Günter Grass, 2001, Foto: Doris Poklekowski

Günter Grass,
Foto: Doris Poklekowski

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1.) - 2.)

Grass-Gedicht kritisiert Israel
"Atommacht gefährdet Weltfrieden" - brüske Reaktionen
Besprechung von Lars von Gönna in der WAZ vom 5.04.20102:

Ein Gedicht des 84-jährigen Günter Grass hat eine Böe in den Blätterwald des deutschen Feuilletons geweht. Drei Zeitungen von Rang veröffentlichten gestern Grass' Gedicht: "Was gesagt werden muss".

Der Inhalt der neun Strophen des greisen und an Mut wie Wut immer noch reichen Literaturnobelpreisträgers ist brisant. Grass greift, "gealtert und mit letzter Tinte", mit dem zeitgleichen Abdruck in der "Süddeutschen", der US-amerikanischen "New York Times" und der italienischen "La repubblica" Israel scharf an; "...die Atommacht Israel gefährdet/den ohnehin brüchigen Weltfrieden", heißt es in Grass' Gedicht. Deutsche U-Boot-Lieferungen nach Israel nennt Günter Grass dort "mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert." Und gleich darauf, beschreibt er die Ziele des Militärschiffs : "alles vernichtende Sprengköpfe/ dorthin lenken zu können, wo die Existenz/einer einzigen Atombombe unbewiesen ist".

Wen die Wutrede in Versen allen voran aus der Reserve lockt, hätte man vorher wissen können. Am gleichen Tag rollt die "Welt" für einen Feuilleton-Provokateur vom Dienst den roten Beschimpfungsteppich aus: "Nicht ganz dicht, aber ein Dichter" lautet die Überschrift zu Henryk M. Broders Text. Grass' Bekenntnisse zur schuldvollen deutschen Vergangenheit, die das Gedicht ebenfalls enthält, tut Broder als "das übliche Verbale Vorspiel zu einem Tabubruch" ab.

Er wirft Grass vor, vom Wunsch getrieben zu sein "Geschichte zu verrechnen". Broder erinnert an Grass spät eingeräumte Mitgliedschaft bei der Waffen-SS, ehe er mit einer schweren Anklage schließt: "Grass ist der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint."

Während der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (91) eine Einschätzung des Israel-Gedichtes ablehnte ("Ich werde mich nicht über Grass äußern"), zeigte der Publizist Ralph Giordano (89) sich von dem Text erschüttert und sprach zugleich von einem "Anschlag auf die Existenz Israels".

Politiker widerspricht

Dass Grass Israel mit dem Iran in seinen Versen auf eine Stufe stelle, beklagte Ruprecht Polenz als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages. Zur "Mitteldeutschen Zeitung" sagte Polenz: "Das Land, das uns Sorgen bereitet, ist der Iran. Davon lenkt sein Gedicht ab. Grass verwechselt Ursache und Wirkung. Er stellt die Dinge auf den Kopf."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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Günter Grass, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Günter Grass,
Foto: Ekko von Schwichow

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2.)

Wortwörtlich versagt
Günter Grass' Gedicht ist nicht nur eine Provokation. Es zeigt, dass er die Kontrolle über sein Medium verliert: Die Sprache

Von Jens Dirksen in der NRZ vom 7.4.2012:

Möglicherweise ging es Günter Grass mit dem Skandal-Gedicht "Was gesagt werden muss" tatsächlich darum, auf die Gefahr für den Weltfrieden aufmerksam zu machen. Möglicherweise sorgt er sich wirklich, ein israelischer Erstschlag gegen die vermutete atomare Aufrüstung des Iran könnte einen Weltenbrand auslösen. Dann aber hätte Grass seinem Anliegen den größtmöglichen Bärendienst erwiesen - sowohl mit dem Gedicht, bei dem es sich um Leitartikel-Prosa im Vers-Umbruch handelt, als auch mit seiner maßlosen Reaktion auf die Kritik daran. Diskutiert wird über Grass, nicht über Israel und den Iran, die ja tatsächlich die Weltpolitik nach ihrer Pfeife tanzen lassen.

ANALYSE

Der Literaturnobelpreisträger Grass aber stilisiert sich zum Opfer, ganz ähnlich wie es der so ganz anders gepolte Provokateur Thilo Sarrazin tat. Beide behaupten mit dem Unterton des "man wird doch wohl noch sagen dürfen, dass ...", sie hätten allzu lang geschwiegen und würden nun eine angeblich unterdrückte Wahrheit aussprechen - als lebten wir nicht seit Jahrzehnten in grundgesetzlich garantierter Meinungsfreiheit.

