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Günter Grass, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Günter Grass,
Foto: Ekko von Schwichow

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Der große Trommler
Gesellschaftskritik war für ihn Bürgerpflicht – und der Nobelpreis eine Würdigung für einen Autoren von Weltrang. Deutschland nimmt Abschied von einer verehrten und gleichzeitig umstrittenen Jahrhundertfigur: Gestern starb
Günter Grass, der Schöpfer der „Blechtrommel“, mit 87 Jahren.
Nachruf von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 14.4.2015:

Jetzt werden sie endlich eine Ruh’ geben. Jetzt, da er seine letzte Ruhe gefunden hat. Die Nörgler werden verstummen, und die ehedem scharfen Kritiker seines Werks und seines Lebens ein warmherziges Lied anstimmen. Denn nun ist er tot.

Gestern starb in einer Lübecker Klinik der am 16. Oktober 1927 in der damaligen Freien Stadt Danzig geborene Günter Grass, der große deutsche Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger, der Deutschlands Schande, Faschismus und Krieg, zu seinem Lebensthema gemacht hatte. Dazu den Verlust der Heimat. Das aber ganz anders, als es die Verbände der Heimatvertriebenen gerne gelesen hätten. Die Enge der Verhältnisse kleiner Kolonialwarenhändler, wie es seine Eltern waren, die Prüderie des väterlichen Protestantismus, die katholische Üppigkeit der kaschubisch-stämmigen Mutter – das alles prägte Kindheit und Jugend insofern, als der junge Grass nur eines wollte: weg von zu Hause. Und so meldete er sich als Fünfzehnjähriger freiwillig zur Wehrmacht.

Die Blechtrommel von Günter Grass, dtvLiterarisch verarbeitet hat er dies in den drei Romanen „Die Blechtrommel“ (1959), „Katz und Maus“ (1961) sowie „Hundejahre“ (1963). Zusammengefasst unter dem Obertitel „Danziger Trilogie“ bilden sie, beseelt und getragen von dem unbedingten und anspruchslosen Willen nach Aussöhnung, die Grundlage seines Weltruhms. Diese Bücher waren das Fundament für Grass’ Existenz als unabhängiger Schriftsteller und politischer Bürger.

Gegangen ist ein Mann mit einem großen Herzen. Das schlug für die Kunst – neben dem Schreiben waren es bis zuletzt Bildhauerei, Malerei und Grafik, die Grass in Düsseldorf und Berlin studiert hatte. Es schlug auch für Willy Brandt, für den er einst Reden schrieb und mit uneingeschränktem Engagement in den Wahlkampf zog. Und es schlug für die Frauen und seine Kinder, sechs eigene und zwei, die er ebenfalls seine Söhne nannte; in erster Ehe verheiratet mit der Schweizer Tänzerin Anna Margareta Schwarz, in zweiter, seit 1979, mit der Organistin Ute Grunert.

Der große Fabulierer und Geschichtenerzähler bekannte 1999 in seiner Nobelpreis-Vorlesung: „Bis ins fünfte Jahrzehnt meiner lustvoll ertragenen Schreibfron kaue ich zähfaserige Satzgefüge zu fügsamem Brei, brabbel in schönster Schreibeinsamkeit vor mich hin und lasse nur zu Papier kommen, was auch gesprochen seine wechselnde Tonlage gefunden, Hall und Echo bewiesen hat.“

Günter Grass war ein maßgebliches Mitglied der Gruppe 47 und ein kompromissloser Gesellschaftskritiker. Zweifel schienen unangebracht. Sich einmischen, politisch mitmischen, beurteilen und verurteilen – das hat er von sich selbst erwartet, das haben seine Anhänger und Verehrer immer an ihm geschätzt, wenn sie beispielsweise als Zuhörer dem glänzenden Vorleser seiner Prosa und Lyrik und überzeugenden Selbstdarsteller auf dem Podium applaudierten.

Bis eines Tages Grass selbst die Bombe platzen ließ. In seinem autobiografischen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) enthüllte er die frühen Jahre seiner Jugend, und zum Vorschein kam unverhofft seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS – als Siebzehnjähriger bei der 10. SS-Panzer-Division Frundsberg. Sie hatte sich sozusagen herausgeschält beim Abtragen sämtlicher Schutzhäute.

Diese fast lebenslange Verdrängungsleistung kostete ihn viel Sympathie und Glaubwürdigkeit. War aber von großer Wirkung. Denn gleichzeitig wurde damit eine breite Debatte angestoßen über den politischen Missbrauch und die Automatismen, mit denen sich die Diktatur Hitlers der Jugend bemächtigte. Einer Jugend, die nach dem Überstehen von Kriegsinferno und Gefangenschaft ihre vormalige Einreihung ins System nicht mehr wahrhaben wollte; die ihre individuelle Schuld ablud auf die große kollektive Schuld aller Deutschen und sich damit frei fühlen konnte.

