in den Flur mit den Vernehmungszimmern einbiegen, dann kann es geschehen, dass sie der trödelnden Gruppe Beine machen: »Beeilung, Sie kommen zu spät zum Verhör.« Manchmal ist hier aber auch das Unbewältigte zu spüren. Dann spricht ein Exhäftling vom »deutschen Volk« in so herrischem Ton, dass einem kalt wird. Bisweilen kommen ehemalige Stasi-Oberste zu den Führungen, viele wohnen noch immer gleich um die Ecke. Manchmal ist es nicht leicht, der Vergangenheit zu entrinnen.

Fragt man Elisabeth Graul, was das Schwierigste sei, das, was man nie überwindet, dann blickt sie sich um und sagt: »Sie sehen ja, ich habe nicht geheiratet, keine Kinder bekommen.« Die beste Rache wäre natürlich ein glückliches Leben. Sie schaut in den Himmel, sie rezitiert noch ein Gedicht aus der Abteilung Humor. Dann entschuldigt sie sich, dass sie jetzt nur im Liegen weiterreden könne, und wechselt klaglos aufs Sofa, wo der Plüschbär sitzt, den sie nach der Haftentlassung geschenkt bekam. Er ist schon ziemlich ramponiert. Sie schiebt sich ein Kissen unter den Kopf und sagt: »Ich warne Sie, werden Sie bloß nicht alt.«

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