Hundejahre von Günter Grass, dtvVon Kinderstimmen umtost warten die Blätter still auf ihrem blauen Untergrund auf einen aufmerksamen Betrachter. Im Münchner Gasteig findet die Bücherschau des Literaturfests wieder großen Anklang. Werke und Autoren gilt es zu entdecken. Und Bilder. Sie stammen von Günter Grass (Jahrgang 1927), der seit 2010 136 Radierungen für seinen 50 Jahre alten Roman „Hundejahre“ (1963) geschaffen hat. Im ersten Stock des Kulturzentrums wurde am Donnerstagabend eine Ausstellung der Arbeiten eröffnet.

Vor seinem Auftritt im Gasteig nahm sich der Nobelpreisträger Zeit für ein Gespräch mit unserer Zeitung, in seinem Schwabinger Hotelzimmer flankiert von Sauerstoffgerät und einer frisch gestopften Pfeife - ein bezeichnendes Paar - sowie dem Katalog des Lenbachhauses. Das hatte der Schriftsteller-Grafiker-Bildhauer gerade zwei Stunden durchstreift und war noch ganz begeistert von der Sammlung, schwärmte von Lovis Corinth und Gabriele Münter, von Alexej Jawlensky und der Münchner Schule.

Man selbst ist freilich neugierig auf den Künstler Grass und darauf, wie es sich anfühlt, nach 50 Jahren einem eigenen Werk zu begegnen? Der Autor erklärt zunächst, warum er gerade diese Grafikserie geschaffen habe: „Ich habe in all den Jahren immer wieder vorgehabt, das Buch in die Hand zu nehmen und es vielleicht mit Zeichnungen auszugestalten, weil ich damals schon viele Zeichnungen zu den Themen – etwa die Vogelscheuchen – gemacht hatte.“

Das Werk „Grimms Wörter“ war fertig, Grass erholte sich wie jeden Sommer in Dänemark. Dort im Wald habe er überlegt, in welcher Technik er vorgehen soll. Nach der Lithografie lockte die Radierung. Aber die erfordert Kraft und Ruhe. „Ich habe meine Hände ausgestreckt, habe gekuckt, ob sie zittern – sie zitterten nicht. So arbeitete ich also mit Kupferplatten, und zwar in allen Techniken: Ätz-, Kaltnadelradierung und Aquatina. Eineinhalb Jahre dauerte das. Um auf Ihre Frage zu kommen: Ich habe das Buch noch einmal gelesen – und es war ein Abenteuer, mich zu entdecken, bestimmte Schreibphasen.“

„Hundejahre“ ist ein vielschichtiger Text mit drei Erzählern. Seelenklug und sprachfunkelnd leuchtet Grass darin Menschen in Extremsituationen aus, hier in Nazi- und Nachkriegszeit. Das spürt der Betrachter ebenso bei den Grafiken. Grass lebt intensiv in beidem: „Das Buch hatte mir große Schwierigkeiten bereitet, denn ich hatte mit einer verfehlten Erzählposition begonnen. Die erste Fassung hieß ,Kartoffelschalen‘. Dann stieß ich auf einen Komplex, „Ritterkreuzträger“, der sprengte alles. Daraus entwickelte sich ,Katz und Maus‘. Danach hatte ich eine neue Erzählkonzeption und konnte ,Hundejahre‘ schreiben.“ Mit ihnen rundete sich zusammen mit „Blechtrommel“ (1959) und „Katz und Maus“ (1961) die sogenannte „Danziger Trilogie“.

Radierungen als schwere körperliche Arbeiten

Grass betont, dass er an „Hundejahre“, 1963 mit seinem markanten Umschlagbild eines Hundekopfs im Finger-Schattenspiel herausgebracht, mehr hänge als an der „Blechtrommel“. Beim Blick in die Vergangenheit sei es für ihn überraschend gewesen, „dass das Buch frisch geblieben war. Das hängt sicher damit zusammen, dass ich damals ein ungestümer Autor war; es war ein unablässiger Schreibprozess - sieben Jahre lang.“

Nach diesem Kraftakt befragt, schmunzelt der 87-Jährige: „Das empfand ich nicht so.“ Allerdings habe sich das Gefühl ausgebreitet, dass er gar nicht mehr lebe, vielmehr nur noch ein Instrument sei. „Ich war, als ich mit den ,Hundejahren‘ fertig war, in der Tat fertig.“

Das Durchhaltevermögen brauchte es 50 Jahre später auch für die Radierungen. Sie bedeuten schwere körperliche Arbeiten, leisten Widerstand. Das habe ihn wahrscheinlich gereizt, denn beim Schreiben sei es genauso gewesen: „Ich hatte eine ungeheure Stoffmasse zu wälzen.“ Handwerk habe ihn noch nie geschreckt, „ich komme von der Bildhauerei her“. Darüber hinaus habe er seit Beginn der Neunzigerjahre, seit ,Unkenrufen‘, keine Radierung mehr geschaffen. So war der Nobelpreisträger eineinhalb Jahre zwischen Portugal und Deutschland mit Kupferplatten unterwegs. In Berlin-Neukölln ging’s schließlich zum Drucker – dort wurde weiter gewerkelt.