»Attitüde eines hellsichtigen Widerstandskämpfers des Jahres 1934«

Jahrzehnte lang war es der Günter Grass der alten Bundesrepublik gewohnt, mit Kritik überzogen zu werden, wenn er in politische Debatten des Landes eingriff. Grass war stets der Provokateur, der einen Schritt zu weit ging, um den mächtigen Strom der Meinungen ein Stück zu lenken, in seinem Sinne zu korrigieren.

Zuletzt hat er 1997 einen solchen Versuch unternommen, als er bei der Festrede auf den Friedenspreisträger Yasar Kemal gegen die deutsche Asylpolitik polemisierte. Erfolglos übrigens, die Probleme der Einwanderung müssen heute Griechenland, Italien  und Spanien lösen. Zwei Jahre später erhielt Grass den Literatur-Nobelpreis, und seither versteht er jede Kritik an ihm und seinen Thesen als Majestätsbeleidigung. Selbst die Reaktionen auf sein viel zu spätes Bekenntnis, als 17-Jähriger in den letzten Kriegstagen die Uniform der Waffen-SS getragen zu haben, nahm er nicht mit der eigentlich naheliegenden Zerknirschung hin, sondern mit beinahe kindlichem Trotz und einen Hauch von Verfolgungswahn.

Ein Muster, das sich nun wiederholt. Vielleicht ist die Vehemenz seiner Selbstverteidigungs-Attacke auch eine uneingestandene Reaktion auf die Einsicht, dass er versagt hat - ausgerechnet auf jenem weiten Feld, auf dem er doch längst mit höchsten Weihen ausgestattet ist. Denn Grass hat literarisch versagt. Der Herr der Worte, für den ihn die meisten bislang immer noch hielten, hat zu den falschen rhetorischen Mitteln gegriffen. Er selbst hat inzwischen gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" eingeräumt, dass er da, wo er pauschal von Israel schreibe, die gegenwärtige Regierung des Landes zu meinen. Er würde das Gedicht heute anders schreiben, einen Widerruf plane er aber nicht.

Schon die Form des Gedichts ist ja ein Versuch, seine Thesen durch die Würde der Dichtung unangreifbar zu machen. Doch nicht einmal die größten Freunde freier Versformen werden einen Hauch von Lyrik darin entdecken.

Hinzu kommt eine Wortwahl, die Missverständnisse geradezu heraufbeschwört, bis hin zu den angeblichen "Planspielen" Israels, "an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind" - Holocaust-Analogien als Zündfunken der Provokation. Frank Schirrmacher hat in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" darauf hingewiesen, dass Grass in seinem Gedicht nicht nur die Opferrolle anstrebe, sondern auch die Attitüde eines "hellsichtigen Widerstandskämpfers des Jahres 1934" pflege.

"Atomares Potential"

Dabei geht in den Wogen der wechselseitigen. Empörung unter, was Grass wollte - nämlich "nur darauf bestehen, / daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle / des israelischen atomaren Potentials / und der iranischen Atomanlagen / durch eine internationale Instanz / von den Regierungen beider Länder zugelassen wird."

Klingt doch ganz vernünftig.

Es ist allerdings ein Armutszeugnis für einen Literaten, nicht die besten Argumente in den besten Worten dafür zusammentragen zu können.

PRESSESTIMMEN:

The Guardian: "Das Gedicht von Günter Grass ist ein subtiles aber direktes Beispiel für eine Tendenz in Deutschland, das der Historiker Dan Diner 'entlastende Projektion' genannt hat: Die Relativierung des Holocaust durch die implizite Gleichstellung von Israel mit Nazi-Deutschland."

Kölner Stadtanzeiger: "In Wahrheit gibt es keine israelischen Vernichtungsfantasien gegen den Iran. Es ist das Regime von Teheran, das Israel von der Landkarte tilgen will. .. Der Text enthüllt seinen Verfasser als politisch ahnungslos und moralisch bankrott. .. Er ist ein Tabubruch im Kampf gegen den eigenen Bedeutungsverlust.

Augsburger Allgemeine: "Grass hat recht, wenn er darauf hinweist, dass Israel selbst ohne international, Kontrolle über Atomwaffel verfügt. Der Unterschied zum... Iran besteht jedoch darin, dass Israel seine Nachbarn nicht vernichten will, Iran Präsident Ahmadinedschad aber genau dies Israel angedroht hat. Niemand kann Grass verbieten, seine Gedanken zu äußern. Es gehört auch kein Mut dazu: Was er glaubt sagen zu müssen, darf gesagt werden. Auch wenn es im Kern Unsinn ist."

Zeit online: "Unter der Überschrift "Der Antisemitismus will raus" heißt es: "So denkt ES in ihm: Günter Grass schreibt ein Gedicht über Israel, das Sigmund Freud jubeln ließe. Denn es gibt tiefe Einblicke in sein Unterbewusstsein."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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