Aber was hat das alles mit dem Werk des Dichters zu tun? Im besten Fall gar manches, denn Günter Grass hat immer zu Diskussionen Anstoß gegeben. Im Normalfall jedoch nichts. Das Werk steht für sich. In 100 Jahren vermutlich wird niemand etwas wissen wollen darüber, dass Günter Grass kein Pardon kannte mit alten Nazis, dass er ein Genosse Willy Brandts war, dass er sich dennoch als propagandistischer Gegner der deutschen Wiedervereinigung erwies, dass er seine eigene, schuldhafte Verstrickung Jahrzehnte lang verschwiegen hat, dass er schließlich 2012 mit seinem israelkritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“ allgemeines Befremden, ja Entsetzen hervorrief.

Danach wird niemand mehr fragen. Aber lesen werden die Menschen Günter Grass dann immer noch. Denn der literarische Wert liegt in den Büchern selbst. Seine Romane, Novellen, Erzählungen, Verse („Lyrische Beute“, 2004) sprechen für sich.

„Die Blechtrommel“ ist Weltliteratur. Und Volker Schlöndorffs Verfilmung dieses Romans mit David Bennent als wachstumsresistentem Oskar Matzerath hat viel beigetragen zum populären Ruhm des Schriftstellers. Desgleichen aber auch Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Mit seinen wirkungsvollen Verrissen der Prosa, ob auf einem „Spiegel“-Titel oder im „Literarischen Quartett“, und seiner gleichzeitigen Lobpreisung der Lyrik sorgte er mit dafür, dass der Dichter immer schön im öffentlichen Gespräch blieb.

Unkenrufe von Günter Grass, dtv 11846Grass’ Prosa, die sich mischt aus handfestem Realismus mit surrealistischen Begebenheiten und poetischen Wahrnehmungen, ist auch ein bedeutender Spiegel der jüngeren historischen Entwicklung Deutschlands: „Der Butt“ (1977), „Das Treffen in Telgte“ (1979), „Die Rättin“ (1988), „Unkenrufe“ (1992). Drei Jahre später dann „Ein weites Feld“, der deutsche Wenderoman, angesiedelt zwischen Mauerbau und Wiedervereinigung, mit gravierenden historischen Fußnoten – die 1848er-Revolution und Theodor Fontane, als dessen Alter Ego Grass seine Hauptfigur Fonty erscheinen lässt.

Zur Geschichte dieses sehr erfolgreichen Romans gehört allerdings die Tatsache, dass es darüber zum Zerwürfnis mit Schriftsteller-Freund Hans Joachim Schädlich kam, in dessen Werk „Tallhover“ Grass dreist gewildert hatte.

Im Krebsgang von Günter Grass, 2002, SteidlAufsehenerregend dann auch „Im Krebsgang“. In der 2002 erschienenen Novelle beschäftigt sich Grass nicht nur mit dem dramatischen Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“, sondern das Buch konnte als eine Versöhnungsgeste an jene Vertriebenen verstanden werden, die in Günter Grass immer nur einen „Verräter der verlorenen Heimat“ sahen. Früh habe er erfahren, so Grass in Stockholm, „dass Bücher Anstoß erregen, Wut, Hass freisetzen können. Was aus Liebe dem eigenen Land zugemutet ward, wurde als Nestbeschmutzung gelesen. Seitdem gelte ich als umstritten.“

Mit den sehr konkret autobiografischen Werken „Beim Häuten der Zwiebel“ und „Die Box“ (2008) hat Günter Grass sein Leben literarisch abgerundet. „Grimms Wörter“ ist der Titel seines letzten Buches. Und eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache: „Einerseits geben Wörter Sinn, andererseits sind sie tauglich, Unsinn zu stiften. Wörter können heilsam und verletzend sein. Das Wort als Waffe. Sich spreizende, auftrumpfende, mit Bedeutung gemästete Wörter: Manche sind Zungenbrecher, andere lassen erkennen, verschleiern, leugnen ab, decken zu oder auf. Oft liegen winzige Wahrheiten unter Wortlawinen begraben. Aus Wortstreit entspringen Schimpfwörter. Flüche, Beschwörungen, Zaubersprüche bannen, rufen herbei, lassen Wunder geschehen.“ Und große Literatur. Wo kann das ein Leser besser erfahren als bei Günter Grass.

Die Trauer um den Verlust dieses streitbaren, sprachsinnlichen deutschen Schriftstellers wird vergehen. Sein Werk aber wird uns alle überleben. Er selbst hat das in den „Fundsachen für Nichtleser“ (1997) so gesehen: „Mit einem Sack Nüsse/ will ich begraben sein/ und mit neuesten Zähnen./ Wenn es dann kracht,/ wo ich liege,/ kann vermutet werden:/ Er ist das,/ immer noch er.“

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Zum umstrittenen Gedicht in der Süddeutschen Zeitung I Leseprobe I Buchbestellung 0915 LYRIKwelt © Münchner Merkur