Was in der Ausstellung auffällt, ist, dass die „Hundejahre“-Grafiken keine „braven“ Illustrationen sind. Das Motiv des Finger-Schattenspiels hat Günter Grass erneut aufgenommen. Er selbst betont das Wechselspiel der Blätter: „Manchmal sind sie dem Text nah, dann sind sie wieder zeichenhaft oder geben etwas atmosphärisch wieder. Ich habe wie mein großes Vorbild Goya Vorzeichnungen benutzt. Aus vielen von ihnen habe ich dann eine Auswahl getroffen.“ Zeichnungen könne man eben leicht korrigieren oder wegwerfen, „aber was in der Platte ist, ist drin. Das Konzept muss man sicher in Kopf und Hand haben,  vor allem bei Kaltnadel (es wird direkt ins Metall gegraben, Anm d. Red.). Ich habe bewusst so viele Kaltnadel- wie Ätzradierungen (hier wird Säure eingesetzt) gemacht, weil das einfach ein anderer Strich ist. Das belebt die Serie.“

Grass war und ist Handarbeiter, ob beim Zeichnen, Malen, Modellieren oder Schreiben. Nach längeren Schreibphasen „habe ich stets das Handwerk gewechselt. Und damit geht ein Perspektivwechsel einher – obwohl alles mit den Händen geschah. Für mich gehört das Haptisch-Sinnliche zum Arbeitsprozess.“ Deswegen genießt es der Dichter, mit seinem Verleger Steidl auch mal völlig andere Bücher zu entwickeln, wie „Fundsachen für Nichtleser“, genießt, dass „Aquadichte“, Aquarelle-Gedichte, entstehen dürfen. Noch etwas Weiteres ist nützlich in dem Gespinst  aus  Dichtkunst und Bildender Kunst: „Schreiben und Zeichnen sind vom Ursprung nahe beieinander. Da ich sehr bildhaft schreibe, tut Abstand manchmal not. Eine Metapher ist leicht aufs Papier gebracht. Wenn  man  sie  mit der Radiernadel überprüft oder mit einem spitzen Bleistift, dann merkt man, ob die Metapher zu leichtfertig gefasst worden ist.“

Wie mit Walser umgesprungen wurde ist furchtbar

Ein weites Feld von Günter Grass, dtv 12447In Günter Grass’ gerade erschienenem Werkstattbericht „Sechs Jahrzehnte“ schildert er häufig, dass ihm Bildende Kunst in stürmischen Zeiten half: „Ich habe ja nun in den vergangenen Jahrzehnten einiges in der Öffentlichkeit abbekommen. Als ich ,Ein weites Feld‘ herausbrachte, gab sich ein unglücklicher Liebhaber der Literatur (gemeint ist Marcel Reich-Ranicki) zum Beispiel dafür her, auf dem ,Spiegel‘-Cover mein Buch zu zerreißen. Es entstand anschließend ein Rudelgeheul, das mein Buch fertigmachen wollte. Ja, da habe ich mich regelrecht in ,Fundsachen für Nichtleser‘ geflüchtet, habe angefangen, wieder zu aquarellieren. Das war befreiend.“

Der Autor musste einerseits von Anfang an mit Kritik leben, die zuletzt heftig hochkochte, als er die deutsch-israelische Waffenpolitik in dem Gedicht „Was gesagt werden muss“ anprangerte. Andererseits wird dem Nobelpreisträger tiefe Verehrung entgegengebracht. Wie hält man so ein Wechselbad aus? Abgeklärt reagiert auch der 87-Jährige darauf nicht.

Von einem „schönen und angenehmen“ Erlebnis kann er dennoch sogleich erzählen: „Heute im Lenbachhaus wurde ich ab und zu von Leuten zwischen 50 und 60 angesprochen. Die haben sich bei mir bedankt, sie seien mit meinen Büchern aufgewachsen. Kürzlich war ich mit einigen meiner Enkelkinder in meiner Heimatstadt Danzig, heute Gdansk. Das ist immer erholsam, weil ich dort so respektvoll und freundlich aufgenommen werde.“

Von den heutigen Literaturkritikern hält er hingegen nicht viel. Sie hätten „egozentrische Wünsche an den Autor und sind enttäuscht, wenn sie nicht erfüllt werden“. Was die politischen Angriffe angehe, so sei „der Respekt vor Leistungen hierzulande weitgehend verloren gegangen. Wie etwa mit Martin Walser umgesprungen wurde, ist doch einfach furchtbar. Nach dem Gedicht von mir, ,Was gesagt werden muss‘, zu dem ich nach wie vor stehe – da ist der Vorwurf Antisemitismus rasch bei der Hand. Das ist verletzend! Und ist nicht leicht wegzustecken. Ich will mich da nicht als jemand darstellen, der dabei nur mit den Schultern zuckt.“

Im Gasteig hatte Günter Grass hingegen seine Freude. Und was die Schüler in der Bücherschau angeht: Die Grafiken haben auf ihre spitzbübische Weise so manches Kinderauge angezogen. Denn was da an Grauen, Grusel und Gaudi märchenhaft surreal daherkommt, ist wunderbar eigenständig.

Informationen:
Die Ausstellung (Gasteig, freier Eintritt, 15 Stunden täglich) läuft wie das Literaturfest bis 7. 12.; Programm: www.literaturfest-muenchen.de.
Bücher: Günter Grass’ „Hundejahre“, illustrierte Jubiläumsausgabe, Steidl Verlag; 65 Euro. Dort auch „Sechs Jahrzehnte“ mit vielen Abbildungen, 607 Seiten; 45 Euro.